Das belgische Supermodel Hanne Gaby Odiele hat schon für hochkarätige Modelabels wie Yves Saint Laurent, Chanel und Prada posiert. Was jetzt aber für Schlagzeilen sorgt, ist nicht ihr beruflicher Erfolg, sondern ihr Geschlecht. Die 29-Jährige ist eine der ersten Prominenten, die sich dazu bekennt, dass ihr Körper den streng definierten Kategorien der traditionellen Weltanschauung nicht entspricht. Öffentlich erklärte sie: «Ich bin intersexuell und stolz auf mein Geschlecht.» Odiele rüttelt mit ihrem Outing an dem scheinbar ewig gültigen Verständnis von Mann und Frau als Gegenpole, die sich klar voneinander abgrenzen.

Intersexuelle kommen mit nicht eindeutig bestimmbaren Geschlechtsmerkmalen zur Welt. Es gibt verschiedenste Arten und Abstufungen, manchmal sind die Betroffenen auch zeugungsfähig. Neben den bekannten XX- und XY-Chromosomenpaaren, die jeweils zur Bildung von Organen wie Eierstöcken beziehungsweise Hoden führen, gibt es zum Beispiel auch einfache X-Chromosomenträger oder XXY-Varianten. Auch Veränderungen der Keimdrüsen, die Sexualhormone produzieren, können das Wachstum der Geschlechtsorgane beeinflussen und zum Beispiel zu einer vergrösserten Klitoris führen.

Odiele wurde mit dem «Androgen-Resistenz-Syndrom» geboren. Betroffene besitzen XY-Chromosomen, weshalb dem Fötus im Mutterleib Hoden wachsen. Die Zell-Rezeptoren des Kindes können das gebildete Testosteron jedoch nicht aufnehmen. Die Hoden bleiben im Bauchraum, statt sich nach aussen zu stülpen, und die Genitalien sehen wie eine Vagina aus, obwohl Betroffene keine Gebärmutter besitzen. Odieles innenliegende Hoden wurden mit zehn Jahren entfernt.

«Sophie, Sie sind ein Mann»

Im letzten Jahrhundert noch merkten Mädchen erst, dass sie anders waren, als die Menstruation ausblieb. Oder gar noch später. Im Frankreich der 1880er-Jahre erregte etwa der Fall der «Sophie V.» Aufsehen: Die junge Frau ging zu einem Arzt, da sie frisch verheiratet war, jedoch aus unbekannten Gründen nicht mit ihrem Mann schlafen konnte. Nach einer kurzen Untersuchung stellte der Doktor schockiert fest, dass Sophie unterentwickelte männliche Geschlechtsorgane besass. Er erklärte ihr ohne Umschweife: «Sophie, Sie sind ein Mann.» Deshalb betrachtete er auch ihre Ehe als ungültig, die Verbindung sollte annulliert werden. Nach seiner Vorstellung musste Sophie sich von ihren Perlen und Röcken verabschieden und sie gegen Anzüge und Zylinder eintauschen. Von heute auf morgen.

Wir leben zwar nicht mehr im 19. Jahrhundert, doch Intersexualität ist noch immer ein Tabuthema. Und zwar selbst wenn, wie Markus Bauer von der Menschenrechtsgruppe «Zwischengeschlecht.org» beobachtet, «in Ländern wie der Schweiz in den letzten Jahren erste Diskussionen und damit auch eine gewisse Sensibilisierung und Enttabuisierung stattgefunden haben». Doch sind solche Fälle nicht eine Ausnahme in der ansonsten schön geordneten Welt der Frauen und Männer? Nach Schätzungen der UNO sind bis zu 1,7 Prozent der Weltbevölkerung intersexuell. Zum Vergleich: Rothaarige machen 1 Prozent der Bevölkerung aus, Grünäugige 2 Prozent.

Odiele will sich mit ihrem Outing gegen die Operationen aussprechen, die an intersexuellen Kindern kurz nach der Geburt vorgenommen werden, um ihre Körper einem von zwei Geschlechtern zuzuweisen. Seit den 1960er-Jahren galt diese Vorgehensweise als selbstverständlich. Ärzte verkleinerten die Klitoris der Säuglinge, entfernten ihre Hoden, verschrieben Hormonersatztherapien oder konstruierten eine künstliche Vagina. Da weibliche Genitalien chirurgisch einfacher zu formen sind als männliche, werden die meisten intersexuellen Kinder als Mädchen aufgezogen.

In einer Studie der Klinik Lübeck gaben 81 Prozent der über 400 befragten Intersexuellen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an, wegen ihres Geschlechts operiert worden zu sein. «Solche Eingriffe geschehen aus Angst vor nicht-dualen Körpern und nicht aus medizinischer Not», urteilt Odiele gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian». Für das Model sind es die Furcht vor sozialer Exklusion und die Überforderung der Ärzte und Eltern mit der Vorstellung, dass wir nicht alle einfach Frauen oder Männer sind, welche zu den Operationen führen. Sie befürchtet, dass die Sehnsucht nach einem rosaroten Kärtchen mit der freudeverkündenden Deklaration «Es ist ein Mädchen!» in den Briefkästen der Freunde am Ende über dem Wohlergehen des Kindes steht.

Auch Markus Bauer verurteilt die Eingriffe und wünscht sich, dass in der Schweiz auf Solidaritätsbekundungen mehr Taten folgen. Heute haben Eltern zwar mehr Zeit, um in der Geburtsurkunde ihres Kindes ein Geschlecht einzutragen. Sie sind allerdings noch immer gezwungen, zwischen «weiblich» und «männlich» zu wählen, im Gegensatz zu Staaten wie Deutschland, in denen die dritte Kategorie «anders» existiert. Auch ein Schweizer Gesetz, das definiert, ab wann und unter welchen Umständen eine Operation rechtens ist, gibt es bis heute nicht. Und das, obwohl die Schweizer Nationale Ethikkommission und zwei UNO-Ausschüsse den Schweizer Staat in den letzten Jahren aufgefordert haben, operative Eingriffe an intersexuellen Kindern ohne ihre rechtlich gültige Einwilligung gesetzlich zu verbieten.

«Die IV bezahlt noch immer Geschlechtsoperationen an Minderjährigen. Für psychosoziale Unterstützung der Betroffenen scheinen hingegen keine Mittel vorhanden zu sein», stellt Bauer fest. Das oft verwendete Argument, dass intersexuelle Kinder bei Belassung ihrer uneindeutigen Genitalien ausgegrenzt würden, weist er entschieden zurück: «Intersex-Menschen haben das Recht, selbst über ihre Körper zu entscheiden. Psychosoziale Probleme müssen mit psychosozialen Mitteln angegangen werden, nicht mit dem Skalpell.»

Modernes konservatives Land

Ähnlich wie in der Schweiz sieht es auch andernorts aus. In acht Ländern der EU, darunter Österreich, Schweden und Belgien, können Eltern ohne Einwilligung des Kindes über die Operationen entscheiden. Die Eingriffe wirken sich für die Betroffenen oft katastrophal aus. Der offizielle Bericht der EU, «The Fundamental Rights Situation of Intersex People», lässt verlauten, dass intersexuelle Kinder in den allermeisten Fällen gesund sind. Daher seien operative Eingriffe unnötig, sie verletzen die Grundrechte der Kinder. Die UNO hält dazu fest: «Diese Verfahren können zu Unfruchtbarkeit, Schmerz, Inkontinenz, Verlust sexueller Sinnesempfindung und lebenslangen mentalen Krankheiten wie Depression führen.»

Neben der schleppenden Veränderungen in unserer Gesellschaft gibt es auch Ausnahmen. Die fortschrittlichsten Gesetze für Intersexuelle kommen aus einer unerwarteten Ecke der Welt: Die katholische Hochburg Malta, das Land also, in dem Scheidungen erst seit 2011 anerkannt werden, hat als erster Staat vor zwei Jahren ein Gesetz verabschiedet, das den operativen Eingriff an intersexuellen Säuglingen und Kindern verbietet. Die Betroffenen müssen ein zurechnungsfähiges Alter erreicht haben, um ihr Einverständnis zu einer Operation urkundlich unterzeichnen zu können. Auch erlaubt das Gesetz Maltesern, die Geschlechtsangabe auf der Geburtsurkunde intersexueller Kinder leer zu lassen, bis sie selbstständig entscheiden können, ob sie operiert werden wollen.