In einigen Diskussionen über die Atomausstiegsinitiative musste ich feststellen, dass viele Menschen grosse Angst vor Radioaktivität und Kernkraftwerken haben. Das mag nicht unbegründet sein, denn radioaktive Stoffe können wie viele andere Stoffe gefährlich für uns Menschen sein. Doch wie schon der Schweizer Paracelsus sagte: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

Radioaktivität ist unser ständiger Begleiter. Jeder Mensch mit ca. 80 kg Körpergewicht trägt in sich eine Aktivität von rund 10‘000 Bq (1 Bq = 1 radioaktiver Zerfall pro Sekunde). Trotzdem sind wir wohl eher „fernsehgeil“ als „radioaktiv“. Wir sind immer Strahlung ausgesetzt. Sei es kosmische Strahlung aus dem All, Strahlung aus der Erdkruste oder aus unserer aufgenommenen Nahrung. Die aus der Strahlung resultierende Dosis kann man in einer Masseinheit für die biologische Wirksamkeit ausdrücken. Man verwendet dazu heute meistens die Einheit Millisievert [mSv]. Ein paar Vergleiche sollen Aufzeigen mit was für Strahlendosen wir tagtäglich oder durch spezielle Ereignisse konfrontiert werden. Eine Strahlendosis von 4.3 mSv im Jahr nehmen wir in der Schweiz im Mittel durch natürliche Strahlung auf. Rund 1.4 mSv im Jahr kommen von den medizinischen Anwendungen und 0.1 mSv von übrigen technischen Quellen dazu. In der Umgebung von Kernkraftwerken sind die Anwohner einer zusätzlichen Dosis von 0.001-0.005 mSv pro Jahr ausgesetzt.

Bei medizinischen Untersuchungen mit Anwendung der Computertomographie (CT) ist je nach Person und Art der Untersuchung mit einer Dosis von 2 bis 10 mSv zu rechnen. Viele von uns rauchen und haben sich wahrscheinlich noch nie darüber Gedanken gemacht, dass sie zusätzlich zu Nikotin und Teer auch eine Menge an radioaktiven Stoffen inhalieren. Die dabei aufgenommenen radioaktiven Stoffe Blei (Pb-210) und Polonium (Po-210) stammen aus den Tabakpflanzen welche diese Stoffe aus dem Boden und der Luft anreichern. Bei einem Konsum von 20 Zigaretten am Tag rechnet man im Mittel mit einer Strahlendosis von rund 9 mSv pro Jahr.

Auch beim Fliegen sind wir der Strahlung ausgesetzt. Durch die hohe kosmische Strahlung ist das fliegende Personal einer zusätzlichen Dosis von bis zu 5 mSv pro Jahr ausgesetzt. Das Personal in Kernkraftwerken nahm 2015 eine durchschnittliche Dosis von 0.6 mSv auf. Die höchste Dosis einer einzelnen Person lag bei 11 mSv (Quelle: www.ensi.ch). Als Vergleich zu diesen Zahlenwerten: Es gibt Orte auf der Welt bei denen die natürliche Strahlenbelastung weit mehr als 100 mSv pro Jahr beträgt (z.B. Teile der Stadt Ramsar, Iran). Auch in solchen Gebieten kann man keine schädliche Wirkung der Strahlung auf den Menschen feststellen.


Strahlenbelastung in Fukushima

Es werden sich viele Menschen an das Jahr 2011 erinnern, als durch die Unfälle im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi eine grössere Menge Radioaktivität freigesetzt wurde. Das Tohoku Erdbeben, welches den Tsunami verursacht hat, forderte über 18‘000 Menschenleben. Das Kernkraftwerk hat dieses Erdbeben der Stärke 9 überstanden. Doch der Tsunami vermochte sicherheitstechnisch wichtige Anlageteile zu zerstören. Durch die Folgen der freigesetzten Radioaktivität ist bis heute kein Todesfall bekannt. 12 der 23‘000 Arbeiter haben hohe Dosen erhalten und bei keinem sind strahlenbedingte Gesundheitsschäden aufgetreten. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) betrug die durchschnittliche Personendosis in der Präfektur Fukushima 1 bis 10 mSv im ersten Jahr nach dem Unglück. In Orten mit der höchsten Strahlenbelastung wurde die Dosis auf Werte von 10 bis 50 mSv geschätzt.


