Wirtschaftskapitän
Aktualisiert am 29.01.12, um 09:15 von Michael Heim und Iso Ambühl
 

Wie es Lonza-Präsident Soiron an die Schalthelbel der Machte schaffte

Historiker Rolf Soiron in seinem Bücherzimmer
Historiker Rolf Soiron in seinem Bücherzimmer
Lonza-Präsident Rolf Soiron hat es ohne viel Lärm an wichtige Positionen geschafft. Er gilt heute vielen als graue Eminenz in der Schweizer Wirtschaft. Dass er sich auch durchzusetzen vermag, zeigte er diese Woche. Er warf CEO Stefan Borgas raus. von Michael Heim und Iso Ambühl
 

Es war im Herbst 2009: Der Basler Pharmazulieferer Lonza musste seine Gewinnprognosen korrigieren, was den Aktienkurs ins Bodenlose fallen liess. In dieser Situation bekam Konzernchef Stefan Borgas Angst: «Bin ich noch der Richtige?», fragte er laut der Zeitschrift «Management» den Präsidenten der Lonza. Dieser hiess Rolf Soiron.

Damals plädierte der Basler Verwaltungsrat noch für seinen Lonza-Chef. Mehr als zwei Jahre später lässt der studierte Historiker nun das Fallbeil sausen: Borgas wird am Mittwoch überraschend entlassen. Der Betriebsgewinn für 2011 war gegenüber dem Vorjahr eingebrochen. Dem Entscheid seien im Verwaltungsrat lange Konsultationen vorangegangen, sagt Soiron (66) zum «Sonntag». «Wenn die Zeit des Entscheids gekommen ist, gilt es ihn zu vollziehen. Sonst ist man als Verwaltungsrat in einem solchen Gremium am falschen Ort.»

Für Studienfreund und Geschichtsprofessor Georg Kreis ist klar, dass Soiron den Entscheid reiflich überlegt hat. Dies sei eine Qualität, die Soiron im Gegensatz zu anderen Wirtschaftskapitänen habe. Er spüre die Spannung zwischen wirtschaftlicher Notwendigkeit und ethischen Idealen, sagt er. Opportunismus liege Soiron fern.

Es ist irgendwie unerklärbar, aber es ist so: Rolf Soiron hat mit seiner leisen, überlegten Art das Image des guten Wirtschaftsführers in der Schweiz gepachtet. Auch im Fall Lonza wird seine Entscheidung, Borgas fallen zu lassen, weitherum akzeptiert.

Soiron tut es dem römischen Konsul und Diktator Lucius Cincinnatus gleich, auf den er nach seinem Abschied als Präsident des Basler Universitätsrats Ende 2005 hingewiesen hatte. Wie Cincinnatus kehrt er «zurück an den Pflug» und übernimmt von Borgas interimistisch die Geschäftsführung. Der Römer hatte auf Bitten des Senats die Rolle des Alleinherrschers übernommen, um Rom vor feindlichen Stämmen zu retten. Danach gab er die Macht wieder ab, um seine Felder zu bestellen.

Erfolg hatte Soiron, der in Riehen mit Schwester Charlotte aufgewachsen ist, schon in seiner Jugend. «Er war in unserer Klasse von der 1. bis zur 8. Klasse der Primus», erinnert sich Ex-Banker Roland Rasi, der mit Soiron die Schulbank am Humanistischen Gymnasium gedrückt hatte. Er sei in allen Fächern so gut gewesen, dass er nach der Matur nicht wusste, was er machen sollte, erzählt Rasi dem «Sonntag». Schliesslich wählt Soiron das Geschichtsstudium, wo er später laut Kreis ohne weiteres eine akademische Karriere hätte ins Auge fassen können. Soiron schreibt eine Dissertation über die Schweizer Aussenpolitik.

Soirons Familie stammt aus Belgien. Nach Basel kam sie, weil der Vater eine Stelle bei der Chemiefirma Geigy annahm. Und diesen Weg wählt auch der Sohn: Nach dem Studium wechselt er in die Personalabteilung der Sandoz, die von seinem Doktorvater Marc Sieber geleitet wird. Später wechselt Soiron in die Finanzen. Der damalige Finanzchef und spätere Konzernchef Marc Moret fördert ihn und schickt den Historiker 1980 zur Managementausbildung nach Harvard.

