Die Krähen vor dem Kantonsspital Aarau (KSA) machen Lärm und Dreck. Und sie vermehren sich. Doch das KSA will diese nicht einfach abschiessen oder Bäume fällen. Deshalb griff es zu einem unkonventionellen Mittel: Es engagierte eine Tierkommunikatorin, die mit den Krähen sprach. 

Die Reaktionen waren teilweise heftig. Ein reformierter Pfarrer aus einer Aarauer Nachbargemeinde schrieb in einem Mail an die az: «Wenn eine Tierkommunikatorin mit Saatkrähen spricht und erfährt, dass die Tiere hier seien, um im Spital negative Gedanken und Gefühle auszulösen, dann ist das Scharlatanerie in Reinkultur.» Und: «Dass Steuergelder und Krankenkassenprämien mit solchem Esoterik-Humbug vergeudet werden, ist ein Skandal.» Und SVP-Grossrat Jean-Pierre Gallati wetterte gegenüber Tele M1: «Das ist ein Oberwitz.» Das Spital würde die Vögel besser abschiessen lassen. Gleiches hat nun auch der Gemeinderat von Beinwil am See wegen einer Krähenplage am Hallwilersee vor. 

Sind die Krähen am Kantonsspital also unnütze Störenfriede, denen man am besten den Garaus machen sollte? Ein az-Leserbriefschreiber aus Niederlenz beleuchtet die vermeintliche Krähenplage von einem anderen Blickwinkel. «Ich will etwas zum Nachdenken geben», schreibt Heinz Steinmann. 

Seine Frau liege nach einem unverschuldeten Unfall im Jahr 2007 nun zum 28. Mal im Kantonsspital. Weitere Eingriffe seien nötig. Sie müssen teilweise monatelang im Spital bleiben. 

«Kraft und Hoffnung in schweren Stunden»

Und dann schreibt er Folgendes: «Bei all meinen Besuchen lernte ich viele Mitpatienten und deren Angehörige kennen. Ich stellte fest, dass die Krähen bei Patienten und Besuchern immer ein positives Thema waren. Man stelle sich vor: Wenn man über Monate im Spital ans Bett gebunden ist, die Stunden zu Tagen werden – da ist das muntere Treiben der Krähen eine willkommene Abwechslung. Man kennt plötzlich ihren Tagesablauf, weiss ganz genau, wann sie ausfliegen und wann sie wieder zum Übernachten zurückkommen.

Immer wenn es meiner Frau gar nicht gut ging und ich Stunden am Krankenbett verbrachte, sass ich nachher im Spitalareal auf einer Bank und schaute den Krähen zu. Ihr Treiben warf bei mir immer die Frage auf: Warum lebt diese Kolonie genau im Spital Aarau? Ist eben gerade dies ihre Aufgabe, den vielen Patienten und deren Angehörigen, so wie mir, in den schweren Stunden Kraft und Hoffnung zu geben? Wie kann man nur auf die unverständliche Idee kommen, die Krähen abzuschiessen? Ich wünsche niemandem etwas Schlechtes, nur so viel, dass solche Menschen einmal fünf Monate vom Spitalbett aus den Krähen zuschauen und zuhören dürfen! Lasst also die Tiere, wo sie sind! Es gibt grössere Probleme auf der Welt."

Damit bestätigt Heinz Steinmann die Worte von Andrea Rüegg, die Sprecherin des Kantonsspitals. Sie sagte: «Die Krähen haben eine Funktion. Die Vögel sind auf dem Spitalareal, weil hier sehr viele Emotionen und belastende Gedanken anfallen. Diese würden sie, so die Tierkommunikatorin, auflösen.»

Nichtsdestotrotz hat das Kantonsspital wegen der Krähen Klangelemente aufgehängt. Andrea Rüegg: «Damit versuchen wir den Krähen zu signalisieren: Wir haben euch verstanden. Jetzt müsst ihr nicht mehr so viel ‹arbeiten›, also krähen, und könnt weiterziehen.» (pz)

«Wir versuchen, ein sinnvolles Miteinander zu finden»: KSA-Sprecherin Andrea Rüegg über Vogelkot, Klangelemente und die interne Beschwerdestelle.