Weil das Budget 2017 an der letzten Gemeindeversammlung zurückgewiesen wurde, kann Reigoldswil den Jubilaren zurzeit keine Geschenke mehr überbringen. Das ist aber nicht die einzige schlechte Nachricht, die 80-, 85-, 90-, 95- und 100-jährige Reigoldswiler kürzlich erfahren mussten. Kam bei den Jubilaren bis vor kurzem noch ein Gemeinderatsmitglied persönlich zum Gratulieren vorbei, ist dieser Brauch ab sofort abgeschafft.

«Wir sind nur noch fünf statt wie vorher sieben Gemeinderäte und arbeiten tagsüber alle», begründet Gemeindepräsident Urs Casagrande. Deshalb sei es nicht mehr möglich, die Jubilarenbesuche fortzuführen. «Das hat nur logistische Gründe und wird auch von uns bedauert. Es haben sich immer wieder spannende Gespräche mit den Jubilaren ergeben, welche die Besuche sehr geschätzt haben.» Ersatzlos sind sie nicht gestrichen. Die Gemeinde schliesst sich neu dem Verkehrs- und Verschönerungsverein an, der einmal jährlich eine Jubilarenparty organisiert, zu der alle runden Geburtstagskinder eingeladen sind.

Reigoldswil ist nicht die einzige Gemeinde, die bei den Jubilarenbesuchen Abstriche machen muss. So hat der neue Prattler Gemeindepräsident Stephan Burgunder bei seinem Amtsantritt im vergangenen Sommer entschieden, wenigstens auf die Besuche der 80-Jährigen zu verzichten. «Die potenziell 200 Besuche, die im Jahr anstehen, konnten wir so um die Hälfte reduzieren», erklärt er. Auch er bedauert die Abschaffung. «In der Bevölkerung werden die Besuche sehr geschätzt, aber es geht einfach nicht mehr anders. Das hat nichts mit fehlender Wertschätzung zu tun.»

Auch Hochzeitstage betroffen

Auch in Arlesheim hat der neue Gemeinderat den Nutzen und den Aufwand für die Jubilarenbesuche überprüft. «Es ging darum, festzulegen, wo der Gemeinderat Prioritäten setzen muss», erläutert Gemeindepräsident Markus Eigenmann. Im Gegensatz zu den Prattlern ging der Arlesheimer Gemeinderat schon bisher erst ab dem 90. Geburtstag bei Jubilaren vorbei. Daran hält er fest. Dafür hat der Gemeinderat die Besuche zum 50. Hochzeitstag gestrichen und kommt erst ab dem 60. vorbei.

In Therwil behält der Gemeinderat die Besuche bei den Jubilaren bei, die dort mit 90 anfangen. «Aber auch wir haben vor ein paar Jahren über die Abschaffung diskutiert», räumt Gemeindepräsident Reto Wolf ein. Mit den jährlich rund 40 Besuchen, die abzustatten sind, komme man an die Kapazitätsgrenze. «Aber die Zahl bleibt relativ stabil. Deshalb haben wir sie beibehalten. Wenn es mehr werden würden, müssten wir uns Alternativen überlegen.»

Gewinn auch für Gemeinderäte

Wolf kennt das Thema der Jubilarenbesuche von zwei Seiten: Als Geschäftsführer der Stiftung Obesunne, zu der auch ein Alters- und Pflegeheim gehört, und als Gemeindepräsident. «Die älteren Leute schätzen diese Aufmerksamkeit», weiss er. In Pflegeheimen könne es vorkommen, dass sie den Besuch schon nicht mehr richtig verstehen. «Dann ist es eine Überforderung, sowohl für die Jubilare als auch für den Gemeinderat.» Der Normalfall sei aber ein anderer: Aufgeregte und aufgebrezelte Geburtstagskinder öffnen den Gemeinderäten die Tür und unterhalten sich mit ihnen. Deshalb seien die Besuche längst nicht nur für die Jubilare wertvoll, sondern auch für den Gemeinderat. «Man ist voll am Puls der Bevölkerung. Für eine Stunde gehört man fast ein bisschen zur Familie und erfährt auch viel Persönliches.»

Genau deshalb möchte Lukas Ott die Jubilarenbesuche nicht missen. «Die eigentlich Beschenkten bei so einem Besuch sind wir Behördenmitglieder», ist der Liestaler Stadtpräsident überzeugt. «Es ist bereichernd, etwas aus den Leben dieser Leute zu erfahren.» Deshalb würde der Stadtrat einige andere Engagements überdenken, bevor die Abschaffung der gut 60 Jubilarenbesuche ab dem 90. Geburtstag jährlich ein Thema würde. «Solche Begegnungen sind es, die uns zu einer Gemeinschaft, statt einfach einer Gesellschaft machen», ist Lukas Ott überzeugt.

«Nicht ersatzlos streichen»

Dass manche Gemeinden bei den Jubilarenbesuchen sparen, bedauert auch Sabine Währen. «Solche Besuche werden geschätzt», weiss die Geschäftsleiterin von Pro Senectute beider Basel. «Aber so traurig es auch ist: Ich verstehe, dass gewisse Gemeinden hier Einsparungen vornehmen müssen. Gerade jene, die 80-Jährige besuchen.» Dieses Alter würden mittlerweile viele erreichen und die Besuche somit immer mehr werden. «Das müssen auch ältere Menschen verstehen. Aber ich finde es wichtig, dass die Besuche nicht einfach ersatzlos gestrichen werden. Gerade auch weil viele ältere Menschen einsam sind, ist zum Beispiel ein Jubiläumsanlass eine gute Alternative», sagt Währen.