Keiner hat die Venus vor der Sonne gesehen. Und keiner, der heute lebt, wird sie jemals vor der Sonne sehen. Was gestern in aller Herrgottsfrühe hinter einer Wolkenwand zwischen Uitikon und Sonne stattgefunden hat, wird erst in 105 Jahren wieder zu sehen sein.

Rückblick: Mittwochmorgen, kurz vor 6 Uhr. Der Schlaf liegt bleiern in den Knochen, zerrt am Körper. Immerhin ist die Luft frisch, knappe 14 Grad. Der Himmel ist frei, nur vereinzelte zerzauste Wolken sind zu sehen. Und die Alpenkette; wie mit Wasserfarbe nachlässig an den Horizont gepinselt. Aus der Luke der Sternwarte Uitikon recken bereits die ersten Köpfe, über ihnen ragt das Teleskop.

«Die Chancen liegen bei zehn Prozent.» Dölf Schaffner, Demonstrator in der Sternwarte, legt den Kopf in den Nacken. Zehn Prozent, dass die Sonne und die Venus sichtbar sein werden, das habe der Meteodienst am Vorabend verkündet. Zehn Prozent, das ist nicht viel. Schaffner lächelt, er ist optimistisch. «Noch ist sie ja zu sehen», sagt er und nickt der Sonne zu. Die zerzausten Einzelwolken ballen sich zusammen. Diese Spielverderber.

Es wird eng. 40 Leute sind gekommen, über den Daumen gepeilt. Eltern mit verschlafenen Kindern im Schlepptau, die Schöpfe noch zerknautscht vom Kissen. Der Kaffee ist bereits aufgetrunken, die Gipfeli sind gegessen. Der Bäcker kommt noch einmal und bringt Nachschub, die Gemeinde hat das Zmorge gesponsert. Bald müsste es so weit sein, es ist kurz vor 6.20 Uhr. «Man sieht die Blätter vom Baum, mehr nicht», ruft einer aus dem geöffneten Kuppeldach heraus.

Allesamt quetschen wir uns in die Sternwarte. Im Rund steht man an, tritt einander auf die Zehen. Einer nach dem andern trägt sich ins Gästebuch ein. Dann vier Stufen hoch, ein kurzer Blick durchs Teleskop; die Kinder behelfen sich mit Räuberleitern oder verlassen sich auf starke Elternarme.

Es ist ein Blick ins Schwarze. Die Sonne hat sich pünktlich zum Venustransit hinter den Wolken verschanzt. Irgendwo da hinten steht die Venus der Sonne im Weg, quasi der Sonne vor der Sonne. Wegen des Filters auf dem Teleskop zum Schutz der Augen ist nun überhaupt nichts zu sehen. Die Zeit läuft.

«Der Begriff ‹Sternwarte› hat mit Sternen und mit Warten zu tun», sagt Andreas Inderbitzin, Chef des Demonstratorenteams, und zuckt mit den Schultern. Um die Leute bei Laune zu halten, erzählt er vom englischen Astronom Edmond Halley, der 1716 eine Methode vorstellte, während eines Venus- oder Merkurtransits die Distanz zwischen Erde und Sonne zu berechnen. Er selber konnte die Methode aber nur an einem Merkurdurchgang und nicht an einem Venustransit anwenden. Er starb noch vor den Venustransiten in den Jahren 1761 und 1769.

«8 - 122 - 8 - 105; das ist der Jahresrhythmus, in deren Abstände die Venustransite zu beobachten sind», sagt Schaffner. Letztmals war das Phänomen 2004 zu beobachten, vorher in den Jahren 1882, 1874 und eben 1769 und 1761 und weiter zurück.

Aber Halleys Methode funktionierte. Was als Zahl herauskam, sorgte damals für das grosse Staunen: 150 Millionen Kilometer liegen zwischen Sonne und Erde. «Diese Distanz hatte man gewaltig unterschätzt», sagt Inderbitzin und lächelt in die Runde. Staunende Gesichter gibt es auch heute noch. Ein Drittel der Distanz liege zwischen Erde und Venus, zwei Drittel zwischen Venus und Sonne, so Inderbitzin weiter. Die Venus ist also dreimal vergrössert - und doch nur ein stecknadelgrosser Knopf auf der Sonne.

Halt. Die Venus wäre ein stecknadelgrosser Knopf. Wenn denn. Wenn sich denn nicht die Wolken vor der Sonne aufbäumen würden. Pünktlich wie die Eisenbahn. Und wir stehen da, die Spezialkartonbrillen im Gesicht, und sehen nichts. Die Uhr tickt. Ein Schimmer in der Wolkendecke lässt uns hoffen. Wenigstens ein Blick, ein klitzekleiner Moment des astronomischen Spektakels sollte uns doch vergönnt sein. Dann ist es 6.51 Uhr. Aus die Maus, die Venus ist durch, hat die Sonne verlassen.

Bis zum nächsten Mal. Am 11. Dezember 2117 an derselben Stelle.