Eine wissenschaftliche Auswertung der Universität Zürich zeigt: Die «Basler Zeitung» bewirtschaftet wie keine andere vergleichbare Regionalzeitung die Themen «Sicherheit» und «Kriminalität». Die Berichterstattung verläuft kontinuierlich in hoher Kadenz. Dass das Thema bereits im Frühjahr hoch im Kurs stand, lag nicht zuletzt an der Sicherheitsinitiative der SVP, die zur Volksabstimmung kam und abgelehnt wurde.

Seit den Sommerferien ist jedoch erneut und parallel mit dem anziehenden Regierungs- und Grossratswahlkampf eine steigende Tendenz erkennbar. Kaum eine Ausgabe findet sich mittlerweile, ohne dass nicht ein Gewaltthema einen grösseren Raum einnimmt.

«Wer lässt die Kriminalität ansteigen»

Dass die «Basler Zeitung» ihre rechtsbürgerliche Ausrichtung vor allem über das Sicherheitsthema zum Ausdruck bringt, ist mit der Zürcher Auswertung erstmals empirisch belegt. Chefredaktor Markus Somm hat Anfang September in seinem Leitartikel «Nachrichten von der Titanic» noch die rhetorisch gemeinte Frage gestellt: «Wer lässt die Kriminalität ansteigen? Die Basler Zeitung oder die Täter?» Wer sich über die Berichterstattung der Zeitung beklage, der wolle die Wirklichkeit verschwinden lassen. Nicht die BaZ-Journalisten würden die Bevölkerung verunsichern, sondern «die gehäuft auftretenden Diebe und Vergewaltiger». Die Zahlen belegen: Dies ist nur die halbe Wahrheit.

Wie die SVP

Bei der blossen Berichterstattung über die aktuellen Kriminalfälle und Verbrechen belässt es die «Basler Zeitung» nicht. Es ist ihr gelungen, dem Wahlkampf ein Thema zu geben, dem sich traditionell lediglich die SVP verschrieben hat, und dieses kampagnenmässig voranzutreiben. Dies brachte etwa dem FDP-Regierungsratskandidaten Christophe Haller eine erstaunliche Medienpräsenz. Haller hatte die Sicherheit frühzeitig zu seinem Wahlkampfthema gemacht. Obwohl der Versicherungsmanager zuvor nicht als Sicherheitspolitiker in Erscheinung getreten war, konnte er daraufhin in mehreren Interviews seine sicherheitspolitische Haltung erläutern.

SP-Fraktionschefin Tanja Soland versuchte in einem Gegeninterview, das ihr die BaZ ermöglichte, zu kontern. Das Resultat war allerdings nicht eine nun ausgewogene Berichterstattung, sondern mündete vielmehr in eine mit einem scharfen Kommentar unterlegte Kritik an Solands Aussagen zur Gewalt in Basel. Als Soland, so von der BaZRedaktion vorgeführt, nicht mehr bereit war, mit Haller für die Zeitung ein Streitgespräch zu führen, brandete die nächste Empörung auf: Die SP verweigere sich der politischen Debatte und dem Gewaltthema. Schlimmer noch: Parteipräsident Martin Lüchinger habe seinen Genossen einen Maulkorb verpasst.

Klassisches «Agenda-Building»

Die SP ist lehrbuchmässig in die Falle des «Agenda-Buildings» geraten. Wenn auch zweifelhaft ist, inwieweit Medien die öffentliche Meinung beeinflussen können, so ist in der Forschung zur politischen Kommunikation doch unbestritten, dass Medien vor allem in den frühen Stadien politischer Prozesse massgeblich auf die Wahl der Themen Einfluss nehmen können: Sich dem Themenkomplex «Sicherheit» und «Kriminalität» verschliessen, können sich die Basler Parteien im Vorfeld der Gross- und Regierungsratswahlen jedenfalls nicht mehr.

Die politischen Parteien und ihre Kandidaten übertreffen sich derzeit mit vorgetragenem sicherheitspolitischem Sendungsbewusstsein. Als Veranstaltung von FDP und SP haben am Donnerstag die Exponenten Haller und Soland nun doch über das Thema debattiert. CVP-Präsident Markus Lehmann bringt seine Partei ins Spiel, indem er erneut die Videoüberwachung aufgreift, die erst kürzlich vom Grossen Rat abgelehnt worden war. Die grünliberale Martina Bernasconi spielte sich - vorab exklusiv in der «Basler Zeitung» - mit einem Vorstoss für Alarm-Tröten für alle Frauen ins Scheinwerferlicht. Selbst die christliche EVP glaubt, um das Thema Sicherheit nicht herumzukommen, wie ihre Wahlinserate zeigen.

Etwas beleidigt wie das Ricola-Männchen im Werbespot («Wer hats erfunden?») verfolgt die SVP die Debatte. Bereits sprach Parteipräsident Sebastian Frehner von einer «Scheindebatte», die von den anderen Parteien um das Thema Sicherheit geführt werde. Die SVP kämpft um die Themenführerschaft: Kommende Woche hat sie deshalb zu einer Medienkonferenz geladen, um ihre Vorstellungen «für ein sicheres Basel» zu präsentieren. Mit auf dem Podium sind die beiden SVP-Regierungsratskandidaten Patrick Hafner und Lorenz Nägelin, die sich derzeit sonst eher aus dem Weg gehen.
Die Spirale ist in Gang gesetzt. Die Basler Politiker haben zahlreich den vorgesetzten Köder geschluckt. Ob dies auch den Wählern schmeckt, wird sich an den Wahlen Ende Oktober weisen.