Ein ganzes Orchester in einem Flugzeug – und doch herrscht Stille. Wer kann, versucht jetzt noch ein wenig zur Ruhe zu kommen. Denn für die Dusche im Moskauer Hotel wird es nicht mehr reichen, nicht mal für eine kurze Pause, geschweige denn ein Abendessen. Es ist der 31.Oktober, 15.15 Uhr. Um 10.55 Uhr hätte die Maschine in St.Petersburg starten sollen. Auf 19 Uhr ist der seit rund anderthalb Jahren vorbereitete, grosse Moskau-Auftritt des Sinfonieorchester Basel angesetzt – in Zusammenarbeit mit Culturescapes. Doch das Flugzeug mit den rund 100 Musikerinnen und Musikern steht immer noch fest auf Petersburger Boden. Aus Moskau kommt die Kunde von eisigen Strassen und Verkehrschaos.

«Werden wir spielen?», fragt ein Musiker den Chefdirigenten. Dennis Russel Davies, der es im Fach der heiteren Ruhe mit jedem tibetanischen Mönch aufnehmen kann, antwortet: «Natürlich spielen wir. Was sollen wir sonst tun in Moskau?» Wird er recht behalten? Wird das Orchester es bei Zeiten in den ausverkauften Konzertsaal schaffen?

Streicher haben es schwer am Zoll

Was bisher geschah: Am Montag früh um sechs trifft sich auf dem Flughafen Basel-Mulhouse eine Gruppe von 117 Personen, darunter auffällig viele Menschen mit merkwürdigem Gepäck. Was grösser ist als ein Cello, ist bereits im Lastwagen nach St.Petersburg gefahren. Alle anderen Musiker tragen ihre Instrumente als Handgepäck bis ins Flugzeug. Die Cellos bekommen Fensterplätze und werden angeschnallt – wäre es kein Charterflug, so müssten die Spieler ein Ticket für sie bezahlen.

Drei Stunden später ist sechs Stunden später, Zeitverschiebung. Am Zoll werden die Streicher das erste Mal auf eine Geduldsprobe gestellt. Die Russen fürchten fast nichts mehr, als dass ein Ausländer mit einem billigen Instrument rein, und mit einem teuren russischen Kulturgut wieder rausgeht. Die Instrumente samt den Kaufverträgen, Wertbestätigungen und Fotobelegen werden minutiös geprüft. Er habe gehört, dass diese Dokumente den grössten bürokratischen Aufwand der ganzen Reise verursacht hätten, sagt Veit Hertenstein, Solo-Bratschist.

Wieder einmal hätten die Streicher Grund, auf die Bläser neidisch zu sein: Diese bekommen «schon» für 10000 Franken das Beste vom Besten, derweil ein gutes Streichinstrument leicht einen fünf- oder sechsstelligen Betrag kosten kann. «Unfair», sagt Veit und lacht. Mit 26 Jahren kann er sich noch keine eigene Bratsche leisten, sondern mietet die seine für 250 Franken im Monat. Veit ist einer der Neusten im Orchester. Er ist ebenso offen wie ehrgeizig. Mit vier Jahren wollte er zum Erstaunen seiner Eltern, Nichtmusikern, eine Geige. Heute tritt er neben seinem 100-Prozent-Engagement im Orchester auch solo oder in kleineren Kombinationen auf. Zum Beispiel gleich an diesem Ankunftsabend: Mit drei weiteren Orchestermitgliedern spielt er mal eben noch kurz das achte Streichquartett von Schostakowitsch in einem Petersburger Luxushotel für eine Reisegesellschaft aus der Schweiz.

Bläser müssen täglich trainieren

Alle anderen dürfen etwas ausruhen, und das in einer der grossen Sehenswürdigkeiten der Stadt: im Grand Hotel Europe. Oder für sich proben. Zum Beispiel die Hornistin Diane Eaton, aus Seattle, seit 25 Jahren im Orchester. «Bläser üben täglich», sagt sie, schon nur aus physischen Gründen: Sie müssen die Geschmeidigkeit der Lippen und die Muskeln rundum fit halten, wie ein Bodybuilder seinen Körper. «Klassische Musiker sind die originalen Nerds», lautet Diane Eatons Theorie. «Sie haben eine Obsession mit einem Ding, verbringen so viel Zeit allein damit. I think I’m totally nerdy.»

