Einer «recht undefinierten und umstrittenen Region» widmet sich die diesjährige und elfte Ausgabe von Culturescapes, wie es Festivaldirektor Jurriaan Cooiman formuliert. Damit fokussiert das «Netzwerk-Festival», das auf ein weites, dichtes Netz an Partnerinstitutionen bauende Festival, erstmals weder auf ein Land noch auf eine Stadt, sondern auf eine Region: den Balkan. Es geht Cooiman darum, «festgefahrene, falsche Balkanbilder zu hinterfragen». Dazu lässt er hier den Balkan in seiner Farbigkeit und Vielfalt selber sprechen – dies in den Sprachen der Künste. Das Festival, das am 19. Oktober im Theater Basel eröffnet wird, thematisiert «die kulturelle Topografie und die Zeitgeschichte» der durch Kriege zerrissenen Region. Wie verarbeiten die Menschen ihre Erinnerungen, ihre Geschichte, das sind Fragen, die von Künstlerinnen und Künstlern mit ihren Mitteln verhandelt werden.

Dabei beschränkt sich das Festival weitgehend auf das Gebiet des westlichen Balkans, jenes von Ex-Jugoslawien und Albanien: die Nationen sind Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Albanien.

Kultur als Friedensprojekt

Wichtige Unterstützung erfährt Culturescapes in diesem Jahr durch die Deza, die der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten. Die Deza investierte im Balkan von 1999 bis 2012 umfassend in die Kultur, wie Brigit Hagmann, die Abteilungsleiterin Westbalkan der Deza, an der Medienkonferenz in der Bar du Nord erläutert. Denn nach den Kriegen und politischen Wirren fehlte das Geld für Kultur und Kunst, die wichtig seien, damit sich die Zivilgesellschaft auszudrücken, sich nach all den Kriegen Krieg und dem Grauen wieder finden kann.

Auch die Eröffnung im Theater Basel steht im Zeichen eines Friedensprojekts: The No Borders Orchestra gibt gemeinsam mit der Knabenkantorei Basel ein Konzert. Im Orchester musizieren Menschen verschiedener Nationen und Ethnien. Es ist vergleichbar mit dem West Eastern Divan Orchestra von Daniel Barenboim, das die Völker und Ethnien des Nahen Ostens zusammenführt. Zuvor konzertierten The No Borders Orchestra und die Knabenkantorei gemeinsam in Pristina.

Dass die Künstler den nationalistischen Dialog überwunden haben, führt Literaturhaus-Direktorin Kathrin Eckert am Beispiel der Schriftsteller aus.

Das Literatur-Krokodil

Das von Eckert geleitete Literaturfestival Buch Basel präsentiert ein Balkan-Programm. Es beginnt mit dem «Krokodil», der Veranstaltung «gegen Langeweile und Lethargie» aus Zagreb und Belgrad. Hier verknüpfen Autoren Lesungen mit Film und Video zur spannenden Performance, berichtet Eckert. An der Buch Basel werden zudem Jelena Volic, David Albahari und andere lesen.

Die Internationalen Austauschateliers Basel (iaab) haben Künstlerinnen und Künstler aus dem Balkan eingeladen. Im November wird die Oslo-Gegend auf dem Dreispitz mit einem Balkan-Kunstwochenende belebt. Im Neuen Kino in Basel sind filmische Raritäten zu sehen.

Kaserne-Direktorin Carena Schlewitt und der neue Roxy-Leiter Sven Heier bringen in ihren Häusern Produktionen des zeitgenössischen Tanzes und Theaters. Beatrice Fleischlins und Antje Schupps Kosovo-Stück kommt nun in die Kaserne. Im Roxy folgt der Austausch anders rum: Nataša Rajkovicund und Ivna Zic erarbeiten sich mit Lea Letzel in Birsfelden ein Theaterstück. In der Kaserne gastiert mit der EnKnapGroup eine der wichtigsten Tanzcompagnien des Balkans. Grossen Raum im Gesamtprogramm nimmt die reiche südosteuropäische Musikkultur ein – in all ihren Facetten und Stilen.

Das Festival, das zwar hauptsächlich in Basel, aber auch in anderen Schweizer Städten stattfindet, führt über den künstlerischen Diskurs hinaus auch den politischen und historischen – unter anderem mit je einer Ringvorlesung an den Universitäten Basel und Zürich. In Basel heisst das Thema «Balkan n’existe pas. Erbschaften im Südosten Europas.»

Programm www.culturescapes.ch