Kurz darauf gibt es die ersten Explosionen. Noch Stunden später verbrennen die 1300 Tonnen Chemikalien explosionsartig. Feuerwehrleute kämpfen zum Teil ohne Schutzmasken gegen den Brand, die Behörden rufen die Bevölkerung auf, die Fenster zu schliessen und verhängen eine mehrstündige Ausgangssperre, weil eine stinkende Wolke von Osten her über Basel zieht.

Bis zu 40 Tonnen vergiftetes Löschwasser färbt den Rhein rot und lässt in den nächsten Tagen Tausende von Fischen sterben, darunter bis zu 220 Tonnen Aale. In der Sondersendung am Morgen nach dem Unfall spricht Tagesschau-Sprecher Erich Gysling von der «grössten Katastrophe in der Basler Chemie».

Die Brandkatastrophe hat das Vertrauen der Bevölkerung in die Basler Chemie nachhaltig erschüttert. Schon eine Woche nach dem Ereignis gehen 10 000 Leute auf die Strasse. Als an einem Podium mit der Sandoz-Spitze und der Baselbieter Regierung die vom Volk geforderte Entschuldigung ausbleibt, fliegen tote Fische – die Verantwortlichen müssen sich durch den Hintereingang fortmachen.

Verurteilt werden später nur zwei Feuerwehrkaderleute, welche am Tag nach dem Unfall Löschwasser in den Rhein geleitet haben. Der Firmenleitung ist keine Verantwortung nachzuweisen. Als vermutliche Brandursache wird der leicht entzündliche Markierfarbstoff Berliner Blau identifiziert.

Regierung muss Kritik einstecken

Die Brandkatastrophe bei Schweizerhalle wurde nicht nur zum Mahnmal, sondern auch zum Weckruf: Mit der Störfallverordnung verbesserte der Bund die Sicherheitsstandards, zudem wurden die Lücken im Umweltrecht gestopft. Heute wäre eine solche Katastrophe nicht mehr möglich, weil das vergiftete Löschwasser ins Rückhaltebecken fliessen würde.

Sandoz, 1996 mit Ciba-Geigy zu Novartis fusioniert, leistete Schadenersatzzahlungen und finanzierte Projekte, welche die Wasserqualität des Rheins verbesserten. Bereits drei Jahre nach dem Unfall hatte sich der Fluss einigermassen regeneriert.

Doch nach 25 Jahren ist die Akte Schweizerhalle noch nicht geschlossen: Am Brandort gelangen bis heute vier- bis sechsmal mehr Schadstoffe ins Grundwasser, als bei den Sanierungszielen zwischen den Behörden und der Chemie festgelegt wurde. Trotzdem hat der Kanton Baselland die Unfallstelle kürzlich nur als «belasteten Standort mit Überwachungsbedarf» eingestuft. Weitere Sanierungsmassnahmen sind damit unnötig. Was die Chemiefirmen begrüssen, entsetzt die Kritiker: Die Regierung fasse die Chemie mit Samthandschuhen an und erteile ihr einen Freipass.