Was in vielen Fächern an der Universität Basel bereits vor Jahren abgeschafft wurde, ist nun auch beim Geschichtsstudium der Fall: Ende Juli wurden Studierende darüber informiert, dass ab diesem Herbstsemester Lateinkenntnisse nicht mehr obligatorisch seien, um mit einem Masterstudiengang anzufangen. Latinum sei «erwünscht und von Vorteil», aber keine «formale Voraussetzung» mehr, hiess es im entsprechenden Mail.

Das Departement Geschichte bestätigt entsprechende Informationen des «Sonntags». Geschäftsführerin Olivia Hochstrasser verweist auf verschiedene Revisionen von Studienordnungen und einen längeren Prozess auf Ebene Fakultät und Rektorat, der zu diesem Entscheid geführt habe.

An die grosse Glocke will die Universität Basel die Änderung aber offensichtlich nicht hängen. Die Studienberatung war über den Entscheid nicht informiert. Und auf der Homepage der Uni ist noch immer aufgeführt, warum Latein unverzichtbar sei: «Die Kompetenz, mit dem Fach Geschichte professionell umzugehen, ist nicht zu haben, ohne jene Sprache zu verstehen, die bis ins 18. Jahrhundert hinein jene Rolle übernommen hat, die heute das Englisch einnimmt: das Latein. Solange weniger als 1 Prozent (...) der Texte übersetzt vorliegen, ist das Verstehen lateinischer Texte für HistorikerInnen unverzichtbar.» Tempi passati. Auch beim grössten Departement der Philosophisch-Historischen Fakultät. Im vergangenen Jahr waren 568 Studenten im Bachelorstudiengang Geschichte eingeschrieben, 104 entschieden sich für einen Master.

An Bedeutung eingebüsst

Uni-Rektor Antonio Loprieno befürwortet den jüngsten Entscheid. Latein habe in der Vergangenheit stetig an Bedeutung eingebüsst. Gegenwärtig, auch im Zusammenhang mit der Einführung des Bologna-Systems, gehe es nicht mehr primär darum, was ein angehender Student zu Beginn des Studiums im Rucksack habe, sondern welche Inhalte ihm vermittelt würden. «Jedes Fach fragte sich, ob Latein wirklich noch nötig ist», sagt Loprieno. Und die Antwort lautete in den meisten Fällen: eher nicht. Hinzu komme eine generelle Abkühlung des Interesses von Schülern am Lateinunterricht auf Ebene Gymnasium. Nur noch fünf Prozent wählen Latein (siehe Artikel unten). Angesichts dieser Entwicklung hätten sich die Verantwortlichen zu Recht gefragt, ob ein Sprachobligatorium für die Zulassung zum Studium noch gerechtfertigt sei, sagt Loprieno. Im Falle von Geschichte sei die Kenntnis von Latein nicht absolut nötig, um das Fach zu studieren. Ausserdem könnten solche Kenntnisse heute ohnehin nicht mehr bei einer Mehrheit der Studierenden vorausgesetzt werden. Zum gleichen Schluss kamen die Verantwortlichen in Bezug auf Kunstgeschichte. Auch dort wird Latein als Voraussetzung für das Studium auf dieses Herbstsemester abgeschafft.

Anja Keller , Co-Präsidentin der studentischen Körperschaft Skuba, sagt, die Skuba könne den Schritt der Universität, Sprachvoraussetzungen in allen Masterstudiengängen und -Fächern der Geschichte fallen zu lassen, grundsätzlich nachvollziehen. Allerdings bilde die Beherrschung des Lateins für Historiker eine Notwendigkeit für seine Arbeit. Deshalb appelliere man an die Geschichtsstudierenden, die Kenntnisse freiwillig zu erwerben.

Ähnliche Verhältnisse an anderen Unis

Lateinkenntnisse auf Maturitätsniveau sind damit an der Universität Basel nur noch für vereinzelte Studienrichtungen Voraussetzung. Beispielsweise für Alte Geschichte, Musikwissenschaft, Griechische Philologie oder Klassische Archäologie. An anderen Universitäten in der Deutschschweiz sind die Verhältnisse ähnlich: Latein verliert an Bedeutung. Damit wurden andere Unis für Basel zunehmend zur Konkurrenz. Wer beispielsweise in Bern Geschichte studieren will, kann dies auch ohne Lateinkenntnisse tun, es sei denn, er legt den Schwerpunkt auf Alte oder Mittelalterliche Geschichte. An der Universität Luzern ist Latein nur noch für Studiengänge an der theologischen Fakultät Voraussetzung.

Einzig die Universität Zürich, die grösste Uni der Schweiz, setzt noch auf Latein. Die Philosophische Fakultät verlangt insbesondere für Sprach-, Literatur- und Geschichtsfächer, für Disziplinen im Kontext der Antike, für Philosophie, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft Lateinkenntnisse. Eine Änderung dieser Praxis sei derzeit nicht vorgesehen, teilt die Universität mit. Das könnte sich für Basel auszahlen. Zumindest in Bezug auf die Studierendenzahlen.