Das Kreischen war ohrenbetäubend und lang anhaltend, als das Saallicht endlich ausging und die Scheinwerfer sich auf die kleine Bühne ganz vorne im Hallenstadion richteten. Dort rannte unter tosendem Jubel ein junger Mann auf die Plattform, hängte sich die Gitarre um, klopfte einen schnellen Rhythmus und spielte los, «Castle on the Hill», eine Hitsingle, folkig, mitreissend, eingängig.

Ed Sheeran hatte sein Publikum vom ersten Ton an in seinen Bann gezogen, mehr noch, er hatte es eigentlich bereits getan, bevor er überhaupt auf die Bühne kam. Das Konzert am Sonntagabend im Hallenstadion war in sechs Minuten ausverkauft gewesen, 14 000 Fans füllten diese grosse Konzerthalle und etliche Hunderte weitere warteten vor dem Eingang darauf, ob sie nicht vielleicht doch noch auf irgendeine Art Zugang zu dieser Show erhalten würden.

Ed Sheeran - Castle On The Hill

Der 26-jährige britische Sänger und Liedermacher ist ein Phänomen. Dass ein unscheinbarer Musiker mit unspektakulären, eingängigen Popsongs ohne grossen Popanz, ohne Tanzeinlagen oder durchgestylte Bühnenshow zum Superstar avancieren kann, ist in der heutigen Popszene doch die Ausnahme.

Mit kindlicher Freude

Erst im März kam Sheerans drittes Album «Divide» heraus, nach einer einjährigen Auftrittspause. Und es sorgte gleich für Furor: Noch nie soll ein Album auf der Streaming-Plattform Spotify in so kurzer Zeit so häufig angeklickt worden sein. In über zwanzig Ländern landete das Werk an der Spitze der Charts. Die neuen Songs «Castle on the Hill» und «Shape of You» werden in den Radios seit dem Erscheinen in höchster Frequenz gespielt.
Die scheinbare Mühelosigkeit, mit der Sheeran diese Erfolge erreicht, ist bemerkenswert. Und sie war es auch bei seinem Auftritt in Zürich. Sheeran bespielte das Hallenstadion mit einer Lockerheit, wie wenn es sich um ein kleines Pubkonzert handeln würde.

Die Songs interpretierte er selber auf einer akustischen Gitarre. Mit einem Loop-Gerät spielte er jeweils ein rhythmisches und akkordisches Grundgerüst sowie den Background-Gesang ein, liess diese als Aufnahme weiterlaufen, und spielte dann darüber die eigentliche Song-Melodie. Mit einem kindlicher Freude bearbeitete er seine Effektgeräte, hibbelte auf der kleinen Bühne rum, wenn die Songs in einer von ihm kreierten tosenden Soundkulisse endeten, und war wiederum ganz still und besonnen, wenn er eine seiner Balladen sang.

Einzig die riesigen Bildschirme über der Bühne und die darauf laufenden, etwas überfrachteten und eigentlich unnötigen Animationen sowie die diversen Kuscheltiere und Rosen, die immer wieder auf die Bühne geworfen wurden, erinnerten daran, dass hier ein Stadionkonzert gespielt wurde.

Eine Band braucht die One-Man-Show von Ed Sheeran nicht. Nur für einige wenige Songs kam ein Keyboard-Spieler dazu. Den Rest bestritt Sheeran solo und immer guter Dinge, nie um eine kleine Erzählung verlegen und mit einer Freude, die erfrischend authentisch und ungekünstelt wirkte.

Ein Jahr habe er eine musikalische Pause eingelegt, erzählte er. «Am meisten habe ich genau dies vermisst. Auf der Bühne zu stehen, vor so einem grossartigen Publikum.» Die Phrasen kennt man auch von anderen Superstars, bei Sheeran wirkten sie immer noch ehrlich: Unglaublich sei es, dass bei einem Song, den vor zwei Wochen noch niemand gekannt habe, heute schon alle den Text mitsingen können. Sagte es, wischte sich die schweissnassen roten Haarsträhnen aus dem Gesicht, und stimmte mit spitzbübischem Grinsen und strahlenden Augen den nächsten Song an, den wiederum alle Fans lautstark mitsangen.

Schluss ohne Zugabe

Nach gut neunzig Minuten war das Konzert im Hallenstadion zu Ende. Mit dem Song «What do I Know» und einem herzlichen Dankeschön verabschiedete er sich von den Fans. Keine Zugabe, nichts. Auch hier ist Ed Sheeran anders. Solches Stargehabe hat er nicht nötig.