Umwelt
Aktualisiert am 28.12.11, um 16:22 von Christof Forster
 

Alternativen zum Streusalz haben es nicht leicht

Gewaltiger Wintervorrat
Das Salzlager im Kuppelbau der Saline Riburg in Möhlin.
Kaum fiel vor Weihnachten der erste Schnee, fuhren die mächtigen Lastwagen der Winterdienste aus – vorne der Schneepflug, hinten der Salzverteiler. von Christof Forster
 

Für einen Volleinsatz im Kanton Zürich, also einen Durchgang über das Strassennetz, sind 150 Tonnen Salz notwendig. Auf den Schweizer Strassen verteilt der Winterdienst in strengen Wintern bis zu 350000.

«Das muss nicht sein», sagt der Pflanzenbiologe und Umweltberater Andreas Diethelm. Denn das vermeintliche Wundermittel gegen Schnee und Eis habe grosse Nachteile. Das sind nicht nur die Schäden für die Umwelt; jährlich gehen Tausende salzgeschädigter Bäume ein. Pro Baum schätzt Diethelm die Kosten auf 10000 Franken. Ausserdem lasse die Schwarzräumung die Autofahrer in einer falschen Sicherheit wiegen, sagt Diethelm und verweist auf die nach oben ausschlagenden Unfallzahlen nach Schneetagen.

Mit Streusalz behandelte Strassen würden zwar schwarz aussehen. Doch darüber könne sich eine chemische Glätte bilden, die sehr gefährlich sei, weil sie den Bremsweg verlängere. Für Diethelm ist es bezeichnend, dass das Strasseninspektorat des Kantons Zürich auf seiner Homepage schreibt: «Ziehen Sie nicht den falschen Schluss, dass schwarz geräumte Strassen immer eisfrei sind.» Wenn hingegen Schnee auf der Strasse liege, sei allen bewusst, dass sie Tempo und Fahrstil anpassen müssten.

Dem hält das Wasserforschungsinstitut Eawag entgegen, dass dank des Winterdienstes die Unfallrate um 80 bis 85 Prozent des Wertes vor der Streuung sinke.

Die Schweiz salzt gründlich

Salz greift auch die Strassen an. Besonders rostgefährdet ist armierter Beton, wie er im Brückenbau verwendet wird. Der Zürcher Umweltberater schätzt die jährlichen Schäden auf eine Milliarde Franken. «Von den Reparaturen lebt eine ganze Branche», sagt Diethelm. Die Autos sind zwar heute gegen das angriffige Salz geschützt. Aber dieser Korrosionsschutz macht die Fahrzeuge teurer. Hingegen berichten Velohändler von den bösen Überraschungen der breiten Salzstreuung. Felgen, Rahmen und Kette werden angegriffen.

Um Rostschäden zu vermeiden, sollten die Räder regelmässig gewaschen werden. Auch andere Länder kämpfen mit Salz gegen Schnee und Eis auf Strassen. Doch sind sie dabei um einiges weniger gründlich. So verteilt die Schweiz jährlich mehr Salz als Österreich, obwohl das hiesige Strassennetz nur zwei Drittel so gross ist wie jenes des Nachbarlandes.

Inzwischen sind auch Politiker aufmerksam geworden. SVP-Nationalrat Oskar Freysinger fordert in einem Vorstoss Zucker als Alternative zu Salz. Und zwei Zürcher Stadtparlamentarier der FDP verlangen von der Exekutive zu prüfen, wie der Salzverbrauch eingeschränkt oder ersetzt werden könne. Die Stadt hat reagiert und angekündigt, die Schwarzräumung auf die Hauptverkehrsachsen zu beschränken und Salz nur noch bei drohender Schnee- oder Eisglätte zu verwenden.

Auf den Kantonsstrassen in den Kantonen Aargau und Solothurn hingegen wird weiterhin schwarz geräumt. Man wolle zuerst die Ergebnisse von Tests abwarten, die mit Alternativen zum Salz gemacht würden, sagt Rudolf Schluep vom Solothurner Strasseninspektorat. Auch der Bundesrat will zuwarten, wie er in der Antwort auf den Vorstoss Freysinger schreibt. Salzstreuung gelte derzeit als die effektivste Lösung für den Winterdienst, auch in Bezug auf die Verkehrssicherheit. Die Regierung räumt aber ein, dass die Salzstreuung ökologisch nicht unumstritten sei. Zucker werde Salz jedoch nie ersetzen, sondern höchstens in kleinen Mengen beigemischt.

Allerheilmittel existiert nicht

«Ein Wundermittel gibt es nicht», sagt Diethelm. Als Standard empfiehlt er die mechanische Räumung. Bei Glatteis sei Salz die beste Option. Bei Schneeglätte auf Nebenstrassen empfiehlt er Split, der entgegen seinem Ruf weniger umweltbelastend sei als Streusalz. Für Alleen mit gefährdeten Bäumen gibt es chloridfreie Salze, die zwar im Ankauf teurer sind. Betrachtet man jedoch das gesamte Bild inklusive der geretteten Bäume, dürfte die Rechnung wieder aufgehen.

(az)
Leser-Empfehlungen auf Facebook
bz-Leser empfehlen: