Die Salzburger Erde ist verbrannt – jetzt wird auch noch Salz darauf gestreut. Nach den monatelangen Streitereien wird man im Festspielkuratorium überdeutlich. Für Festspielintendant Alexander Pereira heisst das: Bloss weg! Pereira packt die Taube auf dem Dach (die Mailänder Scala) und lässt den Spatz (die Salzburger Festspiele) fliegen. Eine spannende und lösbare Aufgabe wird es für den 65-Jährigen, auch wenn die rechtspopulistische Lega Nord bereits plärrte: «Heute wurde die Scala getötet.» Der Ruf nach einem Italiener für die Scala-Spitze war gross, nachdem die Jahre mit Stéphane Lissner nicht in die Scala-Annalen eingehen werden. Im Unterschied zum Franzosen kennt Pereira die italienischen Opernsitten aber bestens.

Zürich, wo Pereira von 1991 bis 2012 arbeitete, wurde nicht zufällig «das nördlichste Opernhaus Italiens» genannt. Raritäten wie Umberto Giordanos «Madame Sans-Gêne», Ermanno Wolf-Ferraris «Sly» oder Italo Montemezzis «L’amore dei tre re» waren hier an der Tagesordnung. Auch das völlig vernachlässigte Frühwerk Giuseppe Verdis pflegte Pereira wie kein Zweiter. Italienische Sänger (Giorgio Zancanaro, Mara Zampieri, Leo Nucci, Ruggero Raimondi) und Dirigenten (Nello Santi, Daniele Gatti) waren seine Stützen. Auch mit den Machenschaften der italienischen Sängeragenturen kennt sich Pereira deswegen bestens aus.

Berlusconis «Il Giornale» schrieb, dass man in der Scala Erfolge auf Basis der italienischen Oper ernte. Pereira wird dem Wunsch bestens entsprechen. Die Scala wird mit dem «Ausländer» Pereira viel italienischer werden, als sich manch einer erträumt. Pereira darf sein Zürcher Repertoire aufleben lassen, kaum einer wird wie in Salzburg Uraufführungen, Dramaturgie oder moderne Regisseure verlangen.

Die Möglichkeit, dass sich Pereira mit den italienischen Politikern arrangiert und dem kritischen Publikum bietet, was es will, besteht durchaus. Typisch aber seine Geste: Er gibt, wie zu Beginn in Salzburg, erst mal klein bei und akzeptiert 25 Prozent weniger Fixlohn als sein Vorgänger, also «nur» noch 265 000 Euro. Aber wer kennt die Nebenverträge? 2012 ging ein Aufschrei durch Mailand, als bekannt wurde, dass sich Chefdirigent Daniel Barenboim einen Scala-Humidor für seine Zigarren für 18 000 Euro auf Spesen gutschreiben liess. Ob Pereira an den Sponsoreneinnahmen beteiligt ist, liess er noch unbeantwortet. Die Geldbeschaffung ist entscheidend. Für sie wurde Pereira (wie in Salzburg) geholt. Denn ewig kann die Scala nicht auf Staatshilfe hoffen.

Pereira trifft auf ein Haus, das sich seit dem Abgang von Chefdirigent Riccardo Muti im Jahr 2005 sehr stark verändert hat und im negativen Sinn modern wurde. Lissner produzierte viel mehr Opern als je zuvor, liess ohne Sommerpause das ganze Jahr spielen. Die Zeit, da jede Produktion – Premiere oder Wiederaufnahme – minutiös geprobt wurde, war damit vorbei. Nach wie vor arbeiten Top-Künstler am Haus, aber eine Verwässerung hat stattgefunden: Die Scala ist nicht mehr einzigartig wie unter der Leitung von Riccardo Muti, die Produktionen sind austauschbar. Pereiras Stolz wird es sein, die Scala wieder zum besten Opernhaus der Welt zu machen.

Wo viel mehr gespielt wird, kommt auch viel mehr Publikum – die Scala wurde in den letzten Jahren zu einem Touristen-Magnet: Viele Russen und Asiaten, aber auch Deutsche, drängeln sich in den Pausenfoyers. Dabei geht bisweilen vergessen, dass die Mailänder unheimlich stolz auf ihre Scala sind, ihr emotional verbunden sind. Und sie geben ihre Meinung kund. Es sind keine Alibi-Proteste. Als Cecilia Bartoli im Dezember 2012 nach 19 Jahren Abwesenheit zurück nach Mailand kam, wurde sie verhöhnt und ausgebuht. Luciano Pavarotti sang nach der legendär gewordenen «Don Carlo»-Nacht am 7. 12. 1992 unter massiven Publikumsprotesten die Vorstellungsserie fertig – und kam nie mehr zurück an sein geliebtes Haus. Man könnte viele Beispiele anfügen.

Kurz: Pereira muss aufpassen, wen er singen lässt. Denn seine Sänger werden viel kritischer als in Zürich beurteilt werden. Die von Pereira verehrte Cecilia Bartoli hat in diesem grossen Haus keine Chance, ihre eben in Salzburg gezeigte «Norma» würde in Mailand zum Debakel werden. Auch viele andere Zürcher Ensemblemitglieder, die Pereira nach Salzburg mitnahm, werden es an der Scala schwer haben. Eine Elena Mosuc, in Zürich gefeiert, kam als Gilda im November 2012 an der Scala gerade mal durch.

Pereiras Plus: Für jeden Sänger und Dirigenten ist es eine Ehre, an der Scala zu singen – auch die Topgagen bewegen sich auf Topniveau, gegen 20 000 Franken pro Abend. Pereira kann rufen und man wird kommen. Ausser jene, die Angst haben. Eine Anna Netrebko hütete sich bis anhin, an der Scala italienisches Repertoire an Premieren zu singen. Nicht, dass die Mailänder jedes Mal losbuhen, aber auch ihre Applaudier-Unlust bei durchschnittlichen Abenden kann die Künstler lähmen. So geschehen bei dem vom vermeintlichen Star Gustavo Dudamel dirigierten «Rigoletto» im November 2012.

Apropos Dirigent: Riccardo Chailly und Daniele Gatti heissen die beiden Kandidaten für den Chefdirigenten-Posten. Da Gatti ein Intimus von Pereira ist, wäre es höchst erstaunlich, wenn nicht er das grosse Los ziehen würde. Allerdings hatte es Gatti schon einmal in der Hand, wurde dann aber bei der Saisoneröffnung 2008 («Don Carlo») ausgebuht . . . Vorbei war die Chance. Am 7.12. 2013 erhält er eine weitere, «La Traviata» wird seine und indirekt auch Pereiras erste Bewährungsprobe.

In Salzburg war Pereira der Mittelpunkt der Welt- und der lokalen Klatschpresse – übers ganze Jahr. Für Mailand interessiert sich die Welt mit Ausnahme der Saisoneröffnung viel weniger. Pereira wird sich nach einem Anfangswirbel zum Grossteil mit der italienischen Presse beschäftigen. Aber ihm kann es recht sein, wenn er aus dem Blickfeld des ihn seit den zwei Salzburger Jahren überaus skeptisch betrachtenden deutschen Feuilletons rückt.

Es gibt anderes. In Mailand hat er bereits eine Wohnung unweit der Scala gemietet, besucht seine Freundin Daniela de Sossa doch eine Modeschule in der Modemetropole. Pereiras Mailänder Nest ist bereits warm.