Es ging am Mittwoch vor Gericht nicht um Holzpenisse oder Plüschvaginas, sondern letztlich einzig um die Frage, ob man ein Kind vom Sexualkundeunterricht dispensieren lassen kann, wenn die Eltern befürchten, dass der Unterricht ausufern könnte.

Man kann nicht, entschied das Appellationsgericht, und stützte damit das Erziehungsdepartement sowie den Regierungsrat: Die gesetzlichen Grundlagen genügten, und der Kerngehalt der Grundrechte sei nicht tangiert - der erzieherische Auftrag der Eltern nur leicht eingeschränkt.

Die Beschwerde stammte von einem Ehepaar mit vier Kindern sowie einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern aus dem Neubadquartier. Streitpunkt war der relativ neue Leitfaden sowie das damit verbundene
Unterrichtsmaterial: Die Eltern befürchteten, der Unterricht könne völlig ausufern und den Kindern schaden.

Eine der beschwerdeführenden Mütter hatte vor Gericht betont, die Vorgaben würden dazu führen, dass die Kinder sich gegenseitig berührten - und damit sei Tür und Tor geöffnet für weitere Dinge. «Das führt direkt in den Missbrauch hinein», sagte die Frau. Es sei sehr schwierig, wenn man den Kindern das Thema aufzwinge, besser sei es, Fragen der Sexualität vertrauensvoll mit den Eltern zuhause zu besprechen.

Ihr Mann räumte ein, dass die Beschwerde rein prophylaktisch sei. «Klar, wir gehen hier von einer hypothetischen Situation aus.» Früher habe man indes an Elternabenden das Thema besprochen und sei auf die Minderheit der in dieser Hinsicht sensiblen Eltern eingegangen - künftig werde dies mit dem Obligatorium aber nicht mehr möglich.

«Heute soll eine Frage nicht mehr individuell beantwortet werden, sondern eine Frage gibt Anlass dazu, gewisse Themen in der ganzen Klasse zu besprechen. Das ist der Unterschied zu früher», sagte der Anwalt. Er betonte auch, es handle sich bei seinen Mandanten keinesfalls um christliche Fundamentalisten, sondern sie hätten einen «durchschnittlichen religiösen Hintergrund». «Mann kann sich nicht einfach hinter den Lehrpersonen verstecken und sagen, die werden das schon richtig machen», betonte der Anwalt.

Allerdings sind bislang offenbar weder die Kinder der beschwerdeführenden Eltern noch die des Gerichtspräsidenten mit dem Sexualkundeunterricht in Kontakt gekommen. Volksschulleiter Pierre Felder meinte dazu auf entsprechende Fragen des Gerichtes, dies sei durchaus möglich -- bei der Omnipräsenz des Themas aber eher unwahrscheinlich. «Der Unterricht ist eben reaktiv, man geht situativ auf die Fragen der Kinder ein», sagte Felder vor Gericht.

In der Kombination von «reaktiv» und «obligatorisch» sah Gerichtspräsident Stephan Wullschleger einen gewissen Widerspruch -- dennoch lehnte das Gericht die Rekurse ab: Der reaktive Sexualkundeunterricht bleibt obligatorisch.

«Man kann ein Kind nicht vor sexuellen Übergriffen schützen, wenn es nicht über Grundkenntnisse im sexuellen Bereich verfügt», begründete Wullschleger das Urteil. Auch könne ein Dispens zu einer absurden Situation führen: Ein Thema sei in einer Klasse aktuell - und ein Kind müsste verdeckt oder offen dispensiert werden, hole sich aber möglicherweise hinterher das vermittelte Wissen bei den anderen Kindern ab.

Wullschleger betonte auch, eine «Konfrontation» beispielsweise mit der Homosexualität sei wichtig. Es sei allgemein bekannt, dass selbst im Kindergartenalter abwertende Schimpfwörter ausgetauscht werden. «Hier muss es möglich sein, dem Kind klarzumachen, weshalb dies diskriminierend und daneben ist.»

Das Gericht äusserte allerdings auch Kritik am Vorgehen der Behörden: Der Begriff «Sexbox» sei nicht kindgerecht und impliziere aus Erwachsenenoptik, dass es einfach um Sex ginge. «Das hat verständlicherweise zu Irritationen im Kreis der Bevölkerung geführt», so Wullschleger. Auch konnte bis heute nicht ganz geklärt werden, wie gross der Umfang dieses Unterrichtes sei - auch dies habe zu Missverständnissen geführt.

Heikle Inhalte wurden aufgrund der Rekurse entschärft. Deshalb entschied das Gericht, den Eltern bei den Kosten des ersten Verfahrens entgegenzukommen. Abgesehen von diesem «Zückerchen» lehnte das Gericht den Rekurs aber vollumfänglich ab. Ob die Eltern die Sache vor das Bundesgericht ziehen werden wollten sie am Mittwoch noch nicht sagen.