Viel grösser könnte der Kontrast nicht sein. Während die Stadt Basel im wunderbaren Sonnenschein erwacht, leckt der FCB die Wunden der europäischen Schmach. Das 1:4 gegen Arsenal besiegelt den vierten und letzten Tabellenrang in der Champions League. Nicht einmal das Minimalziel Europa League hat der FCB erreicht. Im Frühling, wenn in Europa die fussballerischen Leckerbissen stattfinden, schaut Rot-Blau am TV zu. Es ist eine neue Erfahrung. Eine Erfahrung, die den Schmerz dieser Tage zurückbringen wird.

Wie damit umgehen? Bei aller Enttäuschung: Der Grund für die Wunden ist nicht im letzten Spiel gegen das Starensemble von Arsenal zu suchen. Natürlich konnten die Zuhörer aus den Voten der Direktbeteiligten etwas Enttäuschung spüren. Aber: «Wir haben ja jetzt nicht gegen einen Unterklassigen im Cup verloren», sagt Davide Callà.

Und Präsident Bernhard Heusler gelingt gar diese schmucke Analyse: «Natürlich verkaufen wir gerne Träume. Natürlich wünsche ich mir, dass die Leute auf den Rängen wegen der Spannung und nicht wegen der Kälte zittern. Aber das ist doch auch das Schöne am Fussball: Es gibt kein Drehbuch, das wir einfach nach unseren Gelüsten gestalten könnten.» Ja, die Enttäuschung wich schnell dem Realismus. Und überall, wo man hinhörte, bekam man diese eine Erkenntnis serviert: Aus den Spielen gegen Bulgariens Meister Ludogorets Rasgrad hätten mehr als zwei Unentschieden resultieren müssen.

Während die FCB-Protagonisten den Abend Revue passieren liessen, flitzten die Stars von Arsenal in ziemlicher Eile durch die Basler Katakomben. «Keine Zeit, wir müssen gehen», rief Spielmacher und Steuersünder Mesut Özil fast schon entschuldigend hinterher. Sogar Granit Xhaka gab für einmal keine Auskunft. «Sorry, wir müssen den Flieger erreichen.» Fast schien es, als wäre dies Arsenals grösste Sorge des Tages: Nach dem Spiel das Abflugfenster am Flughafen Basel/Mulhouse nicht zu verpassen. Eine Nacht mehr zu Hause – das kann in Anbetracht des gedrängten Premier-LeagueProgramms über Weihnachten durchaus von Bedeutung sein.

Der Respekt vor dem komplizierten Frühling

Vor den Mikrofonen und Notizblöcken standen also Seydou Doumbia und Matias Delgado. Einen Eisbeutel in der Hand, barfuss und humpelnd der eine. Tief seufzend der andere. «Das ist eine sehr grosse Enttäuschung», sagt Doumbia. «Wir sind sehr traurig», sagt Delgado. «Wir werden etwas Zeit brauchen, um mit der Enttäuschung fertig zu werden.»

In der Tat, 1:3 bei YB, 1:4 gegen Arsenal, solche Niederlagen, noch dazu in dichter Folge, ist der FCB nicht gewohnt. Am nächsten Samstag, im letzten Spiel der Saison, geht es auch darum, rechtzeitig vor der Winterpause nochmals positive Emotionen zu erleben. Wie geht das? «Einfach keine Zeitungen lesen!», sagt der adrett gekleidete Marc Janko lächelnd, bevor er in die kalte Nacht verschwindet.

Es könnte ein sehr langer Frühling werden für den FCB. 27 Spieler umfasst das Team. 27 Spieler, die vor allem eines wollen: spielen. Da sind Partien auf europäischem Parkett eigentlich zwingend vonnöten. Ansonsten droht der eine oder andere – zum Beispiel mit Eisbeutel oder adretter Kleidung ausgestattet – eher früher als später die Lust zu verlieren.

Eine der Herausforderungen eines Vereins, der die Grösse des FC Basel erreicht hat, aber international eben doch weiterhin zu den Kleinen zählt, ist: Abgänge im Kader zu antizipieren. Oder anders ausgedrückt: Der FCB muss den Nachfolger eines Spielers schon verpflichten, bevor der Spieler den Verein verlässt. Ganz häufig ging das in den letzten Jahren ziemlich gut auf. Ausser in diesem Sommer.

