«In der Staatsschule herrscht ein Normierungswahn», findet Mutter Catherine Mehlin*. Das Postulat, dass alle Schüler gleiche Chancen hätten, wäre ja richtig. «In der Staatsschule geht es aber viel weiter: Es werden alle über denselben Kamm geschoren.» Was aus dem Rahmen falle, werde nicht toleriert, sagt sie.

Heimunterricht ist in der Schweiz noch eine Randerscheinung. Der Fall der Basler Familie ist dennoch spannend. Er wirft bildungspolitische Grundsatzfragen auf und könnte noch einige Tragweite erlangen: Die Familie würde nämlich ein abschlägiges Urteil aus Lausanne an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg weiterziehen, wie Mehlin betont. Damit würde der Fall gesamtschweizerisch relevant.

Religion spielt keine Rolle

Catherine Mehlin lebt mit ihrem Ehemann und den drei Kindern am Kleinbasler Rheinufer. Die Familie zählt zum urbanen Mittelstand: politisch tendenziell links, der Kreativszene nahestehend, im Quartier gut vernetzt. Auch die Kinder seien gesellschaftlich stark eingebunden, obwohl sie nicht die Staatsschule besuchen, betont die Mutter. Doch weshalb diese Unnachgiebigkeit gegenüber der Forderung, die älteste Tochter in die Staatsschule zu schicken?

Vermutlich liege es daran, dass ihr Mann und sie nicht gerne in die Schule gegangen seien, berichtet die 51-Jährige, die in Frankreich aufgewachsen ist. Politische oder religiöse Gründe gebe es keine. Sprachliche indes schon: Das für die Tochter gewählte Fernstudium beim französischen Centre National d’Enseignement à Distance (Cned) erlaubt die Bildung in Deutsch und Französisch gleichzeitig. «Das ist ein grosser Vorteil für zweisprachige Kinder, da es in Basel-Stadt kein entsprechendes Angebot gibt – auch nicht in Privatschulen», betont Mehlin.

Unzählige Briefe vergiften Klima

Vor Jahren weigerten sich die Eltern, ihre heute elfjährige Tochter in den Kindergarten zu schicken. Dafür wurden sie vom Basler Strafgericht zu einer Busse von 4000 Franken verurteilt. Diese Angelegenheit ist abgeschlossen. Zu Beginn der Primarschulzeit erhielt die Familie nach langem Hin und Her vom ED die Erlaubnis, ihre Tochter im Fernstudium beim Cned zu unterrichten.

Die Tochter konnte dann die ersten vier Schuljahre im Cned absolvieren. Unzählige Briefwechsel zwischen Familie und ED vergifteten aber das Klima. Für das fünfte Schuljahr, das im Stadtkanton den Beginn der Orientierungsstufe markiert, lehnte das ED die Bewilligung ab. Der Rekurs der Eltern wurde sowohl vom Regierungsrat als auch vom Basler Appellationsgericht abgelehnt. Nun liegt der Ball in Lausanne.

Catherine Mehlin ist überzeugt, diesen Rechtsstreit zu gewinnen. «Das Basler Schulgesetz ist nämlich liberaler als die Bewilligungspraxis», hält sie fest. Diese Ansicht stützt eine Forschungsarbeit zum Thema Homeschooling der Pädagogischen Hochschule Luzern. Der Kanton Basel-Stadt nehme eine restriktive Haltung ein, obwohl er angebe, beim Heimunterricht sämtliche Lehrerdiplome anzuerkennen. «Eine Diskrepanz zwischen geltendem Recht und Handhabung wird bewusst in Kauf genommen», schreibt Verfasser Stefan Schönenberger.

Kontrollen fanden nicht mehr statt

Laut Artikel 135 des Schulgesetzes wird eine Bewilligung für Heimunterricht nur erteilt, sofern die Persönlichkeit des Lehrers für einen guten Privatunterricht Gewähr biete. Kontrolliert wird dies vom Schulpsychologischen Dienst. «Sofern die Kontrollen stattfanden, gab es vonseiten der zuständigen Behörde keine Beanstandungen», stellt die Mutter gegenüber der bz klar. Ein Jahr, bevor die Erneuerung der Bewilligung abgelehnt wurde, habe es aus nicht nachvollziehbaren Gründen plötzlich keine Kontrollen mehr gegeben.

Beim Kanton will man mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht auf Details zum Fall eingehen. Grundsätzlich betont Pierre Felder, Leiter des Amts für Volksschulen: «Die Schule ist und bleibt der wichtigste gesellschaftliche Integrationsfaktor.» Der ins Feld geführte Gesetzesartikel sei ein «Ausnahmeparagraf», kein genereller Freipass für Privatunterricht, fügt Felder an.

*Name von der Redaktion geändert