Während fast 20 Jahren haben Forscher weltweit Daten für eine umfassende Datenbank über die griechische Mythologie zusammengetragen. Das unter anderem vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Millionen-Projekt umfasst 160 000 Datensätze wie beispielsweise Fotografien und Informationen zu einer Vase, die die Entführung von Europa durch Zeus zeigt. Vor rund zehn Jahren ist die Entwicklung der Datenbank abgeschlossen worden. Seither steht der Server, der die Abfrage der Daten via Internet erlaubt, im Rechenzentrum der Universität Basel und tut seinen Dienst.

Während Forscher aus der ganzen Welt täglich per Internet auf den riesigen Datenschatz zurückgreifen, hat sich die damals verantwortliche Informatik-Firma aufgelöst und das Passwort für den Zugriff auf den Server ist ebenfalls verloren gegangen. «Wir mussten das Passwort hacken und in detektivischer Kleinarbeit die Daten vom uralten Windows-System in eine neue Umgebung transferieren», erzählt Lukas Rosenthaler, Leiter Digital Humanities Lab der Uni Basel. Das sei mittlerweile zwar gelungen, jedoch bietet das neue System noch keinen Zugriff. «Auf die Datenbank kann deshalb weiterhin nur via dieses einen, alten Servers zugegriffen werden.»

Lesegeräte existieren nicht mehr

Das Beispiel zeige exemplarisch eines der grössten Probleme, mit denen Forscher im digitalen Zeitalter zu kämpfen haben. «Es gibt keine verlässliche Infrastruktur, die eine langfristige und sichere Konservierung von digitalen Daten garantiert», sagt Rosenthaler. Wie viele wichtige Daten bereits verloren gegangen seien, könne kaum gesagt werden. «Es ist häufig ein schleichender Prozess des Verlusts – wie etwa bei diesen Magnetbändern», erklärt der Physiker, der heute im Dienste der Geisteswissenschaften arbeitet. Er zeigt eine Schachtel mit alten Datenträgern, auf denen unter anderem seine Dissertation aus dem Jahr 1989 gespeichert ist. «Die Daten sind vermutlich noch gespeichert, aber es fehlt ein Lesegerät für die 1/4-Zoll-Magnetbänder.»

Damit sich das künftig ändert, arbeitet sein Institut gemeinsam mit den Universitäten Bern und Lausanne an einer nationalen Forschungsinfrastruktur für alle Geisteswissenschaften. «Die Infrastruktur soll Forschungsdaten, die heute digital entstehen, langfristig sichern und einen direkten Zugriff darauf gewähren», so Rosenthaler. Sechs Millionen Franken müssen die drei Universitäten bis 2020 aufbringen, um das «Data and Service Center for the Humanities» (DaSCH) zu entwickeln. «Glücklicherweise hat sich das Bewusstsein der Universitäten geändert und die Verantwortlichen verstehen, welch grosser Nutzen digitale Daten für künftige Generationen haben.»

Die Archivierung von Wissen wäre eigentlich die zentrale Aufgabe der Bibliotheken. Diese seien jedoch noch nicht so weit, nebst den publizierten Forschungsarbeiten auch die zusätzlichen, digital vorliegenden Informationen aus einem Forschungsprojekt zu sichern und langfristig zugänglich zu machen. Zur Erklärung nennt Rosenthaler eine aktuelle Forschung, deren Ziel die Neuauflage des Gesamtwerks des Komponisten Anton Webern ist. «Wenn die Arbeit abgeschlossen ist, werden die Notenblätter publiziert und auch von der Bibliothek – gedruckt und digital – langfristig gesichert.» Die ganzen Daten zum Leben des Komponisten, eingescannte Briefe zum Beispiel oder Bemerkungen, Annotationen und Verknüpfungen, die die Forscher für die Publikation zusammengetragen und erstellt haben, seien jedoch verloren. «Macht sich nun in der Zukunft ein anderer Forscher oder eine andere Forscherin daran, die 12-Ton-Musik zu beschreiben, wäre der Zugriff auf diese Informationen zum Leben des Komponisten Webern möglicherweise von grosser Bedeutung.»

Nationalfond-Gelder nur noch mit Speicherungs-Konzept

Eine Forschung im digitalen Zeitalter ist also weit mehr als die Publikation der Resultate in schriftlicher Form– und dieses «weit mehr» dürfe nicht mehr verloren gehen. «Der Nationalfonds fordert deshalb mittlerweile von den Forschern, dass bereits bei der Projekteingabe ein Konzept besteht, wie die Daten auch langfristig zugänglich gemacht werden können.»