Eigentlich ist es paradox: Der Schweizer Arbeitsmarkt lechzt nach gut ausgebildeten Fachkräften mit viel Know-how. Gleichzeitig finden Personen, die genau das bieten, aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters kaum mehr eine neue Stelle. Im Gegensatz zu jüngeren Arbeitslosen sind die Gründe dabei viel heterogener und den Betroffenen kann oft nicht durch die bestehenden Beratungsangebote geholfen werden.

Nach den Kantonen St. Gallen, Schaffhausen und Aargau startet deshalb ab dem 1. Oktober auch in Baselland das Projekt «Tandem 50 plus». Heute Montag wurde es in Liestal vorgestellt. Dabei vermittelt eine zentrale Stelle Stellensuchenden zwischen 50 und 60 einen Mentor, der noch fest im Berufsleben steht und sein Know-how ehrenamtlich weitergeben möchte. Die beiden bilden über eine beschränkte Zeit das namensgebende Tandem mit der Hoffnung, dass der Arbeitslose wieder in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden kann.

Neues Büro im Businesspark Reinach

Wie in den anderen Kantonen läuft das Angebot über die Fachstelle für Freiwilligenarbeit des Vereins Benevol, unterstützt vom kantonalen Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga). «Das Kiga zahlt, Benevol gibt den Namen und das Know-how», bringt Sibylle Liechti vom Kiga die Kooperation auf den Punkt. Konkret wird das neue Angebot über die Bundesgelder aus der Arbeitslosenversicherung finanziert. Liechti rechnet mit rund 300 000 Franken pro Jahr, wie sie gegenüber der bz festhält. Es wird ein Büro im Businesspark Reinach eröffnet, in dem sich mit Michèle Bowley eine Geschäftsleiterin mit einem 100-Prozent-Pensum darum kümmert, Stellensuchende und Mentoren zusammenzubringen.

Herausforderung, Mentoren zu finden

Bowley ist Sozialpsychologin und hat als frühere Geschäftsführerin von Gsünder Basel schon einige Erfahrungen mit ehrenamtlich Tätigen gesammelt. Sie wird im verbleibenden Monat ein Team von Mentoren aus verschiedenen Berufszweigen aufbauen. «Es ist wichtig, dass Mentor und Stellensuchender zusammenpassen. Es bringt nichts, wenn der eine aus dem Spitalbereich kommt und der andere aus der Schwerindustrie», sagt sie.

Hierzu hat Liechti vom Kiga eine klare Vorstellung: «Zumindest am Anfang fokussieren wir uns bei den Mentoren vor allem auf den kaufmännischen Bereich.» Dort gebe es zurzeit am meisten Stellensuchende und die Konkurrenz auf dem Markt sei gross. Diese Beschränkung ist es auch, die Liechti von einem nötigen Pool von rund 50 Mentoren sprechen lässt. In St. Gallen, wo «Tandem 50 plus» bereits seit fünf Jahren erfolgreich läuft, könne man dagegen auf rund 450 Mentoren zurückgreifen.

120 Menschen pro Jahr helfen

Wie viele Arbeitslose das Angebot in Baselland nutzen werden, sei die grosse Frage. Auch hier stützen sich die Projektleiterinnen auf die Erfahrungen aus St. Gallen. Dort würden zirka 250 Fälle pro Jahr bearbeitet, was unter Berücksichtigung der Kantonsgrösse auf rund 120 Fälle in Baselland schliessen liesse. Nur zu gerne würde Bowley auch die Erfolgsquote aus der Ostschweiz erreichen: Über 60 Prozent der Personen würden dort dank dem Tandem wieder einen Job finden.

Diese Quote lässt sich auch mit der Zielgruppe erklären: «Wir suchen Menschen, die bereits fit sind für den Arbeitsmarkt», sagt Liechti. Die Mentoren seien keine ausgebildeten Coaches, die etwa Langzeitarbeitslose von Grund auf wieder aufbauen könnten. Für solche Fälle gebe es beim Kiga andere Angebote.

Das Tandem geniesst viele Freiheiten

Und so funktioniert das Angebot konkret: Die Auswahl, wer sich für ein Tandem eignet, läuft zuerst über die Personalberatung des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV), die gut qualifizierte Arbeitslose zur Teilnahme motiviert. Interessierte müssen sich dann allerdings selbstständig schriftlich auf der Geschäftsstelle von Tandem 50 plus bewerben (bis zum Start vom 1. Oktober läuft der Kontakt über Benevol Baselland).

Findet Michèle Bowley in der Folge einen geeigneten Mentor, gibt es ein Startgespräch zu Dritt, in dem eine Zielvereinbarung getroffen wird. Danach funktioniert das Tandem grösstenteils autonom. «Wie sie sich organisieren, ist ihnen überlassen», sagt Liechti. Im Kern gehe es letztlich darum, sein Netzwerk und Know-how zur Verfügung zu stellen. Dies könne auch mal bei einem Bier am Abend sein. Als Vorteil des Projekts hebt Benevol-Präsidentin Regula Gysin hervor, dass die Zusammenarbeit pro Fall in der Regel auf vier Monate beschränkt ist. «Das dürfte es leichter machen, Menschen zu finden, die sich als Mentoren freiwillig engagieren wollen.»

Gysin weiss, dass ein solches Engagement heutzutage längst nicht mehr selbstverständlich ist. Und Benevol-Geschäftsleiterin Regula Müller-Schwarz stellt fest, dass für Ehrenamtliche «heute oft nicht mehr im Zentrum steht, Gutes zu tun, sondern ihr Wissen weitergeben zu können». Für Gysin ist derweil klar: «Ohne Freiwillige würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren.»