Glaubt man der Nicht-Regierungs-Organisation Amnesty International, befinden sich auf unserem Globus rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Einige versuchen, mit dem Schiff nach Europa zu gelangen – und scheitern bereits unterwegs. «Das zentrale Mittelmeer ist die tödlichste Grenze der Welt», schreibt der Verein Sea-Watch auf seiner Website. Vergangenes Jahr soll das «Mare Nostrum» über 4600 Tote und Vermisste gesehen haben. Da ecke die neue Prattler Fasnachts-Plakette doch ziemlich an, meinen die einen. So sagt etwa Mirka (34) aus Lörrach, am Samstag in der Prattler Bahnhofstrasse von der bz auf die Plakette angesprochen: «Sehr unsensibel, wahrscheinlich unterschwellig sogar ein Kommentar.»

Boot geht nicht unter

Es ist das Boot, in dem die fünf fasnächtlichen Figuren sitzen, das gemeinsam mit dem Sujet «Mir göhn nit unter» einige verwirrt. «In keinster Art und Weise war es unsere Absicht, auf die Flüchtlingstragödie anzuspielen», winkt Peter Lüdin ab. Lüdin ist Obmann des Prattler Fasnachtskomitee und hat mit seinen 61 Jahren schon manche Prattler Fasnacht gesehen. «Es geht auch gar nicht darum, dass das Boot untergeht», sagt er, «im Gegenteil, es soll sich eben trotz aller Widrigkeiten oben halten.» Thematisiert werde das Hochwasser von 2016 und die Tradition mit dem «Butz».

Ebenfalls in der Bahnhofstrasse hat die bz den 24-jährigen Alain aus Pratteln getroffen. «Halb so schlimm», meint er, «Fasnacht muss bissig sein; da darf auch mal etwas politisch unkorrekt scheinen.» Der 84-jährige Stefan aus Muttenz kommentiert: «Was solchen Leuten alles in den Sinn kommt!» Kein Problem sei das, winkt er ab. Plakettenkünstler Max «Mex» Odermatt erklärt sein Werk. Er sei im Gebiet Rumpel gross geworden und habe zweimal – zuletzt 2016 – ein Hochwasser aus nächster Nähe miterlebt. Ebenso miterlebt habe er stets die Prattler Fasnachtstradition um den «Butz». Wie dieser Heischezug sich im Rumpel bereit gemacht habe. «Darum ist die Plakette eine Hommage an den Butz mit ein wenig Hochwasser dabei», erklärte «Mex» an der Plaketten-Vernissage, «zudem wollen wir nicht untergehen mit unserer Fasnacht hier in Pratteln.»

Politisch unkorrekt?

Mark (48) und Stephanie (46) sind aus den USA zu Gast in Pratteln. «Persönlich finde ich das Sujet nicht so schlimm, aber wir Amerikaner würden wohl aus Political Correctness die Finger davon lassen.» Seine Partnerin sieht es ähnlich: «Ich würde ein anderes Sujet wählen, weil dieses missverstanden werden könnte.» Peter Lüdin erklärt, das Fasnachtskomitee suche jeweils nach einem für die Gemeinde typischen Sujet, «aber ich kann durchaus die Sicht von Aussenstehenden verstehen». Einwohnerrat Gert Ruder (SP) kann nichts Anstössiges an der neuen Plakette finden. «Einen derart schwarzen Fasnachtshumor habe ich nicht», sagt er, «und ich hoffe nicht, dass jemals dunkle Gestalten die Fasnacht auf eine solche Weise missbrauchen werden.»

«Pietät nicht auf Spitze treiben»

Michael Flückiger, Kommunikationsleiter der Schweizer Flüchtlingshilfe, relativiert. Dem Grafiker zu unterstellen, er würde Flüchtlinge verhöhnen, sei «sehr weit gegriffen». Zu sehen seien auf dem Boot Fasnachtsfiguren und keine Flüchtlinge, was auch als Anspielung auf Sebastian Brants «Narrenschiff», das erfolgreichste Buch der Reformation, interpretiert werden könnte. Wahrscheinlich habe Odermatt gar nicht an Flüchtlinge gedacht, als er die Plakette schuf. «Was nichts daran ändert, dass das Sujet aus Flüchtlingssicht nicht unbedingt ein Glücksgriff ist.» Flückiger empfiehlt, «die Sache mit der Pietät nicht auf die Spitze zu treiben und die Fasnacht zu geniessen».