Hat die Chemiefabrik Rohner in Pratteln nach der Explosion Mitte Februar 2016 die Einsatzkosten bezahlt? Dies wollte Landrat Jürg Wiedemann (Grüne-Unabhängige) von der Regierung wissen. Schliesslich standen 140 Personen von mehreren Blaulichtorganisationen auf dem Platz und man musste die Luftbelastung messen. Ausserdem verletzte sich ein Feuerwehrmann, er musste ins Spital.

Die Explosion mit anschliessendem Brand sei in einer Abteilung erfolgt, wo Rohner Abfallstoffe behandelt. Und da kurz darauf in mehreren Medienberichten zu lesen war, dass die Rohner AG ihre Abfälle nicht mehr loswurde, weil ihr dafür das nötige Geld fehlte, fragte Wiedemann auch danach, ob Rohner diese Abfälle in einer Menge auf dem Areal lagere, die für die Bevölkerung in den umliegenden Wohnquartieren gefährlich ist: «Was unternimmt der Regierungsrat, um dafür zu sorgen, dass die Firma Rohner AG Produktionsabfälle zeitnah und fachgerecht entsorgt?»

Schon vor Explosion zu viel Abfall

In der Tat müssen bei Rohner zum Jahreswechsel 2015/2016 prekäre bis haarsträubende Verhältnisse geherrscht haben. Zu diesem Schluss kommt man, wenn man aus dem Amtsdeutsch der gestern publizierten Regierungsantwort den diplomatischen Weichspüler in Klartext übersetzt: Im Januar 2016 fand das Sicherheitsinspektorat bei einer Inspektion «erhöhte Lagermengen von Produktionsabfällen auf dem Firmengelände». Rohner habe dann einen «Entsorgungsplan zur Reduktion der gelagerten flüssigen Abfälle» vorgelegt und die «Entsorgungswege aktiviert». Dies klingt nach einem behördlichen Machtwort.
Der amtlich verordnete gute Wille der Rohner AG verpuffte dann aber mit Knall, Rauch und Gestank am 16. Februar, als die Trümmer bis auf die Rangiergleise der SBB flogen. Gemäss Regierungsantwort kam es nach dem «Vorfall (...) zu starken Verzögerungen bei der Entsorgung der vereinbarten Mengen». Also musste Rohner im Mai einen weiteren Plan vorlegen mit dem Ziel, bis im September den Chemiemüll «auf eine definierte maximale Zwischenlagermenge zu reduzieren».

Dies sei dann aber nur bei den «Abfällen mit höherem Gefahrenpotenzial» erreicht worden. Bei den «wässrigen Abfällen» hingegen sei das Ziel verfehlt worden. Offensichtlicher Hintergrund: Rohner hatte Schulden bei der ARA Rhein und diese behandelte deswegen Rohner-Abwässer zeitweilig nur gegen Vorkasse.

Hohe Kontrolldichte nötig

Um die Gefahren wenigstens teilweise zu reduzieren, musste man Rohner an die kurze Leine nehmen: «Zurzeit erfolgt eine wöchentliche Meldung der Abfallsituation durch die Firma Rohner AG», schreibt die Regierung. Und die Abfalllager würden «bei den periodischen Betriebsbesuchen» inspiziert. Auf Anfrage der bz erklärt Gregor Pfister, Leiter des Sicherheitsinspektorats, dass ausser Rohner keine Baselbieter Firma wöchentlich rapportieren muss. Zudem erfolgen die Inspektionen in deutlich kürzeren Abständen als bei anderen Unternehmen: Normalerweise schaut das Sicherheitsinspektorat alle drei Jahre bei den Betrieben vorbei, wenn es nicht um Baubewilligungen oder Ähnliches geht. Bei Rohner hingegen kontrolliere man einmal pro Quartal. Im Klartext: Die Kontrollen erfolgen zwölf Mal häufiger.

Auch die Suva habe aufgrund des Betriebszustands Auflagen verfügt, schreibt der Baselbieter Regierungsrat. Dazu will sich diese aber nicht äussern. Das Kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) teilt auf Anfrage mit, es habe «anlässlich verschiedener Inspektionsbesuche in der Vergangenheit Mängel festgestellt, deren Behebung dem Betrieb auferlegt wurde». Dies sei mehrheitlich erledigt, respektive die Frist zur Erledigung sei noch nicht abgelaufen. Dazu, ob die Mängel das branchenübliche Mass überschreiten, will sich das Kiga nicht äussern.

Rohner hat den Einsatz bezahlt

Wiedemann spricht in seiner Anfrage von 750 000 Franken für den Einsatz der Rettungskräfte und die anschliessende Entsorgung. Die Regierung hingegen beziffert die Einsatzkosten mit rund 143 000 Franken. Diese habe Rohner im Dezember bezahlt. Einzig die Rechnung der Feuerwehr Pratteln von rund 11 360 Franken sei noch offen. Zwischen dem von Wiedemann genannten Betrag und den von der Regierung bezifferten Kosten besteht also eine Differenz von rund 600 000 Franken. Wiedemann kann sich dies nur damit erklären, dass seine Quelle und die Regierung nicht vom Gleichen sprechen würden.