Es ist diplomatisches Glatteis. Und doch lässt das Bundesamt für Energie (BfE) klar durchblicken, dass der neuste Vorfall im elsässischen Atomkraftwerk Fessenheim auch in Bundesbern Sorgenfalten verursacht. «Bundesrätin Doris Leuthard hat bei verschiedenen Gelegenheiten gegenüber Frankreich die Besorgnis insbesondere der betroffenen Grenzkantone betreffend der Sicherheit des Kernkraftwerks Fessenheim unterstrichen», erklärt BfE-Sprecherin Marianne Zünd. Von einer Forderung nach einer sofortigen Stilllegung ist allerdings nicht die Rede.

Es soll einer der gravierendsten AKW-Unfälle gewesen sein, die sich je in Westeuropa ereignet haben. Nur wenig soll gefehlt haben, und 35 Kilometer nördlich von Basel wäre es zu einem atomaren GAU gekommen. Im April 2014 reichte offenbar eine Überschwemmung, um mehrere Sicherheitsebenen im AKW auszuschalten. Dies geht aus einem Brief der französischen Atomaufsicht an die Leitung des Kraftwerks hervor, wie «WDR» und «Süddeutsche Zeitung» letzte Woche publik gemacht haben. Minutenlang sei die Anlage nicht mehr unter Kontrolle gewesen. Laut dem deutschen Reaktorsicherheits-Experten Manfred Mertens war die Bevölkerung akut gefährdet. Zwei Jahre lang aber soll das Ausmass des Vorfalls vertuscht worden sein.

Fessenheim sofort abschalten

Umgehend hatten Politiker aus der Region Basel auf die Enthüllung reagiert: Neben Vorstössen in den Kantonsparlamenten der beiden Basel ist Fessenheim nun auch im Bundeshaus ein Thema geworden. Gleich eine Interpellation und eine Motion hat die Baselbieter Grünen-Nationalrätin Maya Graf übers Wochenende verfasst und gestern eingereicht. Ihre Hauptforderung: Nachdem bereits die deutsche Bundesregierung offiziell die sofortige Stilllegung des französischen Pannen-Reaktors gefordert hat, soll nun auch der Bundesrat intervenieren.

Widersprüchliche Aussagen

«Die Bundesparlamentarier aus der Region ziehen hier alle am gleichen Strick», versichert die Baselbieter CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. Nicht ganz: So will ihr SVP-Ratskollege Thomas de Courten von der Forderung nach einer sofortigen Stilllegung nichts wissen: «Wegen einiger Medienberichte müssen wir nicht gleich in populistischen Aktivismus verfallen.»

Dies ist vielleicht auch gar nicht nötig. So hat die französische Nachhaltigkeitsministerin Emmanuelle Cosse am Sonntag gegenüber Medien angegeben, dass Fessenheim noch in diesem Jahr vom Netz gehen soll. Die Aussagen aus Frankreich sind allerdings widersprüchlich: Staatspräsident François Hollande hatte zuletzt verkündet, dass das Werk nicht wie ursprünglich zugesagt 2016 abgeschaltet werde. Er begründete dies mit Verzögerungen beim Bau eines Reaktors der neuen Generation, der erst 2018 in Betrieb gehen soll.