Die Führung der Schweizer Armee hat offensichtlich kein grosses Vertrauen in den Frieden in der Europäischen Union. Nur so ist zu erklären, dass das Militär erneut eine Truppenübung plant, bei der die Gefahren eines in Anarchie versinkenden Kontinents abgewehrt werden müssen. Anlässlich der «Conex 15» im September werden 5000 Angehörige der Armee in der Nordwestschweiz den Ernstfall üben. Dieser lautet: Europa zerfällt.

Das Militär hat Erfahrung mit solchen Szenarien. Schon bei der Stabsübung «Stabilo Due» 2012 ging die Armee davon aus, dass die Nachbarländer nicht mehr sicher sind, was – angesichts der Euro-Krise – irritierte Reaktionen aus aller Welt nach sich zog. Im September ist nicht nur eine Stabsübung geplant; vom 16. bis 25. September marschieren «echte» Soldaten auf. Zehn Tage lang werden sie sich darin üben, wichtige Objekte zu sichern und den Grenzraum dichtzumachen.

Rheinhafen sichern

Das «Conex»-Szenario sieht schwarz für die Nachbarländer. «In einem fiktiven Europa der Zukunft mit neuen Ländern und Grenzen herrscht Wirtschaftskrise», heisst es darin. Die Folgen: «Verknappung der Vorräte, Schwarzhandel, kriminelle Organisationen». Die Schweiz werde nach ethnischen Spannungen im Ausland von «grösseren Flüchtlingsströmen» überrollt. Die Vorräte müssen geschützt werden.

Armee-Expo: Soldaten nehmen Muttenz in Beschlag

Die Schweizer Armee geht auf Tournee. Im Spätsommer macht sie in Muttenz halt. Im Rahmen der Übung «Conex 15» in der Nordwestschweiz stellt sie vom 19. bis 22. September auf dem Feldreben-Areal Fahrzeuge, Ausrüstung «und ihre Leistungsfähigkeit» zur Schau – so steht es auf der Website der für die Schau zuständigen Territorialregion 2 des Heeres. Das Zusammentreffen der «Conex» und der Expo sei kein Zufall, sagt Armeesprecher Christoph Brunner. «Eine Volltruppen-Übung wie die ‹Conex› muss von langer Hand geplant werden. Wir nutzen nun die Gelegenheit, im selben Gebiet gleich auch eine Expo durchzuführen.» Es sei ein Anliegen der Armee, ergänzt Brunner, sich wieder vermehrt der Öffentlichkeit zu zeigen.

Die Expo in Muttenz gehört zur Ausstellungsreihe «Deine Armee», die im Sommerhalbjahr an 16 verschiedenen Orten halt macht. Anscheinend sind die betroffenen Behörden bei den Vorbereitungen der «Conex» und die Expo noch nicht weit fortgeschritten. Entsprechende Anfragen an die Gemeinde Muttenz konnten gestern nicht innert nützlicher Frist beantwortet werden. Das Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement teilte mit, man wisse noch nicht, ob Blaulichtorganisationen an der «Conex» teilnehmen würden; die Baselbieter Polizei schreibt, sie beteilige sich «in keiner Weise» an der Übung.

Im September wird deshalb geprobt, wie man den Basler Rheinhafen sichern könnte. Und die Zollbehörden erhalten Verstärkung. Eines der neun involvierten Bataillone nistet sich im Universitätsspital Basel ein. Die Militärpolizei unterstützt die Kantonspolizei Aargau und die Bahnpolizei. Die SBB sind an einem weiteren Schauplatz beteiligt: Im Raum Kleinhüningen kommt es gemeinsam mit dem Katastrophenhilfebataillon 2 zu einer Kompanieübung. Friedlicher ist die Ausgangslage für Muttenz: Dort findet eine Armee-Expo statt (siehe Kasten).

Im Gegensatz zu früheren Übungen hat die Armeeleitung zumindest das offizielle Szenario etwas entschärft. Bei «Stabilo Due» etwa simulierte die Armee «Unruhen in und rund um Helvetia». Knapp ein Jahr darauf, im August 2013, fuhren im Jura Panzer auf. Frankreich war, so das Drehbuch zur Übung «Duplex Barbara», auseinandergebrochen. Ein paramilitärischer Verband griff die Schweiz an. Das Echo auf diese düsteren Kriegsspiele liess nicht lange auf sich warten. «Die Schweizer bereiten ihre Armee auf den Zerfall der Euro-Zone vor», titelte beispielsweise die US-amerikanische CNBC zu «Stabilo Due». Diese Interpretation sei falsch, sagte damals Armeesprecher Christoph Brunner in der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens. Und: «Wir müssen als Schweizer Armee das Undenkbare denken.»

Plant die Armee nun wieder zu pessimistisch? Im Rahmen von «Conex» gehe man von nicht real existierenden Ländern und nicht realen Grenzen aus, sagt Brunner auf Anfrage. Die Armee müsse bereit sein für Einsätze in der Schweiz – innerhalb der real existierenden Landesgrenzen. Wer das kritisieren wolle, könne das selbstverständlich tun, fügt der Armeesprecher an. «Dann hat man aber möglicherweise nicht alles genau verstanden.»