Später lotst Eaton einige der Musiker in ein georgisches Restaurant. Sie ergreift gern die Initiative, ist auch im Vorstand und im Stiftungsrat des Orchesters. Bei georgischen Dumplings (eine Art Ravioli) erzählt sie, wie sie zum tiefen Horn kam. An der Schule gabs ein Orchesterprogramm mit Gratislektionen. Die neunjährige Diane wollte Trompete spielen. Als sie vom Gespräch mit dem Musiklehrer nach Hause kam, sagte ihre Mutter: «Ich wüsste ein viel besseres Instrument für dich: das tiefe Horn. Erst 20 Jahre später gestand ihr die Mutter, dass sie an jenem Tag erstmals von der Existenz dieses Instruments erfahren hatte. Der Lehrer hatte sie angerufen und erklärt, dass andere Kinder vor Diane sich die Trompete gewünscht hätten, es gäbe für ihre Tochter keine kostenlose mehr, aber ein tiefes Horn, das sei noch frei.

Aus 23 Nationen

Alt Regierungsrätin und Präsidentin der Stiftung Sinfonieorchester Basel, Barbara Schneider, sitzt Diane gegenüber und versucht, etwas Vegetarisches auf einer georgischen Speisekarte zu finden. Schneider kennt alle rund 100 Musiker beim Namen, ist Feuer und Flamme für dieses Orchester: «Ich finde es toll, dass so unterschiedliche Menschen, Nationen und Altersgruppen zusammen das Optimum rausholen.»

Rund 23 Nationen sind im Orchester vertreten. Gut 100 Menschen, 100 Lebensgeschichten, kommen hier zusammen. Neben Veit und Diane sind da zum Beispiel der Weissrusse Misha Sandronov (Kontrabass). 1989 verliess er Minsk mit einem Einwegticket nach Berlin und etwa 200 Mark im Sack. Im Flugzeug bestellte er ein zweites Glas Wein; er wusste noch nicht, wo er übernachten würde. Oder da ist Siegfried Kutterer (Schlagzeug), Basler, Fasnächtler und seit 36 Jahren im Orchester. Er lässt sich so lange von der reservierten Kellnerin bei der Menüwahl beraten, bis diese zu lachen beginnt. Wen er mit seinem strahlenden «ich bin der Siggi» begrüsst, den hat er im Nu für sich eingenommen. Oder da ist Christian Sutter (Kontrabass), der in den wenigen freien Petersburger Stunden das einstige Wohnhaus und die Grabstätte des dadaistischen Schriftstellers Daniil Charms besucht.

Viele Journalisten, volle Säle

Am Dienstagnachmittag wollen rund 40 russische Medienleute mehr über das Orchester und ihre Herkunftsstadt Basel wissen. Auskunft geben Dirigent Davies, Basel-Stadts Kulturbeauftragter Philipp Bischof, der Schweizer Generalkonsul in Petersburg, Ernst Steinmann, sowie der Geschäftsleiter des Orchesters, Franziskus Theurillat.

Am Abend will ein voller Saal die Basler spielen hören: Die neue Komposition von Alexander Raskatov, «Mysterium Magnum», Alfred Schnittkes «Konzert für Viola und Orchester» sowie Pjotr Iljitsch Tschaikowskys «Ouvertüre 1812». Die Zugabe hat das Orchester zwei Stunden zuvor das erste Mal gemeinsam geübt: Dimitri Schostakowitschs «Tea for Two». Ein gewagtes Programm für die eher konservative Petersburger Philharmonie. Trotzdem: tosender Applaus. Draussen fällt der erste Schnee des Jahres.

Am nächsten Morgen gelangen einige Musiker zur bitteren Erkenntnis, dass spätnächtliches Feiern mit Wodka am nächsten Morgen das Gehör für Weckertöne beeinträchtigt. Doch alle hätten länger schlafen können. Schliesslich steht die Maschine von Czech Airlines am falschen Terminal. Und aufs richtige kann sie nicht so rasch fahren; dort ist der russische Ministerpräsident Medwedew im Begriff zu landen. Die Russen bestehen auf den Terminal-Wechsel. So sitzt das Orchester erst Stunden später im Flugzeug – und wartet weiter: auf die Mitglieder, die sich ums umdisponierte Gepäck kümmern.

Gewartet wird auch in Moskau: auf die Transferbusse. Diese warten ebenso, am anderen Ende des Flughafens. 19 Uhr, Konzertbeginn. Die Musiker stecken in einem überhitzten Bus im Stau. Schneider changiert zwischen schwarzem Humor und schierer Verzweiflung: «Es ist wie ein Albtraum, der ständig eine neue Wendung nimmt.» So etwas habe sie in ihrer 30-jährigen Berufskarriere noch nie erlebt, sagt Eaton. Nur der Orchesterwart Dieter Cattelan, der den Nachtzug genommen hatte, ist schon im Saal. «Die Chance für seinen Auftritt», versuchen die Musiker mit Scherzen die Stresssituation aufzulockern. 20.45, der letzte Bus erreicht den Saal, die Musiker rennen in die Garderobe. Um 21 Uhr stehen sie auf der Bühne. Erschöpft, ohne Anspielprobe, in einem fremden Saal. Ein grosser Teil des Publikums hat gewartet. Sie spielen. Am Ende: Standing Ovations.