Liestal soll in den nächsten fünf Jahren von heute 14 500 auf gegen 17 000 Einwohner wachsen. Der Motor dieses angestrebten Wachstums sind die Quartierpläne für verdichtete Überbauungen, die vom Einwohnerrat fast im Monatsrhythmus verabschiedet werden. Normalerweise machen dies die Ortsparlamentarier ohne Aufheben, stellen im Ausnahmefall vielleicht mal eine kritische Frage zur Verkehrserschliessung oder zu einer Ufergestaltung. Beim Quartierplan Grammet am Ortsrand in Richtung Lausen, mit 168 Wohnungen der bisher grösste, war das kurz vor Weihnachten anders: Es gab grundsätzliche Einwände. Muss der Stadtrat jetzt auf die Wachstumsbremse treten? Das und anderes wollten wir von Liestals grünem Stadtpräsidenten Lukas Ott wissen.

Herr Ott, jüngst gab es im Einwohnerrats ungewohnt kritische Töne zum neusten Quartierplan Grammet. Freisinnige Stimmen befürchten ein Wohnungsüberangebot in Liestal, sozialdemokratische einen neuen «sozialen Hotspot». Stösst Liestals Wachstumsstrategie an ihre Grenzen?

Lukas Ott: Vorausschicken will ich, dass ich solche kritischen Diskussionen begrüsse, denn die Sitzungen des Gemeindeparlaments sollen kein Gottesdienst sein, bei dem alle Ja und Amen sagen. Und sie geben Gelegenheit, einmal mehr darauf hinzuweisen, wie wichtig und zukunftsweisend die aktuelle Entwicklung ist. Reden wir zuerst über das Wohnungsangebot: Wir haben lange in Liestal daran gearbeitet, dass gerade im über Jahrzehnte stark unterdurchschnittlichen Wohnungsneubau eine Dynamik entsteht. Entsprechend klein war das Bevölkerungswachstum rückblickend, das in den 1980er- und 90er-Jahren sogar stagnierte. Gleichzeitig wurden aber die Aufgaben der Stadt komplexer und die Ansprüche der Einwohner grösser. Die Leistungen in den Bereichen Bildung, Soziales, Verkehr, Sicherheit und Kultur, die wir als Kantonshauptort und regionales Zentrum erfüllen müssen, gehen über die Aufgaben anderer Gemeinden hinaus. Das alles kostet, und wir müssen die finanziellen Lasten auf viele Schultern verteilen können.

Die jetzigen 14 500 Schultern reichen nicht?

Genau. Im Moment sind wir zu wenige, und es ist wichtig, dass wir zulegen können. Die Alternativen wären ein schmerzhafter Abbau von Dienstleistungen oder eine Erhöhung der Steuern der natürlichen Personen. Beide Szenarien wollen wir nicht ernsthaft weiterverfolgen, weshalb es ganz wichtig ist, dass wir eine Dynamik im Wohnungsbau erreicht haben. Diese Entwicklung greift jetzt, und ich meine, sie greift sehr gut. Und ich möchte davor warnen, die Entwicklung jetzt in Zweifel zu ziehen. Denn ein Abwürgen der Dynamik wäre schädlich und würde zu den erwähnten Szenarien führen. Letztlich reagiert der Markt auf Angebot und Nachfrage, und es liegt in der Verantwortung der Investoren, bei «Grammet» mit einem Volumen von 168 Wohnungen allenfalls mit einer Etappierung beim Bau zu reagieren.

Für Sie ist also die noch relativ leise, aber doch neue Kritik nicht Anlass, die Wachstumsstrategie zu hinterfragen und das Tempo bei der Vorlage von neuen Quartierplanungen zu reduzieren?

Es ist sicher so, dass wir nicht auf Teufel komm raus in möglichst rascher Kadenz einen Quartierplan nach dem andern vorlegen wollen. Aber wir wollen die Voraussetzungen schaffen, dass es auch in 10 bis 15 Jahren möglich ist, in Liestal Wohnraum zu finden. Die Herausforderung heisst, für eine längerfristige Verstetigung der Entwicklung zu sorgen. Im Moment kommt eine sehr geballte Ladung auf Liestal zu, das stimmt. Aber das ist die Folge, dass wir die lange Staulage beim Wohnungsbau mit einer Leerwohnungsziffer von gegen null, die wir hatten, nun deblockiert haben. Damit verbunden sind halt die vielen Baustellen mit entsprechenden Emissionen, das lässt sich nicht vermeiden. Dabei nehmen wir möglichst grosse Rücksicht auf unsere Einwohner.

