Die SMS kam, als sich Jared Kushner auf dem Weg zur Arbeit befand. «Vater ist nicht an der heutigen Sitzung», hiess es in der Nachricht seines jüngeren Bruders Josh. «Ist alles in Ordnung?» Umgehend rief Jared seinen Vater Charles an – und erfuhr, dass seine Welt bald zusammenbrechen werde. «Sie werden mich heute verhaften», sagte der ältere Kushner, schwerreicher Immobilienhändler aus New Jersey und Sohn von Holocaust-Überlebenden aus Polen.

Die Prognose erwies sich als zutreffend: Charles Kushner wurde am 13. Juli 2004 von der Bundespolizei FBI festgenommen – das überraschende Ende einer bis zu diesem Zeitpunkt vorbildlichen Karriere. Angeklagt der illegalen Wahlkampfspenden und der Beeinflussung von Zeugen landete er alsbald hinter Gittern, auch weil er versucht hatte, seinen Schwager mittels einem Sex-Video davon abzuhalten, mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren. Jared, sein ältester Sohn, wurde über Nacht zum neuen Kopf des Familienbetriebs, obwohl er zu diesem Zeitpunkt erst 23 Jahre alt war.

Er spricht Trumps Sprache

Nun folgt der nächste Karrieresprung für den ambitionierten, in der Öffentlichkeit stets etwas scheu wirkenden Jared Kushner: Der künftige Präsident Donald Trump gab bekannt, dass er Kushner zu seinem Berater ernennen und dass Kushner neben Stabschef Reince Priebus und Einflüsterer Steve Bannon arbeiten werde. Damit erhält der nunmehr 36-Jährige – sein Geburtstag war am Dienstag – einen Titel («Senior Advisor»), der ihn auch formal zu einem der einflussreichsten Männer in Amerika macht.

Informell war Kushner schon lange einer der einflussreichsten Unterstützer Trumps. Selbst in den Krisenmonaten im Sommer 2016, als Trump die Kontrolle über seinen Wahlkampf zu verlieren drohte, verlor der smarte Geschäftsmann nie sein Vertrauen in ihn. Ein Grund für diese Loyalität: Kushner ist seit 2009 mit Trumps Tochter Ivanka (35) verheiratet, mit der er drei Kinder hat.

Kushner spricht zudem die Sprache des Geschäftsmanns, der künftig als Präsident amtieren wird. Wie Trump versuchte auch Kushner als Konzernchef einer Familien-Holding, im hart umkämpften New Yorker Immobilien-Markt als wichtiger Mitspieler wahrgenommen zu werden. Gemäss eigenen Angaben besitzen die Kushner Companies mehr als 20 000 Apartments und Bürogebäude, darunter ein Hochhaus an der Fifth Avenue in Manhattan, das sie vor zehn Jahren für die Rekordsumme von 1,8 Milliarden Dollar kauften. Zudem versuchte Kushner auch – ähnlich wie Trump – sich in der New Yorker Medienbranche einen Namen zu machen. So riss er sich im Jahr 2006 die Wochenzeitung «New York Observer» unter den Nagel. Kushner will sich von sämtlichen Firmenbeteiligungen trennen, sobald er seinen neuen Job antritt, und keinen Lohn beziehen, damit seine Berufung nicht gegen ein Bundesgesetz verstösst, das Vetternwirtschaft im Weissen Haus verbietet.

Friedensstifter in Israel?

Im Gegensatz zu seinem Schwiegervater hielt sich Kushner bisher aus der Tagespolitik heraus. Hinter den Kulissen, so heisst es in New York, liess er seine Muskeln aber immer wieder spielen – ohne dabei seine Contenance zu verlieren. Selbst unter hochrangigen Demokraten gilt Jared Kushner deshalb als vernünftiger Gesprächspartner. Kushner ist orthodoxer Jude – Ivanka konvertierte seinetwegen zum jüdischen Glauben – und besitzt vorzügliche Kontakte, auch nach Israel. Geht es nach dem neuen Präsidenten, wird er seine Beziehungen bald spielen lassen, um Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu stiften. Unmöglich? Der
36-Jährige ist da anderer Meinung.