Marc Scherrer ist auf etwas besonders stolz: Dass er während seiner Präsidentschaft die bürgerliche Zusammenarbeit (BüZa) zwischen CVP, SVP und FDP stärken konnte: «Marc Scherrer war und ist ein Wegbereiter der erfolgreichen Ära der bürgerlichen Zusammenarbeit im Baselbiet», stand explizit in seiner offiziellen Rücktrittsankündigung vergangene Woche. Tatsächlich gilt der Laufentaler innerhalb der CVP zwar als akzeptiert, doch seine Nähe zur Wirtschaftskammer Baselland – Scherrer ist Mitglied des Wirtschaftsrats – und seine stramm bürgerliche Wirtschaftspolitik gefällt nicht allen.

Mehrere von der bz angefragte CVP-Exponenten bezeichnen die Suche nach einem Nachfolger fürs CVP-Präsidium deshalb auch als «Chance» für etwas Neues. Sie selbst wollen den Job allerdings nicht übernehmen (bz vom Samstag). «Ich wünsche mir, dass eine eigenständige Politik für die CVP wieder wichtiger wird», sagt etwa Alex Imhof. Der Laufner Stadtpräsident und Anwalt fällt immer wieder als jemand auf, der sich nicht scheut, auch innerhalb der Partei anzuecken. Für ihn ist klar, dass die CVP nur mit einem eigenen Profil und absolut unabhängig Erfolg haben kann.

Kommt die Starke Mitte wieder?

Ähnlich sieht es Remo Oser. Der Gemeindepräsident von Röschenz wünscht sich auch einen «unabhängigen» Kandidaten, dessen Beziehungsnetz ausgewogen ist. Wo die CVP politisch stehen soll, steht für ihn ausser Frage: «Wir müssen eine Mittepolitik verfolgen, denn die CVP ist eine Mittepartei.» Oser spricht es zwar nicht aus, doch lässt er damit Erinnerungen an die «Starke Mitte» aufleben, der Verbindung von CVP, EVP, GLP und BDP, die 2011 nur hauchdünn einen zweiten Nationalratssitz verpasste, dann aber wegen der Annäherung der CVP an SVP und FDP auseinanderbrach. Keine Rolle spielt für Oser dabei, ob die Mittepolitik dennoch eine bürgerliche Politik sein kann. «Es geht nicht um links oder rechts, sondern darum, voraus zu gehen und Brücken für tragfähige Lösungen zu bauen.»

Ein Brückenbauer soll der neue Präsident, der Ende März von der Generalversammlung gewählt wird, auch innerhalb der Partei sein. Das erhoffen sich – ohne Ausnahme – alle angefragten CVPler. «Der Präsident muss alle Strömungen abdecken», sagt etwa Béatrix von Sury d’Aspremont. Die Vize-Präsidentin meint damit die Tatsache, dass in der CVP – mehr noch als in anderen Baselbieter Parteien – verschiedenste Haltungen aufeinandertreffen: wertkonservativ, wirtschaftsliberal, sozial oder Kombinationen davon, alles kommt vor. Von Sury sieht dies aber auch als Stärke und mahnt: «Wir dürfen niemanden verlieren.»

Corvini will BüZa treu bleiben

«Es muss jemand sein, der innerhalb der verschiedenen CVP-Gruppen ausgleichend und verbindend wirkt», sagt auch der Prattler Gemeinderat Emanuel Trueb. Eine erneute Nähe zur Wirtschaft sei dabei kein Problem: «Es kann von Vorteil sein, wenn jemand die regionale Wirtschaft versteht.» Dagegen hätte verständlicherweise auch Remo Franz nichts. Der Rofra-Verwaltungsratspräsident und ehemalige Landrat betont gleichwohl: «Der Präsident muss neutral sein.» Für Landrat Franz Meyer haben Marc Scherrer und dessen Vorgängerin Sabrina Corvini-Mohn dies erfüllt: «Sie machten beide eine eigenständige Politik. Wäre Marc zu abhängig gewesen, hätte der Parteivorstand auch reagiert.»

Corvini platziert allerdings einen unmissverständlichen Wunsch – und liegt damit ganz auf der Linie von Scherrer: «Mir wäre wichtig, dass die bürgerliche Zusammenarbeit gut weiterläuft.» Dass die Findungskommission am Ende jemanden präsentieren kann, der vollkommen ohne Verbandelungen auskommt, ist sowieso unwahrscheinlich. «Wirklich unabhängig ist eigentlich kaum ein Politiker, weil jeder berufstätig ist oder Mandate hat», sagt eine, die es wissen muss: CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter. Für sie, die selbst im Sommer das Präsidium der Handelskammer beider Basel übernimmt, komme es darauf an, wie gut man mit jemandem zusammenarbeiten könne: «Mit Marc Scherrer war das nie ein Problem.»

Sprungbrett für den Nationalrat

An den neuen Präsidenten hat Schneider allerdings ziemlich hohe Ansprüche: «Wir brauchen jemanden, der führen kann, die Dossiers im Griff hat, in der Partei präsent ist, Brücken bauen und Mehrheiten schaffen kann, zu keinem bestimmten Lager gehört, nicht polarisiert und den anderen Parteipräsidenten Paroli bietet.» Kurz: «Wir brauchen einen Leuchtturm.»

Ob das den meistgenannten Favoriten Pascal Ryf eher motiviert oder abschreckt, sich zur Verfügung zu stellen, muss sich noch zeigen. Der Oberwiler Landrat war einer der wenigen, der sich letzten Freitag gegenüber der bz nicht gleich selbst aus dem Spiel nahm, sondern zumindest Interesse signalisierte. Und tatsächlich wäre er jemand, der die meisten dieser Eigenschaften besitzt. Zwar gilt Katholik Ryf als klar wertkonservativ, aber eben auch als sozial und wirtschaftsliberal – ohne die engen Bande eines Scherrers.

Zudem gäbe es noch ein Zückerchen, das bisher unerwähnt geblieben ist: das Amt des CVP-Parteipräsidenten als Sprungbrett, um dereinst Schneider im Nationalrat zu beerben.