Die Sicherheit der Schweizer Kernkraftwerke

Ein Szenario wie in Fukushima ist in der Schweiz sehr unwahrscheinlich. Die Systeme und Massnahmen die in Fukushima zur Beherrschung des Unfalls fehlten, sind in Schweizer Kernkraftwerken seit Beginn vorhanden oder bereits in den 90er Jahren nachgerüstet worden. Alle Schweizer Kernkraftwerke verfügen über mehrfache voneinander unabhängige Not- und Nachkühlsysteme. Die Anlagen weisen alle über zusätzliche gebunkerte gegen Überschwemmungen, Erdbeben und Flugzeugabstürze geschützte Notstandssysteme auf. Zudem existieren in allen Schweizer Kernkraftwerken gefilterte Druckentlastungssysteme, die eine Freisetzung von radioaktiven Stoffen weitgehend minimieren und Wasserstoffrekombinatoren die Explosionen wie sie in Fukushima aufgetreten sind verhindern. Vielleicht gerade durch den Unfall im eigenen Land 1969 im schweizerischen Versuchsreaktor von Lucens (VD), hat die Schweiz als gebranntes Kind alles unternommen, damit ein sicherer Betrieb der Kernanlagen in unserem Land gewährleistet ist.


Der radioaktive Abfall

Unsere Kernkraftwerke erzeugen radioaktiven Abfall. Die Menge der radioaktiven Abfälle der Schweiz entspricht bei einer Laufzeit der Kernkraftwerke von 50 Jahren einem Volumen der Haupthalle des Bahnhofs Zürich. Auch die Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung sind in dieser Menge enthalten und entsprechen etwa einem Drittel aller radioaktiven Abfälle.

Die radioaktiven Abfälle haben den Vorteil, dass sie radioaktiv sind. Dies klingt zwar sehr paradox, aber im Vergleich zu stark chemisch giftigen Abfällen, wie z.B. Arsen oder Quecksilber klingt die Radioaktivität mit der Zeit ab. Da aber auch die radioaktiven Abfälle chemische Stoffe enthalten, sind die Anforderungen an eine mögliche Endlagerung trotzdem nicht geringer. Über die Entsorgung von chemischen Stoffen hört man zwar nicht so viel in den Medien wie über radioaktive Abfälle, aber auch dort ist häufig ein sicherer Einschluss notwendig.

Die Schutzziele für die sich in Planung befindenden Endlager sind so hoch gewählt, dass eine Dosis für die Bevölkerung von < 0.1 mSv pro Jahr erreicht wird. Dies entspricht einem Bruchteil der natürlichen Strahlung oder einer Flugreise von Zürich nach New York und zurück.

Durch eine noch bessere Konditionierung des heutigen Abfalls von Kernkraftwerken z.B. durch Wiederaufbereitung von Brennelementen könnte das aktuelle Abfallvolumen der hochaktiven Abfälle wesentlich vermindert werden. Die Weiterverwendung der heutigen hochradioaktiven Abfälle in den sich noch im Entwicklungsstadium befindenden Flüssigsalzreaktoren wäre eine weitere Möglichkeit. Dadurch würden die Abfallmengen massiv reduziert und es könnte nochmals ein Vielfaches der bereits gewonnen Energie daraus erzeugt werden.

Egal wie sich das Schweizer Volk, hoffentlich mit einer hohen Stimmbeteiligung am 27. November entscheiden wird, ein Leben mit Radioaktivität ist so oder so garantiert.