«Waren Sie schon mal an Terminal E am Flughafen Zürich?», fragt Martin Naville. «Dort steigen Sie in den Zug und das Erste, was Sie von der Schweiz hören, sind muhende Kühe aus den Lautsprechern.» Viele ausländische Manager kämen über diesen Weg ins Land. Und wie das eben so sei mit dem ersten Eindruck: Für diesen gebe es keine zweite Chance. «Nur eine kleine Anekdote», sagt der Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer. Doch die sage schon viel über die Wahrnehmung der Schweiz von ausserhalb.

Das Heimelige an der Schweiz katapultiert das Land in Sachen Lebensqualität bei Umfragen stets auf die vorderen Ränge. Das ist freilich auch für Top-Manager wichtig. Doch wenn es um die Frage geht, ob die Schweiz als Standort für einen internationalen Konzern infrage kommt, ist der Eindruck des Provinziellen nicht sehr hilfreich. Besser wäre, innovativ zu sein. Wird mein Unternehmen innovativer, wenn ich einen Standort in der Schweiz eröffne? Solche Fragen dürften Managern durch den Kopf gehen, während sie im Pendelzug zwischen Terminal E und Flughafenhalle den Kühen lauschen.

Innovationsschwache Schweiz

Dass nicht einmal die Hälfte der Chefs von hier ansässigen internationalen Unternehmen diese Frage mit «Ja» beantwortet, überrascht angesichts der Selbstwahrnehmung der Schweizer Wirtschaft als globaler Innovationsführer durchaus. 44 Prozent sind es genau. Das geht aus einer Studie hervor, die die Unternehmensberatung KPMG gestern in Zürich vorstellte.

Zusammen mit der Business School IMD und Martin Navilles Handelskammer haben die Berater die Standortattraktivität der Schweiz unter die Lupe genommen – und gerade in Sachen Innovationskraft einen deutlichen Unterschied zwischen fremder Wahrnehmung und der eigenen ausgemacht. So glaubt nur ein Drittel der rund 90 befragten Unternehmen, die Schweiz werde in den nächsten Jahren innovativer sein als andere Länder.

Die Erklärung dieser Diskrepanz von KPMG-Berater André Güdel wirkt ein wenig ratlos: Entweder, sagt er, liege das daran, dass die Schweiz schlicht nicht (mehr) so innovativ ist, wie sie glaubt. Oder aber es gebe hier ein Kommunikationsproblem – und die ersten Plätze, die die Schweiz regelmässig in entsprechenden Rankings belegt, drängen nicht bis zu den Unternehmen durch. Wahrscheinlich, fügt er an, sei es eine Mischung aus beidem. Das Muhen aus den Lautsprechern – es hallt offenbar bis in die Firmensitze nach.

Steuern und Arbeitsmarkt

Das geringe Zutrauen in die Innovationskraft ist laut KPMG ein schlechtes Signal. Da die Standortqualität jedoch von weiteren Faktoren abhängt, wirft die Studie einen umfassenderen Blick auf die hiesigen Bedingungen. Weit vorn steht die Steuerfrage. «Die Entscheidung multinationaler Unternehmen, ihre wichtigen Werttreiber in der Schweiz anzusiedeln, ist untrennbar mit der Steuerplanung verbunden», heisst es seitens KPMG. Dabei erwarten die meisten der in der Studie befragten Unternehmen gar nicht mehr, dass die Schweiz künftig bessere Bedingungen als alle anderen bietet. Vielmehr müsse sie sicherstellen, nicht aus der Spitzengruppe herauszufallen.

Die Bedeutung ist klar: Zwei Drittel der Konzerne nannten das «attraktive Schweizer Steuersystem» als Ansiedelungsgrund. Damit dies so bleibt, sei die Annahme der Unternehmenssteuerreform III dringend nötig. Am 12. Februar stimmt die Schweizer Bevölkerung darüber ab. Martin Naville sagt: «Gott behüte uns, wenn das negativ ausgeht.»

«Aus dem letzten Jahrtausend»

Ein weiteres Steckenpferd des Standortes Schweiz ist die schwache Regulierung der Arbeitsbedingungen. Im internationalen Vergleich ist sie kaum vorhanden. Doch auch hier ziehe bereits Unheimliches am Horizont auf: «Wir sind das einzige Land, das nachträglich eine Arbeitszeiterfassung einführt», sagt Naville. Eine Idee «aus dem letzten Jahrtausend» – und für Manager aus dem Ausland ein kaum nachvollziehbarer Schritt.

Regulierung, Steuern, und nicht zuletzt die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative: Das politische Klima wird rauer, klagen die Studienautoren. Martin Naville, bekanntermassen ein Freund der bildlichen Sprache, erklärt das so: «Ein Flugzeug kann einiges an Tempo rausnehmen und langsamer fliegen. Doch irgendwann nicht mehr. Dann stürzt es ab.»

So weit, schiebt Naville nach, sei die Schweiz zwar noch nicht. Dennoch habe man das Gefühl, «wir können an der Steuer herumzupfen, an der Migration, und es passiert nichts». Internationale Unternehmen beobachteten diese Entwicklungen jedoch genau – und mit zunehmender Sorge.