Vor zwei Jahren blickten die Solothurner Filmtage tief hinein in die urige, traditionelle Schweiz. Auf der Leinwand jodelten kernige Männer, Kühe weideten auf satten Wiesen, Bräuche wurden zelebriert. Eine Eidgenossenschaft unter der Käseglocke.

Migration im Film

Nominiert: Prix de Soleure

Akte Grüninger - Die Geschichte eines Grenzgängers (Regie: Alain Gsponer)

Mo, 27. 1., 21 Uhr, Landhaus

Viktoria - A Tale of Grace and Greed (Regie: Men Lareida)

Fr, 24. 1., 14 Uhr, Konzertsaal

Di, 28. 1., 14.30 Uhr, Landhaus

L'escale (Regie: Kaveh Bakhtiari)

Sa, 25. 1., 14.15 Uhr, Landhaus

Di, 28. 1., 17.45 Uhr, Reithalle

Mon père, la révolution et moi (Regie: Ufuk Emiroglu)

Sa, 25. 1., 17.30 Uhr, Konzertsaal

Mi, 29. 1., 09.30 Uhr, Landhaus

Nominiert: Prix du Public

Neuland (Regie: Anna Thommen)

So, 26. 1., 12 Uhr, Reithalle

Mi, 29. 1., 20.30 Uhr, Landhaus

Programm Panorama Schweiz

La barque n'est pas pleine (Regie: Daniel Wyss)

So, 26. 1., 17 Uhr, Landhaus

Do, 30. 1., 14.30 Uhr, Palace

Life in Paradise - Illegale in der Nachbarschaft (Regie: Roman Vital)

Sa, 25. 1., 9.30 Uhr, Capitol

Do, 30. 1. 9.30 Uhr, Palace

vorgängig gezeigt wird:

Claramatte - Frühjahr 2013 (Kurzfilm, Regie: Jonas Schaffter)

Traumland (Regie: Petra Volpe)

Fr, 24. 1., 17.30 Uhr, Konzertsaal

Di, 28. 1., 21 Uhr, Canva

Grüningers Fall (Regie: Richard Dindo)

So, 26. 1., 14 Uhr, Uferbau

Hilfe aus dem Osten (Regie: Béla Bat-thyany) Sa, 25. 1., 14.30 Uhr, Palace

Der Dönerkönig (Regie: Yusuf Yesilöz)

Sa, 25. 1., 14.30 Uhr, Palace

La clé de la chambre à lessive (Regie: Fred Florey und Floriane Devigne)

Fr, 24. 1., 12 Uhr, Canva Blue

Fr, 24. 1., 12.15 Uhr, Canva Club

Mo, 27. 1., 12 Uhr, Canva Blue

Mit der beschaulichen Innenansicht ist es an den kommenden Solothurner Filmtagen endgültig vorbei. Denn das dominante Thema der 49. Edition, das der Migration, ist hierzulande wie weltweit eines der grossen unserer Zeit. «Jede und jeder hat eine Ansicht dazu», gibt sich die Filmtage-Direktorin Seraina Rohrer überzeugt, «doch ist das Thema ein so hochkomplexes, dass die Leute in einem ständigen Meinungsbildungsprozess stehen.» Dieser ist hochaktuell, da im Februar bekanntlich über die SVP-Zuwanderungsinitiative abgestimmt wird. Ist die Kumulation vielleicht also gar kein Zufall? «Doch, denn Filmemachen unterliegt einem langen Prozess. Vielmehr zeigt die Konzentration aber auf, dass das Thema die Gesellschaft und somit auch die Filmschaffenden stark beschäftigt.»

Das Interesse ist fürwahr ausgeprägt: Mehr als ein Dutzend Filme setzen sich im Kern, oder zumindest näher, mit dem Phänomen Migration auseinander. Die Werke beleuchten es differenziert, besitzen aber eine Gemeinsamkeit: Migration ist über acht Festivaltage hinweg eine Einbahnstrasse in Richtung Schweiz, oder zumindest in Richtung Europa.

