Neujahrsempfänge – eine ganz und gar urbane Geschichte

Der Triathlon der Neujahrsapéros bietet zumindest ein Quäntchen Glamour – und dieser ist klar in der Stadt beheimatet

Stefan Schuppli, Wirtschaftsredaktor.

Stefan Schuppli, Wirtschaftsredaktor.

Leider sind sie wichtig, diese Veranstaltungen, auch wenn sie auf den ersten Blick nur rituellen Charakter haben: Die Gastgeber stehen vorne, schütteln allen artig die Hände und wünschen ein erfolgreiches, schönes, gutes, gesegnetes neues Jahr»…

Sie sind wichtig, die Neujahrsempfänge. Weil man sich ungezwungen mal mit dieser, mal mit jener Person unterhalten kann. Und endlich ohne Agenda. Die Kontakte sind grösstenteils zufällig, was die Diversität der Themen steigert. Smalltalk? Sicher, aber das kann man ja ganz dezent steuern. Und wenn man jemanden überhaupt nicht sehen mag, ist das bei 500+ Anwesenden nicht das Problem.

Sie sind sehr wichtig für uns Journis. Weil gratis. Und weil wir von dort immer mit guten Geschichten heimkommen und unser Chef uns deswegen lieb hat. Nach dem fünften Glas erzählen die einem alles.

Sie sind sehr, sehr wichtig für die Stadt. Für den Zusammenhalt. Für diese feinstofflichen Begegnungen, bei der man plötzlich merkt, dass eine bestimmte Person das passende Parfüm zum unpassenden Kleid trägt. Oder dass sich zwei Menschen gut verstehen – trotz unterschiedlichsten politischen Positionen. Wann, wenn nicht an einem Apéro, sieht man das?

Hand aufs Herz: Diese Empfänge haben ein klitzekleines Quäntchen Glam-Faktor. Und der ist in der Stadt beheimatet. Am Claraplatz, in der UBS-Halle, im Stadttheater. Und nicht auf dem Land. Auch wenn das Vorhaben im Pantheon in Muttenz sehr löblich ist - und vielleicht ja ein Beginn. Das Dekor war jedenfalls nicht von Pappe.

Doch fertig ist der Schreibe Pfusch
Und lassen sprechen Willi Busch.
Ergänzen ihn nach Lust und Laune
Das reimet wohl, dass ich nicht staune.
Ach wie flüchtig, ach wie nichtig!
Ein Thema ist besonders wichtig:
«Wie lieb und luftig perlt die Blase
Der Witwe Klicko in dem Glase.»
(dichtet Busch in schönster Phrase.)

Landei kann auf den Austausch von Visitenkärtli verzichten

Die Neujahrsempfänge sind eine hübsche Tradition – doch letztlich reine Verschwendung

Hans-Martin Jermann, Ressortleiter Baselland

Hans-Martin Jermann, Ressortleiter Baselland

Da wird das Landei etwas neidisch: Die wichtigsten Neujahrsapéros der Region gehen fast ausschliesslich in der Stadt über die Bühne. Die Basler Regierung, die Handelskammer beider Basel, der Gewerbeverband und der Arbeitgeberverband laden zu Reden und Häppli, garniert mit Ballett (beim Gewerbeverband) oder gar einer exklusiven Vorstellung des Pfyfferli (beim Arbeitgeberverband). Dies an verkehrstechnisch günstigster Lage, mitten in die Stadt. Selbst der wichtigste Baselbieter Apéro, jener der Wirtschaftskammer, findet seit einigen Jahren nicht mehr im Hauptort Liestal, sondern an der Grenze zu Basel im Muttenzer Pantheon statt. Sagen wir es deutsch und deutlich: Die Musik spielt in der ersten Woche im neuen Jahr jeweils in der Stadt.

Nur: Was bringen diese Neujahrsempfänge? In der anonymen Stadt mögen die stark ritualisierten Treffen eine gewisse gesellschaftliche Bedeutung haben, bieten sie doch eine wichtige Plattform, um auf unkomplizierte Art Kontakte zu knüpfen. Oberflächlich und unnötig erscheint dem Landmenschen dieses Sehen und Gesehenwerden. Schliesslich baut er für seinen Erfolg auf im Laufe der Jahre geknüpfte Freundschaften und das damit verbundene Vertrauen. Nicht auf flüchtigen Apéro-Smalltalk und ausgetauschte Visitenkärtli. Der unbestreitbar vorhandene Glamour der Neujahrs-Empfänge wirkt vor diesem Hintergrund nichts als verschwenderisch.

Mit Genugtuung stellt der zuvor etwas neidische Journalist vom Lande zudem fest: Für die wichtigsten Apéros in der Stadt sind grösstenteils Verbandschefs vom Lande zuständig. Sowohl die Direktorin des Arbeitsgeberverbands als auch der Direktor der Handelskammer sind Baselbieter. Und der Chef des Basler Gewerbeverbands – ein gebürtiger Schwarzbube – entwickelte sein organisatorisches Talent in der Dorfdisco von Breitenbach. Einmal mehr bestätigt sich: keine vernünftige Party in der Stadt ohne Know-how vom Land.