Man hätte René Bieder noch lange zuhören können. Der 85-Jährige erzählte am Dienstagabend im übervollen Liestaler Dichter- und Stadtmuseum im Gespräch mit Museumsleiter Stefan Hess äusserst wach Reminiszenzen aus seinem Familienleben. Sein Grossvater, sein Vater und er führten während 90 Jahren die Kunstschreinerei Bieder, eine Liestaler KMU-Perle, die Stilmöbel und ganze Einrichtungen für Wohlhabende und Firmen in der halben Schweiz und darüber hinaus herstellte.

Hess, der zusammen mit Wolfgang Loescher auch das kürzlich im Kantonsverlag erschienene Buch «Weltklasse in Liestal» über die Kunstschreinerei schrieb, tönte es in seiner Einleitung an: Jeder kannte in Liestal das Unternehmen in der Nähe der Brauerei Ziegelhof, aber kaum einer wusste, was es genau machte. Zur Vernebelung trug auch die geheimnisvolle Bezeichnung «Ebénisterie» bei, mit der die Firma kokettierte. Der französische Begriff für Kunsttischlerei weist aber gleichzeitig auf die Gene der Firma hin: Sowohl Gründer Oskar wie auch Sohn Hans und Enkel René Bieder bildeten sich nach der Schreinerlehre in Paris weiter und eigneten sich so das Wissen und die Fertigkeit an, die ihre Kunstschreinerei so einzigartig in der Region, ja wahrscheinlich in der Schweiz machte.

Zum Holz auch Huhn gekauft

Besonders ausgeprägt tat dies Hans Bieder, der es bei der renommiertesten Pariser Kunstschreinerei Linke bis zur rechten Hand des Chefs brachte und 1947 sogar die Firma übernahm, was fast wöchentliches Pendeln von Liestal nach Paris bedingte. René Bieder: «Mein Vater war von französischen Möbeln fasziniert. Und er kam in Paris auch mit einer exklusiven Kundschaft in Kontakt.» So habe er für einen kolumbianischen Kupferkönig dessen Pariser Palais eingerichtet; mit dem Resultat, dass die georteten Möbel «mehr aus Bronze als aus Holz» bestanden hätten.

In Liestal übernahm Hans Bieder 1935 das Geschäft von seinem Vater, stand aber kaum noch an der Werkbank, sondern verhandelte mit den Kunden. Dazu gehörte auch, deren oft mangelndes Vorstellungsvermögen anzuregen. Hans Bieder zeichnete Aquarelle von den Räumen mit den zur Diskussion stehenden, neuen Einrichtungen und vermittelte so den Kunden eine dreidimensionale Perspektive. Solche Aquarelle, detaillierte Pläne, ganze Möbelstücke und viele Erklärungen aus und zum Hause Bieder sind derzeit im Dichter- und Stadtmuseum in Liestal noch bis Mitte Juni ausgestellt.

Legendär waren auch Hans Bieders Holzeinkäufe. René Bieder: «Mein Vater hat das Holz direkt bei den Bauern und nicht bei Händlern gekauft. Die entsprechenden Bäume haben wir auf unsern Sonntagsspaziergängen besichtigt.» Viele davon führten nach Seltisberg, denn dessen Umgebung galt als Eldorado für die besten Nussbäume. Während der Familienvater mit den Bauern über den Preis verhandelte, nutzte der Familienhund – es waren immer Neufundländer – seine Freiheiten. Trocken kommentierte René Bieder: «So kauften wir nebst dem Holz oft noch ein Huhn.»

Bett mit Sophia Loren geteilt

René Bieder liess auch wichtige Kunden wie von Opel und andere Industrielle sowie wichtige Mitarbeiter Revue passieren. Wobei ein langjähriger Mitarbeiter offenbar eine solche Raffinesse für die gefragten Geheimfächer in Möbeln entwickelte, dass eine Luganeser Kundin, die darin Utensilien aufbewahrte, die nicht fürs Auge ihres Mannes bestimmt waren, nach einer längeren Reise den Zugang zum eigenen Geheimfach nicht mehr fand. Und dann bot er noch diese Anekdote zu den Pariser Aufenthalten seines Vaters feil: Hans Bieder besass dort zwar eine kleine Wohnung, schlief aber immer in einem feudalen Ausstellungsbett. Eines Tages mietete Peter Ustinov das exklusive Bett für einen Film mit Sophia Loren. René Bieder rekapitulierte unter dem Gelächter des Publikums: «Mein Vater und die Loren schliefen im gleichen Bett – nur nicht zur gleichen Zeit.»

Ab den 1960er-Jahren verloren Stilmöbel an Bedeutung, und René Bieder verlegte die Geschäftstätigkeit immer mehr weg von der Produktion hin zum Antiquitäten- und Kunsthandel mit einer Filiale am Basler Barfüsserplatz. Was blieb, war ein Leben unter den Schönen und Reichen dieser Welt. So erzählte René Bieder vom Einrichten der vier Paläste für die vier Frauen des Königs von Saudiarabien oder von jenem für den Schah von Persien. Das Publikum dankte ihm das eineinhalbstündige, intensive Eintauchen ins vergangene Reich der Ebénisterie Bieder mit langem Applaus.

Die Ausstellung «Weltklasse in Liestal. Die Kunstschreinerei Bieder» im Liestaler Dichter- und Stadtmuseum läuft noch bis zum 18. Juni. Das gleichnamige, im Kantonsverlag erschienene Buch kostet 24 Franken.