Am 17. Juli 2016 starb der Schweizer Lyriker Werner Lutz im Alter von 85 Jahren. 1930 geboren, wuchs er im appenzellischen Wolfhalden auf. Nach der Ausbildung zum Grafiker in St. Gallen arbeitete, malte und dichtete er in Basel. Er erhielt unter anderem den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (1992), den Basler Literaturpreis (1996) und den Basler Lyrikpreis (2010).

«Ich warte auf etwas, das mich atemlos macht.» So lautet einer dieser in Stein gehauenen Sätze von Werner Lutz, eines Dichters, der stets auf der Suche nach dem Leben war. Leben, ja! Aber wie gefährdet ist es! Immer steht einem das Leben selber im Weg, um wirklich leben zu können. «Ich brauche dieses Leben», so lautet denn auch der Titel eines seiner frühesten und schönsten Gedichte in seinem gleichnamigen Erstlingswerk, das 1979 im Suhrkamp-Verlag erschien. Ja, sein ganzes Werk kreist um diesen Satz, Appell und doch Drohung in einem. Doch zunächst sind es Aufrufe ans Leben wie diese: «Gehen wir in die Stunden hinein. / Gehen wir in die Spiegel hinein. / Gehen wir, wie der Regen zu reden beginnt. / Gehen wir als Halme. Gehen wir als Sand. / Gehen wir behutsam. / Gehen wir.»

In der Tat, wollte man Werner Lutz’ vielgestaltige Dichtung auf einen Punkt bringen, so auf diesen: Da hämmerte einer seine Verse in Stein, da dichtete einer in Parataxen, in Hauptsätzen, die nach dem Leben greifen wollen. Und doch taucht immer wieder diese Drohung auf, vom bodenlosen Leben verbraucht zu werden, die Gefahr, dass dieses Leben als Ausrufezeichen auf den blossen Punkt gebracht wird, wie in dem schockartigen Gedicht «Kurz vor Zwanzig»: «Kurz vor Zwanzig / längst überwuchert / lehnt die Zukunft / Schulter an Schulter mit mir / am grüngestrichenen Zaun.»

Brauchen oder brauchen/verbrauchen, das ist hier die Lebensfrage, die sich durch sein ganzes Werk hindurchzieht. So ist der lyrische Ton seiner Dichtung nie weit vom prosaischen Ton des Lebens entfernt, stets war er sich der realen Lebenswidersprüchlichkeit bewusst: «Ich brauche dieses Leben / dieses verlorene Wort, in dem ich wohne.»

Von Walter Höllerer und Hans Bender entdeckt, publizierte er in der berühmten Literaturzeitschrift «Akzente». Er war stets ein stiller Schaffer, im Geist oder besser in der Natur verwandt mit den Dichtern Karl Krolow oder Peter Huchel. Nach seinem Erstling erschienen im Waldgut-Verlag dann die späteren Werke «Farbengetuschel», «Schattenhangschreiten», «Nelkenduftferkel», «Treibgutzeilen» und «Kussnester». Letzten Herbst gab er noch den Band «Die Ebenen meiner Tage» heraus. Auch hier erscheinen wieder seine dichterischen Existentialien, die sich durch sein ganzes Schaffen hindurchziehen: Leben, Tod, Hand, Sand, Regen, Wind, Mauer und Halme, um nur einige Motive zu nennen. Mit ihnen erschliesst er sich (s)eine Welt – gewiss, so nah wie fern vom Leben zugleich, doch auratisch for ever!

Eines seiner letzten Gedichte lautete: «Der Birnbaum weiss es / der Apfelbaum weiss es / selbst der stachlige Beerenstrauch weiss / es ist ein Dasein auf Zeit / auch für das Unkraut der Gedanken / auch für den verwilderten Garten / der Gedichte / der nie einen Besitzer haben wird.» Ich empfehle, Werner Lutz’ Gedichte in die verwilderten Gärten unserer Zeit mitzunehmen!

* Roland Merk ist Schriftsteller, wohnhaft in Basel und Paris. Letzte Veröffentlichung: Der Lauf der Nacht am helllichten Tag. Gedichte, Zürich, Edition 8, 2016.

Gedenkfeier für Werner Lutz am Mittwoch, 3. August 2016, 17 Uhr in der St. Margarethenkirche, Binningen. Bitte keine Blumen.