Sie zählen zu den einflussreichsten Hardrock-Bands aller Zeiten; ihr Eingangsriff zu «Smoke on the Water» etwa zählt zu den stilprägendsten Werken der Rockmusik überhaupt: Die Rede ist von Deep Purple. Langjährige Fans der 1968 gegründeten Band schwören aber vor allem auf eines: die Live-Konzerte. So arten Stücke, die auf Platte fünf Minuten dauern, auf der Bühne oft in regelrechten Improvisationsorgien aus, die nicht selten eine Viertelstunde dauern.

Die Spielfreude und das zusammen auf der Bühne Musizieren – für den langjährigen Sänger Ian Gillan ist das die Essenz von Deep Purple. Der 68-Jährige fühlt sich auch nach Hunderten von Konzerten in den letzten 45 Jahren nicht müde und freut sich auf die anstehende Festivalsaison, die Deep Purple auch ans Summerstage-Festival nach Münchenstein führt.

Im Telefongespräch mit der bz erwies sich der legendäre Sänger als gleichermassen ironisch-schlagfertiger als auch höflicher Zeitgenosse. Von Star-Allüren keine Spur.

 

Guten Morgen, Herr Gillan, man sagte uns, Sie seien in Portugal. Dürfen wir fragen, was Sie da machen?

Ian Gillan: Die ganze Band ist da. Wir haben ein Studio an der Algarve und basteln an neuen Songs. Abends trinken wir einen Schluck guten Rotwein und geniessen die Ruhe.

Bereiten Sie sich in Portugal auch auf die anstehende Festival-Saison mit rund einem Dutzend Konzerten in Europa vor?

Nein. Wir kennen unser Live-Material bestens. Seit es Deep Purple gibt, spielen bei Konzerten Improvisationen eine grosse Rolle. Vieles entsteht auf der Bühne aus dem Moment heraus. Eine spezielle Vorbereitung auf die Konzerte ist nicht nötig.

Meine Redaktionskollegen haben mich vor dem Gespräch aufgezogen: «Du wirst Ian Gillan nicht erreichen. Um 8.30 Uhr (dem vereinbarten Interviewtermin, Anm. d. Red.) schlafen Rockmusiker noch.»

Da kennen mich Ihre Kollegen aber schlecht. Ich werde hier an der Algarve im Morgengrauen von einem Hahn in der Nachbarschaft geweckt und stehe auf, wenn es hell wird. Und wenn es abends dunkel wird, gehe ich ins Bett. Es ist ein unspektakuläres, aber gutes Leben hier unten.

Sie haben in den letzten 45 Jahren mit Deep Purple Hunderte Konzerte gegeben. Sind Sie mit Ihren 68 Jahren das Touren nicht leid?

Überhaupt nicht. Ich kann mir im Gegenteil nicht vorstellen, nicht mehr auf der Bühne zu stehen. Die Live-Konzerte sind das, was Deep Purple ausmacht. Als ich als Jugendlicher an einem Konzert von Cliff Bennett in den frühen Sechzigerjahren in der ersten Reihe stand, wurde mir klar: Ich wollte dort sein, wo er war. Die Interaktion mit dem Publikum und – für mich fast noch wichtiger – mit den anderen Musikern, das ist pure Magie. Bei einem Deep-Purple-Konzert weiss man nie genau, was passiert. Ich möchte diese Gefühle nicht missen.

Am 11. Juli spielen Sie mit Ihrer Band in Basel. Haben Sie Erinnerungen an die Stadt?

Natürlich. Ich war schon viele Male da. Wenn ich an Basel denke, dann sehe ich Menschen vor mir, die sich an einem warmen Sommerabend den Rhein hinuntertreiben lassen. Ich habe einige Freunde in Basel, mit denen ich mich zum Essen treffen werde. Ich freue mich auf den Besuch.

Deep Purples «Made in Japan» von 1972 gilt als eine der einflussreichsten Live-Platten aller Zeiten. Vor wenigen Tagen ist sie – mit bisher unveröffentlichtem Material versehen und luxuriös aufgemacht – neu auf den Markt gekommen. Wie war es für Sie, die legendären Aufnahmen wieder anzuhören?

Ganz ehrlich: Ich habe mir das Zeug nicht angehört. Und so gerne ich mit meinen Kollegen auf der Bühne stehe: Ich mag Live-Alben nicht besonders. Aber klar, ich weiss um die Bedeutung und den Stellenwert von «Made in Japan». Die Japan-Tour vor 42 Jahren hat mich persönlich umgehauen. Ich kam erstmals in ein Land, in dem ich fundamentale Mentalitätsunterschiede zu Europa spürte. Das war ein Kulturschock, der mich – in positivem Sinne – geprägt hat.

Deep Purple bildet mit Led Zeppelin und Black Sabbath die heilige Dreifaltigkeit des Hardrock. Ihre Freunde haben es in die berühmte «Rock and Roll Hall of Fame» geschafft – Sie nicht. Schmerzt Sie das?

Über diese Geschichte möchte ich nicht gross reden. Mir bedeuten diese Auszeichnungen, auch die britischen Verdienstorden der Königin, nicht sehr viel. Ich weiss, dass sich Lars Ulrich (der Schlagzeuger von Metallica, Anm. d. Red.) derzeit rührend dafür einsetzt, dass wir in die Hall of Fame aufgenommen werden. Ich schätze Lars und sein Engagement sehr. Aber für mich müsste er es nicht tun. Darum gehts uns nun wirklich nicht.

Und worum gehts Ihnen dann?

Wie ich vorher angetönt habe: zusammen mit den Bandkollegen auf Tour zusammenzuarbeiten – das ist es. Wissen Sie: Wir sind sehr unterschiedliche Menschen, unterschiedlicher, als unsere Fans wohl denken. Wir sind von der Art her alle verschieden, wir haben unterschiedliche politische Ansichten, wir haben sehr unterschiedliche Hobbys. Was uns vereint, ist die Liebe zur Musik – und zum Sport. Wir sind alle leidenschaftliche Fussball-Fans und werden die WM-Spiele schauen. Wobei das streng genommen gar nicht stimmt: Unser Gitarrist Steve Morse ist Amerikaner. Der versteht überhaupt nichts von Fussball. Es ist wirklich nur die Musik.