«Wer Kaffee will, der gibt mir bitte Bescheid. Aber eigentlich trinken wir hier nur Tee.» Svenja, die Leiterin des Hauses, in dem ich die nächsten sechs Tage Yoga machen werde, grinst in die Runde. Sieben Frauen und ein Mann grinsen nicht zurück. «Willkommen in der Casa Yogafriends! Gibts Fragen?»

Ja! Und zwar viele: Wie lautet das WLAN-Passwort? Essen wir wirklich die ganze Woche vegan? Und was, wenn ich um neun Uhr abends noch nicht müde bin? «Keine Panik. So gehts allen, wenn sie hier ankommen. Es wird dir gefallen.» Svenja lächelt so zufrieden, dass ich ihr glaube.

Optimiere! Dich! Selbst!

Eines vorweg: An den Kaffee-Verzicht habe ich mich die ganze Woche nicht gewöhnt. Aber hier schreibt auch keine Yoga-Meisterin, kein Gesundheits-Freak und auch keine Frau mit gebrochenem Herzen, die sich in einer Woche Yoga die befreiende Erleuchtung erhofft.

Hier schreibt eine 32-jährige Social-Media-Redaktorin, die mit mindestens eineinhalb Beinen im Leben steht, selten gestresst und mässig beweglich ist. Yoga mache ich nur sporadisch, Ferien in Gruppen waren mir stets ein Graus und vegan lebe ich schon mal gar nicht.

Wieso ich mich dennoch für eine Woche Yoga-Ferien entschied? Um irgendwann die «Baum»-Pose ein paar Minuten halten zu können, klar. Aber auch, um mir selbst mal wieder beim Denken zuzuhören, fernab der täglichen Facebook-Kakophonie. Um herauszufinden, was konsequente vegane Ernährung mit meinem Organismus macht. Um durch die Wüsten Fuerteventuras zu marschieren. Kurz: Um mich mal wieder mit mir selbst zu beschäftigen – und damit einem Trend zu folgen, der nicht erst seit gestern die Tourismusbranche erobert. Aber dazu später.

«Detox klingt so gesund»

Dass so eine kleine Selbstoptimierung mit einem Glas Wein in der Hand und einer guten Freundin vis-à-vis eigentlich viel besser funktioniert als mit einem Kräutertee in der Thermosflasche und Sportkleidung auf der Haut, dessen war ich mir eigentlich immer sicher.

Doch wer in die «Casa Yogafriends» kommt, den erwartet mit vier Stunden täglicher Yoga-Praxis nicht nur Erholung für den Geist, sondern auch Detox für die Leber: Zu den zwei inbegriffenen täglichen Mahlzeiten gibt es keinen Kaffee und keinen Alkohol, auch keinen Industriezucker. «Och, alles, was Spass macht, ist verboten», raunt Peter, ein selbstständiger Mittfünfziger aus Köln. Wir lachen.

... und an den weiten, leeren Stränden lüftet den Kopf und wärmt das Herz.

Yoga unter der kanarischen Sonne ...

... und an den weiten, leeren Stränden lüftet den Kopf und wärmt das Herz.


Peter ist einer von insgesamt acht Deutschen und Schweizerinnen, die diese eine Woche Yoga-Ferien auf der Kanareninsel gebucht haben. Wir verstehen uns gut – es hilft, dass die Erwartungen an diese Reise bei allen in etwa die gleichen sind. Es ist Tag der Ankunft, und die kanarische Frühlingssonne scheint auf den hellblauen Pool vor der schneeweissen Villa. Ich hätte gerne ein Glas Weisswein.

Entspannung auf Knopfdruck

Ferien mit selbst auferlegten Aufgaben und Regeln: nicht unbedingt das, was ich bis anhin unter entspanntem Urlaub verstand. Ich bin eher der Gutes-Buch-am-Strand-lesen- und dann Langen-Apéro-in-der-Abendsonne-geniessen-Typ. Doch die einzige Aufgabe – nämlich, sich morgens und abends viel Zeit fürs Yoga zu nehmen – erfüllt ihren Zweck: Durch die festen Zeiten bin ich auf Entspannung gepolt. Yoga auf dieser Insel fühlt sich besser an als nach einem Tag im Büro ins Fitness-Studio zu rennen und erst 10 Minuten auf meiner Yoga-Matte zu brauchen, um Ruhe und Entspannung zu finden.

Aussicht vom Hondo Caleron am frühen Morgen:

Die Weite und Leere Fuerteventuras hilft, den Kopf auch ausserhalb der Yoga-Stunden zu lüften.

