Ein Ernsteinsatz der Feuerwehren von Gelterkinden-Tecknau und Sissach gibt zu reden. Mitten auf der Unfallstelle kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Baselbieter Feuerwehr-Inspektor Werner Stampfli und dem Gelterkinder Feuerwehrkommandanten Reto Kunz. Gegenüber der bz spricht ein Anwesender von einer «surrealen Situation».

Tatsächlich konnte es auf Aussenstehende einen grotesken Eindruck machen, was sich da am frühen Nachmittag des 16.August nahe des Tecknauer Bahnhofes abspielte. Ein Lieferwagenfahrer hatte aus ungeklärten Gründen die Herrschaft über sein Fahrzeug verloren und war in einen SBB-Leuchtmast geprallt.

Der 20-jährige Lenker wurde in der deformierten Führerkabine eingeklemmt. Wenige Minuten nach der Polizeipatrouille erschien das erste Einsatzfahrzeug der Ortsfeuerwehr Gelterkinden-Tecknau. Unter der Einsatzleitung von Hauptmann Kunz begannen die Feuerwehrleute, das Bergungsgerät bereitzulegen.

Inspektor legt sein Veto ein

Bevor die Gelterkinder jedoch den im Fahrzeugwrack eingeklemmten Unfallfahrer befreien konnten, legte der herbeigeeilte Baselbieter Feuerwehr-Inspektor Werner Stampfli sein Veto ein. Stampfli entschied, dass die ebenfalls aufgebotene Stützpunktfeuerwehr Sissach die Bergung ausführen sollte.

Als die Minuten später eingetroffenen Sissacher dann noch das bereitliegende Bergungsgerät der Gelterkinder verschmähten und darauf bestanden, den Eingeklemmten mit dem eigenen Gerät zu befreien, platzte dem Kommandanten der Kragen. Lautstark warf Kunz Stampfli vor, dass hier wertvolle Minuten wegen Prinzipienreiterei verloren gehen. Schliesslich seien seine Leute ebenso gut am Bergungsgerät ausgebildet wie die Stützpunktfeuerwehr. Auch bestehe beim Material kaum ein Unterschied.

Herumstehende Zuschauer verstanden ob dieser Vorgänge die Welt nicht mehr. Was die geltenden Reglemente angeht, so weiss der Baselbieter Feuerwehr-Inspektor das Recht auf seiner Seite. Gemäss kantonalem Einsatzkonzept ist in solchen Situationen die Personenrettung einzig Sache der Stützpunktfeuerwehren, während die Ortsfeuerwehren unterstützend zu wirken haben. «Bei solchen Einsätzen kommt es in erster Linie auf die Erfahrung an», sagt Stampfli. «Bei nur 20 bis 30 Unfällen dieser Art im Baselbiet pro Jahr ist es entscheidend, dass eingespielte Teams am Werke sind.»

Und da sei die Stützpunktfeuerwehr Sissach, die auch noch den A2-Abschnitt betreut, gegenüber Gelterkinden im Vorteil. «Die haben mehr solcher Fälle. Zudem», so betont Stampfli, «musste wegen meiner Intervention der Patient keine Minute länger als nötig warten.» Denn das grüne Licht zum Herausschneiden könne sowieso nur der Notarzt geben, und dieser traf sogar erst nach der Sissacher Stützpunktfeuerwehr am Unfallort ein.

Grauzone in Reglementen

All das weiss auch Hauptmann Kunz. Allerdings weist er auf Grauzonen in den Reglementen hin. Seine Leute hätten die Bergungsarbeiten beschleunigen können, indem sie eine Betreuungsöffnung und Zugänge zum Verunfallten schaffen. «Das kann eine Ortsfeuerwehr, und dafür bilden wird die Leute extra aus.» Für ihn und die Gelterkinder Freiwilligen sei im Vordergrund gestanden, so schnell wie möglich dem Patienten zu helfen.

Für Stampflis Intervention hingegen hätten seine Leute nur Kopfschütteln übrig gehabt. «Manchmal muss ich den Bösen spielen», räumt der Inspektor ein, «doch brauchte es in dieser Situation einen schnellen Entscheid und klare Worte.» Zwar lobt Stampfli explizit den guten Ausbildungsstand der Ortsfeuerwehr Gelterkinden-Tecknau, doch sei dies für ihn kein Grund, sich über die geltende Einsatzdoktrin des Kantons hinwegzusetzen.

Stampfli und Kunz sagen übereinstimmend, dass mit dem am Unfallort ausgetragenen Disput die Sache für beide erledigt ist. Der Rest des Einsatzes lief reibungslos in Teamarbeit ab. Letztlich benötigten die Retter doch noch zwei hydraulische Geräte der Gelterkinder, was für Letztere eine besondere Befriedigung darstellte. Der Unfallfahrer wurde mit dem Rettungshelikopter ins Spital geflogen. Allerdings wirft dieser Vorfall ein erhellendes Licht auf die immer wieder aufflammende Rivalität zwischen Orts- und Stützpunktfeuerwehren im Baselbiet.