Herr Brotbeck, haben Sie gute Vorsätze fürs 2013 gefasst?

Stefan Brotbeck: Nichts Spezielles, aber einige Ideen möchte ich schon verwirklichen. Mir ist aufgefallen, dass Neujahrs-Vorsätze eher Nachsätze sind, die sich auf das alte Jahr beziehen. Sie sind mit dem Bedürfnis verbunden, alte Rechnungen zu begleichen oder Laster abzulegen – etwa das Rauchen. Es geht weniger darum, dass etwas anfängt, sondern darum, dass etwas endlich aufhört.

Was halten Sie denn von Neujahrs-Vorsätzen?

Zur Person

Stefan Brotbeck (50) studierte Philosophie, neuere deutsche Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte. Von 1997 bis 2002 lehrte er als Philosophie-Dozent an der Universität Basel. Seither widmet er sich ganz der freien Lehre, Forschung, Beratung und dem Schreiben. Er ist der Initiator des 2011 gegründeten «Philosophicum» im Ackermannshof an der St. Johanns-Vorstadt. Brotbeck und weitere Mitwirkende bieten dort Seminare an, unter anderem zum schöpferischen Erkennen und Handeln. (bz)

www.philosophicum.ch

Gerade bei diesen stelle ich mir immer wieder die Frage: Wie kann ich wissen, was ich will, bevor ich tue, was ich mir wünsche? Viele Vorsätze entpuppen sich nur als Wünsche oder Träumereien, die keine Handlungswirksamkeit entfalten. Bei vielem, was wir uns angeblich vornehmen, machen wir uns etwas vor.

Ein neues Jahr fühlt sich an wie eine neue Chance, alles wenigstens ein bisschen besser zu machen. Ist das nur eine Illusion?

Es gibt so etwas wie eine Zäsur, als Reaktion auf den magischen Zahlenwechsel. Der Jahreswechsel bietet eine gute Gelegenheit dafür, unsere Erinnerungen und unsere Erwartungen zu prüfen. Wir können uns fragen: Was erwarten wir von dem, was die Zukunft bringt? Und wir sollten prüfen, ob diese Erwartungen offen oder einengend sind. Faktisch beginnt aber mit jedem Tag ein neues Jahr. Wir sollten uns Vorsätze nicht aufs Neujahr aufsparen. Für existenzielle Neuanfänge gibt es keine kalendarischen Prioritäten.

Nehmen wir uns durchs Jahr genügend Zeit für Besinnung und Reflexion, kommen wir im Alltagsstress noch zum Nachdenken?

Hier liegt das grosse Problem. Wir fühlen uns unter ständigem Zeitdruck. Statt immer mehr Zeit für immer weniger Dinge zu haben, haben wir immer weniger Zeit für immer mehr Dinge. Mit unserer kostbarsten Ressource, unserer Aufmerksamkeit, gehen wir verantwortungslos um.

Was können wir tun, um aus dem hektischen Alltag auszubrechen?

Das Gegenmodell ist die schöpferische Musse. Freiräume, wo wir nicht weitere Daten verarbeiten, sondern Taten vorbereiten können, wo wir Zeit haben fürs Gespräch und Entdeckungen, ohne einer gebundenen Marschroute zu folgen. Schöpferische Musse steht für Lichthöfe des Möglichen, für Räume des Nach-, Mit-, Voraus- und Umdenkens.

Das erlauben wir uns am ehesten auf Reisen, zum Beispiel wenn wir planlos durch eine Stadt schlendern. Im Alltag ist das selten.

Wir haben leider keine Mussekultur, denn Musse ist für uns nur Freizeit. Und Freizeit ist nichts anderes als ein Anhängsel zur Arbeitszeit; sie ist rechtlich geregelt, fast wie eine Krankheit. Das zeigt, dass wir die Musse noch gar nicht verstanden haben. Sie ist kein Lazarett, wo man sich kurz als Bettlägriger erholt, um dann wieder an die Front zu gehen.

Was ist denn Musse? Und warum gehts nicht ohne sie?