Das mag ein Grund sein, warum immer mehr Hobby-Yogis in sogenannten Yoga-Retreats (engl. für Rückzug) den geistigen Neustart suchen. Der Wohlfühl-Tourismus macht bereits 14 Prozent der Branche aus.

In Zeiten, in denen weder Weltlage, Beruf oder Beziehung sicher sind, scheint sich der Mensch auf das zu besinnen, was ihm am nächsten ist: den eigenen Körper. Besonders die Yoga-Industrie profitiert vom Trend zu mehr Selbstbezogenheit: Yoga-Studios, Zubehör, Kleidung, Reisen: Die Geschäfte kommen weltweit auf einen Umsatz von 42 Milliarden Dollar. Na dann: Auf in den Kopfstand!

Schwupp – und glücklich

Manche nennen das moderne Kreisen ums Ich einfach Selbstkult. Auch ich zählte mich zu denen – bis ich die ersten 24 Stunden Yoga-Urlaub durchlebe. Schon am ersten Morgen wache ich vor dem Wecker auf. Geschlafen habe ich wie ein Baby, die «Casa» liegt abseits lärmiger Touristenzentren und das vegane Znacht war leicht und gut verdaulich. Ich hüpfe in den Pool, trinke einen Tee und schwupp! – ich fühle mich bestens.

In der Casa Yogafriends ist es gemütlich und chic. Doch Zeit im Innern der Villa verbringt man selten.

Wohnzimmer-Atmosphäre:

In der Casa Yogafriends ist es gemütlich und chic. Doch Zeit im Innern der Villa verbringt man selten.

Nach zwei Stunden strecken, posen, dehnen und meditieren bei Kim, unserer amerikanischen Yoga-Lehrerin, erwartet uns ein Zmorge wie im Himmel: bunte Früchte aus dem Garten, Porridges, Smoothies, frisches Brot und allerlei vegane Aufstriche – alles bio und lokal, versteht sich (und eben, der Kaffee fehlt, aber lassen wir das).

Anschliessend wandern wir auf einen nahen Vulkan, treffen auf Zicklein und Streifenhörnchen, am Abend praktizieren wir die üblichen zwei Stunden Yoga, anschliessend essen wir unser leichtes Znacht, gefolgt von wohlig-müdem Zustand und raschem Zubettgehen. Ich fühle Heiterkeit: Zum Teufel mit der Selbstlosigkeit – ich liebe die Selbstliebe!

An Tag vier kommt die Krise

Katze machen, Wirbelsäule strecken, Fuss zur Kopfspitze führen: Yoga-Ferien sind anstrengend.

Die Yoga-Übungen fordern mich körperlich, ich bekomme Knie- und Rückenschmerzen. Zwischen den Stunden mache ich Trailruns auf die nahen Vulkane, fahre mit dem Bike in die Wüste und ans Meer – und vergesse zeitweise, warum ich eigentlich hier bin. Mir fehlen mein Smartphone und die Whatsapp-Chats mit meinen Freunden. Ich habe Lust auf ein Stück Fleisch, der Koffein-Entzug bereitet Kopfschmerzen. Ich schreibe Tagebuch, schlafe noch mehr, meditiere auch zwischen den Yoga-Stunden.


Am Ende der Woche bin ich ausgeglichen, fühle mich fitter und wacher denn je – und habe vor allem etwas gelernt: Egoismus ist kein Schimpfwort, sondern eine Glücksformel.

Yoga-Ferien auf Fuerteventura: Klein, aber sehr fein

Anreise: Edelweiss und Air Berlin fliegen von Zürich nonstop nach Fuerteventura. Flug und Unterkunft können separat oder über einen Yogaferien-Anbieter gebucht werden. Wer die Insel nicht mit dem Velo oder Mountainbike erkunden möchte, für den empfiehlt sich ein Mietauto.
Unterkunft: Im Internet findet sich eine Fülle von Yogaferien-Angeboten für Fuerteventura. Die «Casa Yogafriends» bietet vier Doppelzimmer und eine Suite, gut ausgebildetes, deutschsprachiges Personal und ausgesprochen gute, vegetarische und vegane Küche: www.yogafriends.eu. Preis pro Doppelzimmer und Person ab 1000 Franken, Yoga, Einzelunterricht und Mahlzeiten inklusive.
Reisezeit: Die Kanarischen Inseln haben das ganze Jahr über Saison. Wer nicht im Hochsommer auf die Insel fliegt, kann die karge Landschaft bei angenehmeren Temperaturen erkunden, das Meer ist jedoch noch frisch.