Zu den Belastungen gehört auch der Verkehr. Und mehr Einwohner verursachen mehr Verkehr. Das gilt gerade für das eher periphere Gebiet Grammet in Richtung Lausen.

Wichtig ist, dass wir uns auch beim Verkehr nicht mit dem Status quo zufrieden geben, sondern den öffentlichen Verkehr noch mehr in den Vordergrund rücken. Wobei das Entwicklungsgebiet Liestal Ost mit unter anderem der geplanten Überbauung Grammet nicht Niemandsland ist, sondern bereits mit dem Bus erschlossen ist. Ich bin der Meinung, dass wenn mit dem neuen Liestaler Bahnhof der Viertel-Stunden-Takt bei der S-Bahn kommt, sich auch die Regionalbusse dem verdichteten Takt anschliessen sollten. Und ich bin der Meinung, dass mit der Zunahme der Bevölkerung in Liestal Ost eine S-Bahn-Station Liestal Altmarkt zu prüfen ist. Die S-Bahn-Linie zwischen Pratteln und Rheinfelden mit den neuen Stationen Salina Raurica und Augarten macht uns vor, wie so etwas aussehen kann. Wir werden uns im neuen Agglo-Programm für die Station Liestal Altmarkt einsetzen.

Und was sagen Sie zum befürchteten «sozialen Hotspot», also einem Anziehungspunkt für Sozialhilfebezüger in der «Grammet»?

Man geht davon aus, dass die Nähe zur Umfahrungsstrasse A 22 nicht der attraktivste Wohnraum ist. Das wird sicher zu einem grossen Teil durch die hohe Qualität des vorliegenden Projekts aufgefangen, das sich ja in einem Wettbewerb mit renommierten Büros durchgesetzt hat. Zudem gibt es heute beim Lärmschutz gute Lösungen. Und dann macht sich der Stadtrat bekanntlich stark für die Tunnellösung bei der Umfahrung, weil es die heutige Strasse mitten im Siedlungsgebiet langfristig nicht verträgt. Das Problem sind im Übrigen nicht die Sozialhilfebezüger, sondern der mangelnde finanzielle Ausgleich zwischen den Gemeinden mit wenigen und den Gemeinden mit vielen Sozialhilfeempfängern.

Könnte die aufkeimende Wachstumsskepsis in Liestal auch damit zu tun haben, dass die bisher umgesetzten Quartierpläne längst nicht alle architektonische Bijous sind?

Es sind viele neue Gebäude durchaus ansprechend gelungen. Wir versuchen die – berechtigte – Forderung nach guter Architektur von der Stadt her dort, wo wir das können, einzubringen, sodass eine Konkurrenz der Ideen stattfindet. Das ist möglich über ein mehrstufiges Verfahren mit Studienaufträgen oder Architekturwettbewerben. Eine direkte Handhabung haben wir aber nur, wenn wir bei einem Projekt Mitlandeigentümer sind. Sonst bleibt uns nur der Versuch der Überzeugungsarbeit. Denn in der Schweiz ist das Eigentum bekanntlich heilig. Bei der geballten Ladung an Projekten, die in den letzten Jahren auf uns zukamen, haben aber alle Akteure einen Lernprozess durchlaufen; ich möchte die Stadt davon nicht ausnehmen. Sagen wir es so: Es fand in Liestal in den letzten zwölf Jahren ein Learning on the Job statt. Das führte dazu, dass wir immer sicherer agieren, bewusst auf die Qualität achten und für die Öffentlichkeit die wesentlichen Forderungen einbringen.

Sind Sie denn mit den bisher umgesetzten Projekten im grossen Ganzen zufrieden?

Die Richtung stimmt. Es gelingt uns insgesamt gut, die notwendige Qualität sicherzustellen. Aber es ist wie überall: Das eine gelingt besser, das andere schlechter.