Zu den Tücken des schnelllebigen Fussballgeschäfts gehört eben nicht nur, dass ein Spieler manchmal schon weg ist, kurz nachdem er seine Treueschwüre erneuert hat. Sondern auch, dass ein Spieler den Verein manchmal eben nicht verlässt. Weil wider Erwarten doch kein Angebot vorliegt. Oder sich das Interesse verflüchtigt. Man denke an Bjarnason, Xhaka, Janko, Lang oder Suchy. Was wiederum bedeutet, dass sich viele neue Spieler nicht im Schaufenster präsentieren können oder auf Einsatzzeiten warten. So wie Elyounoussi, Riveros, Gaber oder auch Fransson.

Die Erinnerung an Paulo Sousa und seine Experimente im Labor

Braucht es drei Stürmer? Braucht es sechs Flügel? Braucht es einen Adama Traoré? Dies sind einige der dringenderen Fragen, welche die FCB-Führungsetage und Trainer Urs Fischer besprechen müssen. Der Trainer selbst wirkt nach dem Europa-Aus ziemlich gefasst. Er sagt: «Auch ich muss versuchen, die Niederlage zu verarbeiten. Auch ich muss die Lehren daraus ziehen. Auch ich muss mich hinterfragen.»

Basel – Arsenal, 6.12.2016 – alle Goals und Highlights

Und dann, bevor Fischer geht, sagt er auch noch diesen einen Satz: «Es ist ein fortlaufender – entschuldigen Sie! – Prozess.» Es sind, bei aller Banalität, brisante Worte bei genauerer Betrachtung. «Prozess», das war das Lieblingswort von Paulo Sousa. Jenes Trainers also, der mit dem FCB 2014 in der Champions League in einer Gruppe mit dem grossen Liverpool und dem noch grösseren Real Madrid den zweiten Tabellenplatz erreichte. Jenes Trainers auch, der im Herbst den FCB als eine Art Labor begriff, immer wieder experimentierte – bis er seine Wundermischung fand und den FCB zur prickelnden Erfolgsmaschine machte.

Daraus gleich zu folgern, Fischer vergleiche sich selbst mit Sousa, wäre vielleicht etwas übertrieben. Aber irgendwie geistern ihm die spektakulären Europa-Auftritte des FCB unter Sousa eben doch durch den Kopf.

Der Trainer Fischer ist eher nicht als Pröbler und Wissenschaftler bekannt. Er ist eher der fleissige, ehrliche Arbeiter. Im Labor zu experimentieren, bis er verschiedenste Gift-Mischungen findet – das ist nicht seine Art. Lieber bevorzugt er die klassische, sichere Variante, die in der Schweiz von Anfang an Wirkung entfaltet. Eine Mischung aber, die international eben sehr selten Explosionskraft beinhaltet.

Trainer Urs Fischer hat das erste Saisonziel mit dem FC Basel verpasst - die wartenden Aufgaben werden nicht leichter.

Trainer Urs Fischer hat das erste Saisonziel mit dem FC Basel verpasst - die wartenden Aufgaben werden nicht leichter.

Auch darum folgen für Fischer nach der Winterpause entscheidende Wochen. Wochen, in denen er beweisen muss, diese rot-blaue Mannschaft umbauen und weiterentwickeln zu können. Ob Fischer fähig ist, Giftmischungen zu finden, die in Europa den Gegnern wehtun, das kann allenfalls im nächsten Herbst wieder beurteilt werden. Vorerst liegen die Prioritäten aber wieder anderswo. In der Schweiz. Es gilt, den verdorbenen Weihnachtsbraten wieder gutzumachen. Wie das geht? Am besten mit ganz viel saftigem Fleisch. Woche für Woche.

Was es hingegen zu verhindern gilt, ist, dass Davide Callà bald vor die Medien treten und eine «Niederlage im Cup gegen einen Unterklassigen» erklären muss. Zum Beispiel am 2. März, nach dem Viertelfinal FC Basel - FC Zürich.