Gleichzeitig beginnt Soiron eine kurze Politkarriere für die Christdemokraten. Er ist Gemeinderat in Riehen und während vier Jahren Mitglied des Basler Grossen Rats.

Nach einem rund vierjährigen Abstecher in die Medizinaltechnologie in den Achtzigerjahren übernimmt Soiron die Agro-Sparte der Sandoz. Gleichzeitig aber stösst er immer öfters oben an, reibt sich mit Moret. An die genauen Gründe dafür mag sich Soiron heute nicht mehr erinnern. Schliesslich setzt ihn Moret vor die Tür und machte einem den Weg frei, der die Firma prägen sollte wie kaum ein anderer: Soirons Assistent Daniel Vasella.

Und plötzlich ist alles anders. Nach einer mehr als zwanzigjährigen, mehr oder weniger gradlinigen Karriere, steht der Historiker vor dem Nichts. Das bekommt auch der Milliardär Karl Kahane mit. Noch am Tag des Abgangs habe ihm dieser ein Angebot bei seiner Chemiefirma Jungbunzlauer gemacht, erzählt Soiron. Die Zitronensäure-Herstellerin hat ihren Sitz an der St. Alban-Vorstadt.

Daneben übernimmt Soiron zwei Engagements, die ihn wirtschaftlich und gesellschaftlich voranbringen werden: In Basel wird er Präsident des honorigen Universitätsrats. Und in Zürich stösst er zur neu gegründeten Bank am Bellevue, die – wie Martin Ebners BZ Bank – einen neuen Stil des Bankings in die Schweiz einführt. Die Gründer Martin Bisang und Ernst Müller-Möhl holen ihn zur Bank, weil sie noch einen Pharmaexperten in ihren Reihen brauchen.

Die Bellevue-Leute sind keine noblen Bankiers, es sind aktive Händler, die den schnellen Gewinn suchen. Die grosse Aktienpakete handeln und Wissensvorsprünge nutzen. Sie sind die Shootingstars am Bankenplatz Zürich. Soiron wird indes nicht zum Banker. Er ist Aktionär, Verwaltungsrat und Berater. Und er profitiert von den Beziehungen der Banker – und bringt eigene ein.

Zusammen mit den Bellevue-Bankern sowie den Industriellen Ernst Thomke und Giorgio Behr beteiligt sich Soiron 1998 auch an der Übernahme der Goldschmelzerin Metalor. Die Männer verdienen gutes Geld. Spätestens von da an ist Soiron gut gebettet.

Nach der Jahrtausendwende richtet sich Soiron einmal mehr neu aus. Wechselt von der operativen zunehmend auf die Verwaltungsrats-Ebene. Er sucht sich seine Mandate genau aus. Soiron ist keiner, der Verwaltungsratssitze sammelt wie Robert Jeker oder Hans Hess. Dafür ist er gerne der Chef. Sprich: Präsident.

2003 verlässt er Jungbunzlauer, zwei Jahre später gibt er auch das Unirats-Präsidium ab. Dafür übernimmt er Präsidien dreier Firmen, mit denen er noch lange identifiziert werden sollte. Über Thomke und die Bellevue-Connection kommt er 2003 zur Medizinaltechnik-Firma Nobel Biocare. Im gleichen Jahr steigt er beim Betonkonzern Holcim ein, wo sich die Schmidheiny-Familie aus der Öffentlichkeit zurückzieht.

Zwei Jahre später übernimmt er das Präsidium der Lonza. Man sagt, Grossaktionär und BZ-Banker Ebner habe ihn zum Chemie-Unternehmen geholt. Keine Verantwortung trägt Soiron für die Anstellung des nun geschassten Stefan Borgas. Dieser trat sein Amt bei der Lonza ein knappes Jahr vor Soiron an.

(Der Sonntag)