Exit begleitet jährlich rund 300 Menschen in der Schweiz in den Tod. Ein Drittel von ihnen ist allerdings nicht todkrank und könnte noch jahrelang leben. Kritiker finden dies stossend.

Hans Wehrli: Das Drittel, das Sie ansprechen, könnte zwar noch länger leben. Aber auch wenn diese Menschen nicht todkrank sind, haben doch die meisten mehrere Leiden. Oft sind sie alt, vereinsamt, sehen oder hören nicht mehr gut, sodass sie kaum mehr lesen oder sich mit jemandem unterhalten können. Zudem sind diese Menschen oft auch inkontinent oder haben Rückenbeschwerden. Sie können nicht mehr gehen und sitzen im Rollstuhl. Viele sagen sich dann: Ich hatte ein schönes Leben, aber mir reicht es jetzt, da meine Leiden immer nur noch schlimmer werden. In solchen Fällen bieten wir einen Ausweg an.

Juristisch ist das offenbar unproblematisch in der Schweiz.

Das Gesetz ist noch weit liberaler. Juristisch zulässig wäre es sogar, einem 18-Jährigen eine Pistole zu geben, damit er sich erschiessen kann. Das machen wir natürlich nicht. Wir helfen nur, wenn jemand überzeugend darlegen kann, dass er sterben will, weil er ein unerträgliches Leiden hat. Wir nennen das Bilanzsuizide. Bei Affektsuiziden - wenn jemand eine persönliche Krise etwa nach einem Unglück durchmacht - helfen wir nie.

Sterbehilfekritiker behaupten das Gegenteil: Exit weite seine Zielgruppe ständig aus, etwa auf Leute mit psychischen Problemen.

Das stimmt nicht. In den 30 Jahren, seit Exit existiert, ist der Anteil der Nichttodkranken, denen wir geholfen haben, bei etwa einem Drittel geblieben. In sehr seltenen Fällen gehören dazu auch Menschen mit einer schweren chronischen psychischen Störung. Wir reden von maximal 3 Fällen pro Jahr.

Schwere Depressionen können die Qualität der Selbstbestimmung beeinträchtigen. In solchen Fällen muss man die Suizidentscheidungen doch hinterfragen.

Das tun wir. Oft führen wir jahrelang Gespräche. Die Leute müssen zum Psych­iater. Diese erstellen Gutachten, die von einem zweiten Psychiater überprüft werden. Danach kommt der Fall in eine Ethikkommission, in der Ethiker, Ärzte, Juristen und Theologen sitzen. Erst wenn der Suizidentscheid hieb- und stichfest erscheint, helfen wir auch einem Menschen mit psychischen Problemen. Höchstens zehn Prozent der psychisch begründeten Anträge berücksichtigen wir.

Alte Menschen fühlen sich oft unnütz. Und viele machen sich ein Gewissen, wenn sie im allerletzten Lebensabschnitt sehr hohe Pflegekosten verursachen. Erzeugt hier die Möglichkeit der Sterbehilfe nicht einen gesellschaftlichen Druck auf Alte und Kranke, freiwillig abzutreten?

Als Präsident der Geschäftsprüfungskommission von Exit habe ich während sechs Jahren rund 2000 Dossiers von Sterbewilligen mit allen Protokollen auch von Gesprächen mit Angehörigen und Ärzten gelesen. In keinem einzigen Fall war irgendein Druck ersichtlich. Das Bestreben der Angehörigen ging immer in die entgegengesetzte Richtung. Kinder oder Enkel baten jeweils, den Freitod noch hinauszuschieben. In solchen Fällen bitten wir die Sterbewilligen jeweils, zuzuwarten, bis die Angehörigen den Sterbewunsch akzeptieren. Das kann zwei oder sechs Wochen dauern.

Dass Druck auf Alte und Kranke entstehen könnte, ist doch nicht abwegig.

Theoretisch ist die Befürchtung plausibel, dass durch Angehörige, die erben wollen, Druck entsteht. Gemäss unserer praktischen Erfahrung ist aber das Gegenteil der Fall.

Exit unterstreicht das Selbstbestimmungsrecht gerade auch für Alte und Kranke. Aber es gilt auch für Junge. Helfen Sie diesen auch?

Es gibt sehr selten Gesuche. Ich erinnere mich an einen Gymnasiasten mit einer schlimmen Leukämie, der nur noch sechs Monate zu leben hatte. Wir haben mit ihm und den Eltern gesprochen. Die Eltern hatten angesichts der Schmerzen und den miserablen Über­lebenschancen Verständnis für den Todeswunsch und eben­so die Vormundschaftsbehörde. Dieser Sterbehilfefall eines Minderjährigen ist der einzige bei Exit. Er hat sich vor über zehn Jahren zugetragen. Im Prinzip gibt es also Sterbehilfe für Junge. Dies allerdings nur bei erhöhter Sorgfalt. In kritischen Fällen konsultiert man auch den Kantonsarzt oder den Oberstaatsanwalt. Zu beiden haben wir einen ­guten Kontakt.

Eine Alterslimite gibt es nicht?

Nein. Das Durchschnittsalter steigt aber ständig: Von früher 70 Jahren auf heute 77.

Hat Exit auch Zutritt zu Spitälern und Heimen?

Man muss zwischen Spitälern und Pflegeheimen unterscheiden. Ein Pflegeheim gilt als privater Wohnsitz, wo Zutritt möglich ist. In der Regel sterben Leute mit Exit in ihren Privatwohnungen oder in ihren Privaträumen in Heimen. Mehr als die Hälfte der Krankenheime gewähren uns Zutritt. Wir sprechen mit den Heimleitungen und auch mit dem Personal. Dieses hilft aber nie mit. So vermeiden wir Gewissenskonflikte. Verweigert uns ein Heim den Zutritt, können wir Sterbezimmer in Zürich und Bern anbieten. Etwa einmal monatlich gibt es einen Transport.