Öfters enden die Fahrten darauf in der Sackgasse. In Men Lareidas Drama «Viktoria – A Tale of Grace and Greed» und Petra Volpes Episodenfilm «Traumland» kommen junge Frauen aus dem Osten nach Zürich, um den schmalen Grat des Sihlquai-Strichs zu beschreiten. Die Hoffnung auf ein besseres Leben – die Triebfeder der Migration schlechthin – bröckelt jedoch mit jeder neuen Demütigung. Die Frauen eignen sich Härte an, um wenn nicht den Körper, dann wenigstens noch das verbliebene Stück Würde zu schützen.

Dass dieser Kraftakt irgendwann den robustesten Menschen auszehrt, zeigt der beklemmende Dokumentarfilm «L’escale» von Kaveh Bakhtiari. Darin besucht der Schweizer Regisseur seinen iranischen Cousin, der zusammen mit weiteren illegalen Migranten in Athen weilt. Von dort aus soll es nach Italien, Norwegen, Deutschland gehen. Auf gefälschte Papiere und dubiose Schlepper angewiesen, haben die Männer ihre Tage vornehmlich in einer klandestinen Souterrain-Wohnung zu verbringen. Manche siechen Jahre in diesem Vakuum vor sich hin. «Mein Film soll Zugang zu diesen Menschen verschaffen, die unsichtbar für die Gesellschaft sind», sagt Bakhtiari, der ein Jahr lang mit den Migranten zusammenlebte. Der einer und doch keiner von ihnen war.

Andere wiederum sind gefangen unter der Käseglocke. Der Dokfilm «Life in Paradise – Illegale in der Nachbarschaft» führt uns vor Augen, wie den Unerwünschten im Graubündner Bergdorf Valzeina das Paradies vor Augen geführt wird – bis sie geistig erblinden. Roman Vitals Film schildert sich spezifisch, und doch universell: Das Milch-und-Honig-Land ist nahe, und doch unerreichbar, die stumpfe Realität bricht die Illusionen auf, die Xenophobie droht den Humanismus zu verschlucken.

Vier von sechs für den «Prix de Soleure» nominierten Filmen weisen einen ausgeprägten «Migrationshintergrund» auf. «Alfonsina», der Dokfilm über die als Kind nach Argentinien ausgewanderte Tessinerin Alfonsina Storni, nicht mitgerechnet. «Über diese Gewichtung haben wir lange diskutiert», gibt Rohrer zu. «Wir kamen zum Schluss, dass die thematische Tendenz dieser Filmtage auch beim ‹Prix de Soleure› abgebildet werden sollte.»

Gewänne «Akte Grüninger» den Jurypreis, würde ein grosser Akt der Menschlichkeit ausgezeichnet. Ohnehin erzählen nicht wenige Filme auch Geschichten von leisem Heldentum. Etwa «Mon père, la révolution et moi», in dem die Regisseurin Ufuk Emiroglu entgegen allen Verletzungen nicht mit dem Vater, ihrem einstigen Idol, bricht. Der Lehrer Christian Zingg entpuppt sich als Held des täglichen Lebens: In «Neuland» weist er mit Chuzpe und Engagement ausländischen Jugendlichen den Weg ins Berufsleben. Regisseurin Anna Thommen begleitete seine Klasse in Basel zwei Jahre lang, «weil es mich faszinierte, wie die Welt in dieser zusammenkam, und weil ich sehen wollte, wie diese Menschen in der Schweiz leben.»

Dass sich das helvetische Volk einst achtenswert ins Asylwesen einmischte, davon zeugt «La barque n’est pas pleine» von Daniel Wyss. Als vor 40 Jahren Augusto Pinochet in Chile blutig die Macht übernahm, setzte es den Bundesrat unter Druck, linke Flüchtlinge aufzunehmen. Anstatt 200 gewährte die Schweiz schlussendlich 2000 Menschen Asyl. Einige davon sind heute selber Eidgenossen.