Die Spannung in Frankreichs turbulentem Wahlkampf steigt. Angesichts der zahlreichen Wirren und Wenden erstaunt es nicht, dass laut Umfragen 40 Prozent der Wähler noch nicht wissen, wem sie ihre Stimme geben wollen. Sicher ist nur, dass Ende April elf Kandidatinnen und Kandidaten antreten werden. Die Hälfte zählt eher zur politischen Folklore: Die zwei Trotzkisten Nathalie Arthaud und Philippe Poutou, die zwei EU-Gegner Nicolas Dupont-Aignan und François Asselineau, dazu der Ewigkandidat Jacques Cheminade, der den Mars bevölkern will, und ein Hirtensohn aus den Pyrenäen, Jean Lassalle.

Die fünf aussichtsreichsten Bewerber treffen sich heute Abend auf dem grössten privaten TV-Sender TF1 zu einem Streitgespräch. Die Erwartungen an diese Art von Mediendemokratie sind so hoch wie kaum je zuvor, denn die Franzosen finden sich in diesem Wahlkampf selber kaum mehr zurecht. Alles scheint anders: Die Vertreter der klassischen Linken und Rechten, die das Rennen seit Beginn der Fünften Republik im Jahr 1958 unter sich ausgemacht hatten, gehören erstmals nicht mehr zu den Favoriten.

Gegenseitige Vorwürfe

Das gilt namentlich für den Sozialisten Benoît Hamon, der auf dem linken Flügel seiner Partei verharrt und keine Rücksicht auf das gemässigt sozialliberale Regierungslager von Ex-Premier Manuel Valls und Präsident François Hollande nimmt: Er kommt in Umfragen auf nur gut 12 Prozent der Stimmen. Etwa gleich viel Sympathiepunkte hat Jean-Luc Mélenchon, der von der Linken und den Kommunisten portiert wird. Am Wochenende hatte er an einer eindrücklichen Grosskundgebung mehrere zehntausend Anhänger (er selbst sprach von 130 000) versammelt. Hamon musste sich am Sonntag in einer Pariser Arena mit gut 15 000 Sympathisanten bescheiden. Nur wenige sozialistische Minister machten ihm die Aufwartung. Durch Abwesenheit glänzte auch Valls. Der Exponent des rechten Parteiflügels hatte in den Primärwahlen der Partei geschworen, den Sieger zu unterstützen. Vergangene Woche verweigerte er Hamon aber offen seine Unterstützung. Die Bürgermeisterin von Lille, Martine Aubry – immer noch ein Schwergewicht im Parti Socialiste – bezichtigt Valls deshalb des «Verrats». Der rechte Parteiflügel um Valls wirft Hamon wiederum «politischen Autismus» vor.

Der Konservative François Fillon, Anfang des Jahres noch der sicher scheinende Sieger der «présidentielles», kommt in den Umfragen auch nur noch auf 19 Prozent. Zum «Penelope-Gate» um die Scheinbeschäftigung seiner Gattin kommen neue Berichte, der in obskuren afrikanischen Gewässern fischende Anwalt Robert Bourgi habe Fillon Luxusanzüge im Wert von 13 000 Euro geschenkt – was der Kandidat zu deklarieren vergass. Verheerender noch als das Strafverfahren ist für Fillon der medienpolitische Impakt: Millionen TV-Zuschauer interessieren sich vor allem für die Frage, welchen Anzug der konservative Ex-Premier trägt.

Marine Le Pen erstmals dabei

Das Hauptaugenmerk gilt indessen den zwei Favoriten Marine Le Pen und Emmanuel Macron, die im ersten Wahlgang laut Umfragen mit rund 26 Prozent rechnen können. Die Rechtsnationalistin tritt – ihrem Naturell widersprechend – so temperiert wie möglich auf, um über den Front National hinaus Wähler anzuziehen. Ihr Versuch, sich staatstragend und republikanisch zu geben, wirkt allerdings oft künstlich. Früher von solchen TV-Wahlabenden ausgeschlossen, musste sie erstmals beweisen, dass sie den übrigen Spitzenkandidaten Paroli bieten kann und ihr widersprüchliches Wirtschaftsprogramm zu verteidigen weiss.Noch neugieriger war die TV-Nation, wie sich der wahlpolitisch völlig unerfahrene Macron in dem Haifischbecken der Politveteranen halten würde. Und darüber hinaus, ob er seiner plötzlichen Favoritenrolle gerecht werden könne. Frankreich hat seit 1958 noch nie einem Mittepolitiker wie ihm die Gunst erwiesen.