Die Bank Wegelin musste letzten Freitag wegen des Steuerstreits mit den USA ihr Hauptgeschäft an die Raiffeisen-Gruppe verkaufen. Die St. Galler Bank ist das vierte Schweizer Institut, welches vor der Grossmacht USA wegen Vorwürfen zur Beihilfe von Steuerhinterziehung kapitulieren musste: Die UBS hat schon im Jahr 2009 eine Busse in der Höhe von 780 Millionen Dollar bezahlt, die Neue Zürcher Bank hat ihr Geschäft im letzten März verkauft und die Credit Suisse hat vor kurzem so viele Daten wie möglich für die US-Behörden bereitgestellt.
Für Insider ist klar, dass der Feldzug der US-Justiz gegen den Finanzplatz Schweiz noch lange nicht beendet ist. Branchenkenner vermuten, dass sich die Amerikaner als Nächstes etwa die Bank Julius Bär oder die Zürcher oder Basler Kantonalbank vorknöpfen könnten. Ankläger aufseiten der Amerikaner ist dabei Preet Bharara - eben jener Staatsanwalt, der nun die Bank Wegelin zu Fall gebracht hat.
Unabhängiger Harvardjurist
Dem geborenen Inder, der 1970 in die USA einwanderte und später eingebürgert wurde, eilt ein Ruf eines parteilosen und unabhängigen Staatsanwalts voraus. Im August 2009 wurde Bharara, der in Harvard und an der Columbia Law School studierte, zum führenden Ankläger der Staatsanwaltschaft von Manhattan ernannt. In dieser Funktion wacht er auch über den Finanzdistrikt Wall Street. Und hier machte er sich vor allem mit seinem Kampf gegen den Insiderhandel einen Namen: 47 Personen hat er seit 2009 angeklagt, 35 wurden schuldig gesprochen. Der prominenteste Fall war derjenige des Hedgefonds-Managers Raj Rajaratnam, des Milliardärs, der die Galleon Group zu einem der grössten Hedgefonds der Welt gemacht hatte.
Am 11. Mai 2011 wurde Rajaratnam verurteilt und zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt. Es war die längste jemals verhängte Strafe wegen Insiderhandels in den USA. Bharara verfolgte jeden Prozesstag, betrat ruhig den Gerichtssaal und nahm in der hintersten Reihe Platz. «Seine Präsenz beim grössten Insiderhandelsfall machte klar, dass der Chefankläger von Manhattan der Sheriff der Wall Street ist», schreibt die «New York Times». Als Chef der Staatsanwaltschaft des Southern District of New York leitet Bharara Amerikas einflussreichstes Bundesbüro ausserhalb von Washington. Er herrscht über eine Mannschaft von 200 Rechtsanwälten, die für die wichtigsten Fälle des Landes zuständig sind, so etwa der Verfolgung von Bernard Madoff und dessen Multimilliarden- Betrugssystems.
Im letzten Jahr gerieten auch die Schweizer Banken auf Bhararas Radarschirm. In seiner letzten Oktober eingereichten Anklageschrift bezichtigt er Daniela Casadei und Fabio Frazzetto, zwei Mitarbeiter der Bank Julius Bär, zwischen den 1990er-Jahren und 2010 über 180 US-Bürgern dabei geholfen zu haben, mehr als 600 Millionen Dollar vor dem US-Fiskus zu verstecken.
Keine Klage gegen Deutsche Bank
Bei der Untersuchung wird er nicht zimperlich sein. «Wenn Manager wie Verbrecher operieren, dann muss man sie auch so behandeln», antwortete Bharara auf die Frage, weshalb er im Rajaratnam-Fall Wanzen verwendet habe. Gleichzeitig wurde er aber auch kritisiert, weil er sich gegenüber Bankern, die die Finanzkrise mitverursacht hatten, allzu nachsichtig gezeigt habe. So liess er im vergangenen Mai eine Klage gegen die Deutsche Bank wegen Hypothekarbetrugs fallen, weil es angeblich zu wenig Beweise gegeben hatte.