Schöpferische Musse ist Zeit der Freiheit, Zeit für die Vermenschlichung des Menschen. Eine der grössten Gefahren sehe ich darin, dass uns die Zukunft nur noch als Leerraum erscheint, den wir vollstopfen. Deshalb müssen wir eine neue Mussekultur entwickeln. Sonst führen wir unser Leben im Erledigungsmodus, in dem Zukunft nur noch nicht Passiertes ist, aber nichts Überraschendes bereithält. Wir werden zu einem Zeit-Wurm, der sich in die Zukunft hineinfrisst und alles Vor-uns (Agenda) fortlaufend in ein Hinter-uns (ad acta) übersetzt. Das kennt man auch aus Stresssituationen: Wir erstellen eine lange Liste mit Aufgaben, die wir nach und nach abhaken. Wir können aber nicht unser Leben erledigen. Das Erledigen ist ein Teil des Lebens, nicht das Leben selbst.

Wie können wir Musse lernen?

Wir müssen erkennen, dass Agenden und To-Do-Listen gute Diener sind, aber schlechte Herren. Sie sollten uns die Stirn frei halten für Wichtigeres, darum schreiben wir sie auf. Weiterführende Gedanken können jedoch nur entstehen, wenn ich sie nicht schon als Liste auf der Agenda habe. Das kennt man auch aus der Kreativitätsforschung: Die meisten guten Ideen kommen dann, wenn sie gerade nicht geplant sind. Wir sind nicht nur dann wirksam, wenn wir einer Erwerbsarbeit nachkommen. Das ist ein Denkfehler. In sogenannten Mussemomenten sind wir häufig tätiger als in der Arbeitswelt.

Wer die Musse pflegt, gilt aber hierzulande schnell als faul.

Ja, Musse ist der letzte Restposten, gilt als Zeit verplempern. Dabei ist es umgekehrt: Ohne Musse verarmen wir geistig und menschlich. Es sollte unsere Pflicht sein, uns viel Musse einzuräumen, weil wir sonst verblöden. Es ist bekannt, dass es für die geistige Entwicklung von Kindern nichts Wichtigeres gibt als das freie Spiel. Der Mensch bleibt ohne Musse in der Routine stecken, bleibt nur noch das, was er ist. Bei den alten Griechen war Musse Ausdruck einer höchsten geistigen Kraft. Auch «Schule», die von diesem Begriff abstammt, ist eigentlich ein Ort der Musse.

Aber der Leistungsdruck von Aussen ist in unserer Gesellschaft stark ausgeprägt. Wer sich zu viel Musse leistet, könnte seine Stelle riskieren.

Es handelt sich um Fremdzwänge, die sich häufig in Selbstzwänge verwandeln. Aber ja, man sollte diese Frage auch mit den Arbeitgebern besprechen. Da sind Prozesse im Spiel, die einzelne Individuen zusammen angehen müssen. Es wäre schrecklich, wenn es eine staatliche Regelung zur Musse gäbe. Oder wenn wir uns zu zertifizierten Müssiggängern diplomieren liessen. Eine neue Mussekultur muss aus freiem Antrieb entstehen. Ich kann mir vorstellen, dass es ein stiller Prozess ist, der langsam Früchte trägt.

Wie können und sollen wir uns denn ändern?

Wir alle sind Veränderungen unterworfen, können sie aber auch herbeiführen. Dafür sind wir unmittelbar verantwortlich. Ebenso für den Stillstand. Mich beschäftigt besonders die Frage: Wie sollen wir anderes und Weiterführendes ins Leben rufen können, wenn wir nicht anders und weiterführend werden? Wie sollen wir für Freiheit kämpfen, wenn wir vor unserer eigenen Unfreiheit die Augen verschliessen? Was tun wir etwa nicht alles aufgrund von inneren Zwängen – Immanuel Kant spricht von den Krebsschäden Ehrsucht, Herrschsucht und Habsucht. Die Überwindung solcher innerer Zwänge bedingt langwierige Umbildungsprozesse, die manchmal durch Schicksalsschläge oder existenzielle Ereignisse beschleunigt werden.

Sind wir überhaupt dazu fähig, uns grundsätzlich zu ändern? Sind wir nicht zu stark vorgeprägt, genetisch und von sozialen Faktoren?

Natürlich sind wir geprägt von vielen bio-psycho-soziologischen Faktoren. Aber diese verhindern nicht die Möglichkeit, uns zu ändern, sondern sind vielmehr eine Voraussetzung dafür. Unsere Freiheit ist kein Agieren im luftleeren Raum. Viele soziokulturellen Determinanten sind Ermöglichungen. Die Tatsache zum Beispiel, dass ich in diese oder jene Muttersprache hineingeboren bin, schränkt nicht meine Sprache ein, sondern ermöglicht sie.

Ist der Mensch also frei?

Der Mensch ist weder frei noch unfrei, sondern freiheitsfähig. Wir sind selbstbestimmte, denkende Wesen, die ihre Überlegungen und Einsichten handlungswirksam werden lassen können. Hier sind wir wieder bei den Neujahrs-Vorsätzen und der Frage: Wollen wir denn immer, was wir für richtig halten? Und halten wir immer für richtig, was wir wollen? Fatal ist, wenn Freiheitsleugner unsere Freiheitsfähigkeit zur Illusion erklären. Denn wozu sollen wir eine Fähigkeit entwickeln, deren Existenz wir negieren?

Wie gehen wir vom Wünschen über ins Handeln? Was kann uns motivieren?

Letztlich die Liebe zur Sache: Weil wir etwas gern tun, aus Einsicht und in Weltliebe – und nicht etwa aus Angst oder Prestigedenken. Ein Beispiel: Viele wollen Künstler werden, sehen sich schon als Nachfolger von Picasso. Aber wenn sie es verfolgen, merken viele: Der Wunsch war gar nicht so gross. Ob wir Herzblut für etwas haben, lässt sich nur prüfen, indem wir es tun.

In einem «Zeit»-Artikel über den Kairos – die gute Gelegenheit, die man beim Schopf packen sollte – heisst es, jeder könne lernen, die Momente für Chancen zu erkennen und zu ergreifen. Wie sehen Sie das?

Wir können den Kairos nur leben, indem wir ihn wahrnehmen und ergreifen, individuell, aktuell, hier und jetzt. Negativ-schöpferisch sind wir, wenn wir nicht etwas Verwirklichtes zerstören, sondern etwas Mögliches verwirken, Gelegenheiten vertun.

Liegt alles in unserer Hand; vieles ist doch Glück oder Zufall?

Die «Jeder ist seines Glückes Schmied»-Haltung ist nur die falsche Alternative zur «Die anderen sind meines Unglückes Ursache»-Haltung. Wir müssen uns vor zwei Gefahren hüten: vor der Gefahr des Verantwortungskleinmuts («Die anderen sind schuld, nicht ich!») und der Gefahr des Verantwortungshochmuts («Es liegt nur an mir!») – eine fatale Alternative. Gewiss, wir müssen mit Gandhi sagen: «Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen.» Wir haben gleichsam ein Zipfelchen in der Hand, um Dinge in Bewegung zu bringen, die weit über unsere Persönlichkeit hinausreichen.

Es ist aber sehr schwierig, sich zu ändern.

Ja, unglaublich. Mit unseren Gedanken sind wir wie Adler, die weit und scharf sehen. In unserer persönlichen Entwicklung sind wir wie eine Schnecke, die extrem langsam voranschreitet. Wir sind keine beliebig verformbare Knetmasse, wir haben einen gewissen Spielraum. Aber jeder Spielraum ermöglicht ein Spiel – und kann sich dadurch auch erweitern. Vielleicht kann ich aufgrund meiner Konstitution nicht den Meistertitel im Kugelwerfen gewinnen, aber anstatt dem nachzutrauern kann ich überlegen: Was ist jetzt möglich?