Auf den ersten Blick wirkt die Medienmitteilung des FC Sion von Anfang November ganz harmlos. Man habe den 16-jährigen Cédric Mbenza verpflichtet, er würde ab sofort in Sions U21 integriert. Stutzig macht erst der Fakt, dass Mbenza noch letzte Saison U16-Schweizer-Meister mit dem FC Basel wurde und U17-Nationalspieler ist.

Ein Spieler mit Perspektiven also, der den Serien-Meister verlässt. «In den acht Jahren, in denen ich dabei bin, habe ich so ein Vorgehen noch nie erlebt», sagt FCB-Nachwuchschef und Vize-Präsident Adrian Knup. Insbesondere auch deshalb, weil er und der FCB vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Knup: «Cédric war von einem Tag auf den anderen nicht mehr bei uns, hat uns lediglich mitgeteilt, dass er woanders hingeht. Warum haben wir nie erfahren.»

Der Vize-Präsident des FC Basel, Adrian Knup.

Der Vize-Präsident des FC Basel, Adrian Knup.

Mbenza ist angolanischer Abstammung, wurde am 25. Mai 2000 in Tavannes im Berner Jura geboren und träumt von einer Karriere als Fussball-Profi. Perspektiven hat er durchaus. Er ist im Kader von U17-Nationaltrainer Yves Débonnaire. Den Wechsel zum FC Sion hat Mbenza Débonnaire gegenüber erwähnt, mehr aber auch nicht.

Gründe kennt Débonnaire nicht, erstaunt ist er indes nicht: «Der Fussball hat sich in den letzten 10, 15 Jahren radikal verändert. Manchmal können wir Trainer nur staunen. Da wechseln 15-, 16-Jährige zu Manchester United, weil ihre Berater ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Keine einfache Situation für Eltern und Spieler.»

Kein Profi-Vertrag beim FCB

Auf ein solches Abenteuer liess sich Mbenza nicht ein. Dennoch bleibt die Frage: Warum verlässt ein talentierter Junior mit Perspektiven den FCB? Ab 16 Jahren können Vereine ihre Nachwuchs-Hoffnungen mit einem Profivertrag ausstatten. Mbenza kriegte keinen. Knup: «Wir haben ihn als guten Potenzialspieler eingestuft, aber nicht so hoch wie andere. Ich kann mir vorstellen, dass er das anders gesehen hat.»

Mbenza begann im Team Jura, wechselte dann in die U14 zum FC Basel, weil ihm die Basler Nachwuchsabteilung bessere Zukunftsperspektiven bot. Via Sions Mediensprecher Nicolas Pillet ist das Nachwuchstalent bereit, die Fragen der «Nordwestschweiz» zu beantworten. Das Deutsch, die Sprache also, war nicht das Problem.

Französisch sprechende Teammitglieder hätten ihm die Integration erleichtert und er habe rasch gelernt, lässt er mitteilen. Mbenza erklärt sich: «So wie ich es erlebt habe, bildet der Klub tatsächlich Talente aus. Aber er schenkt den jungen Spielern aus der Region zu wenig Vertrauen. Man zieht es vor, Talente aus dem Ausland zu holen.»

Besser schätzt er seine Chancen im Wallis ein. «Sion setzt auf den Nachwuchs und hat sehr gute Strukturen, die es mir erlauben werden, mich weiterzuentwickeln. Ich hatte vom ersten Kontakt an ein gutes Gefühl. Gegen Basel hege ich keinen Groll, im Gegenteil, ich bin dankbar für alles, was sie mir beigebracht haben, aber jetzt beginnt ein neues Abenteuer.»

Die neue Trainingsstätte von Cédric Mbenza,

Die neue Trainingsstätte von Cédric Mbenza,

Das Abenteuer Sion, wo er seit November in der U21 trainiert, ab nächstem Jahr auch zum Einsatz kommen soll. Mit der Hoffnung, dass Sion-Trainer Peter Zeidler bald schon auf ihn setzt. Der Österreicher hat seit seiner Verpflichtung immer wieder auf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs gesetzt.

Wohin wollen die Basler?

Anders sieht es da derzeit in Basel aus. 2013 erst eröffnete Roche-Miterbin Gigi Oeri den mit ihren Millionen gebauten FCB-Campus, die landesweit beste Infrastruktur für Nachwuchsarbeit. Zugleich finanziert sie den Campus-Betrieb über eine Stiftung mit einem einstelligen Millionen-Betrag pro Jahr.

Auch hat der FCB in den vergangenen Jahren ein Zusammenarbeitsmodell mit Partnervereinen aufgebaut, um sicherzustellen, dass man alle Talente im Umkreis von 50 Kilometern beim FC Basel kennt. Aber zuletzt haben nur noch wenige Nachwuchs-Spieler den Sprung in die erste Mannschaft geschafft und kaum einer hat sich durchgesetzt.

Adrian Knup ist sich dessen bewusst, sagt: «Die Anforderungen an uns wurden in den letzten Jahren immer höher. Eigentlich gilt nur noch der Meistertitel. Entsprechend ist das Niveau in der ersten Mannschaft gestiegen. Das macht es für Junge schwieriger.» Aus dem aktuellen Kader kommt einzig Taulant Xhaka aus dem eigenen Nachwuchs und zu regelmässigen Einsätzen. Innenverteidiger Eray Cümart durfte bisher nur im Cup ran.

Tatsächlich ist das FCB-Kader so breit besetzt wie noch nie. 16 Nationalspieler fungieren im 27-Mann-Kader. Trainer Urs Fischer wird immer mal wieder vorgeworfen, dass er zu wenig auf Spieler aus dem eigenen Nachwuchs setze. «Das Niveau in der ersten Mannschaft ist richtig hoch», sagt Nachwuchschef Knup. «Er kennt alle Potenzial-Spieler, lässt sie immer wieder in der ersten Mannschaft trainieren.» Fischers Anspruch an einen Jungen: Er muss mindestens gleich gut sein wie die Konkurrenz auf seiner Position.

FCB-Trainer Urs Fischer hat ein sehr breites Kader zur Auswahl.

FCB-Trainer Urs Fischer hat ein sehr breites Kader zur Auswahl.

Top-Spieler, Top-Resultate und doch lässt der FCB in und um Basel immer mehr Leute kalt. Der Klub hat seine Wurzeln vergessen, die Spieler aus der Region, die Identifikationsfiguren fehlen. Diese Vorwürfe fallen immer wieder. Will man so weitermachen? Weitere Junioren vergraulen und dafür Talente aus dem Ausland holen? Es sind dies Fragen, welche die FCB-Führung dringend beantworten muss. Noch ist Mbenza ein Einzelfall. Das kann sich schnell ändern.