Der Verkehr auf dem Schienennetz läuft flüssig an diesem Tag im Raum Brugg. Es ist Mittwoch, ein Tag vor Auffahrt. Sascha Stoppa sitzt im Pausenraum der SBB Cargo in Lupfig beim Zvieri. Er hat schon seit dem Aufstehen starke Kopfschmerzen. Stoppa arbeitet in der Rangiersteuerung bei der SBB Cargo. Er koordiniert Gütertransporte und kontrolliert die Wagen, bevor sie losfahren.

Eine Schmerztablette nützt nichts gegen Stoppas Kopfweh. Die Kollegen schicken ihn nach Hause. Stoppa bleibt sitzen. «Zum Glück», wird er später sagen, «zu Hause hätte mich lange keiner gefunden.» Dann habe sich sein Kopf plötzlich angefühlt, als würde er von einem Lastwagen überrollt. Stoppa verliert das Bewusstsein. Er übergibt sich, erzählen die Kollegen später. Sie rufen die Ambulanz.

Auf dem Weg ins Kantonsspital Baden kommt der 43-jährige Vater zweier erwachsener Kinder wieder zu sich. Im Spital wird er «in die Röhre» geschoben. Der Computertomograf macht die Blutbahnen im Gehirn sichtbar.

Die Ärzte sehen ein grosses Aneurysma, eine Aussackung der Gefäss-wand von einem Zentimeter Durchmesser, direkt an der Spitze der Arteria basilaris. Diese Schlagader entsteht aus der Vereinigung von zwei Arterien im Hals. Es sind nicht die grössten beiden im Blutkreislauf des Gehirns, im Vergleich also nicht die Strecke Zürich–Mailand vom Transportvolumen her, aber eine wichtige Nebenstrecke. Die Arteria basilaris versorgt unter anderem das Kleinhirn, die Schaltzentrale der Motorik.

Doch nicht nur sie steht auf dem Spiel, sondern alles, falls das Aneurysma platzt.

Sascha Stoppa wird nach diesem Befund sofort ins Kantonsspital Aarau (KSA) überwiesen. Das Operationsteam der Neurochirurgie wird mitten in der Nacht aufgeboten. Doch als die Neuroradiologen die Hirngefässe mittels Katheterangiografie sichtbar machen, sehen sie: Aus dem Aneurysma führen zwei Blutgefässe weg. Sie könnten die Ausbuchtung der Arterie zwar vom Blutkreislauf abschneiden, indem sie von der Leistenarterie her mit einem Mikrokatheter winzige platinbeschichtete Metallspiralen in der Aussackung absetzen.

Gehirn im Querschnitt

Gehirn im Querschnitt

Doch so schneiden sie auch die beiden anderen Gefässe und somit die Blutzufuhr zu einem Teil des Gehirns ab. Die Ärzte sehen auch, dass das Aneurysma zwar geblutet hat, aber nur in die Gefässwand. Das verschafft ihnen Zeit. Sie blasen die Operation ab und planen neu.

Riskanter Eingriff

«Ich kann mich nicht an alles erinnern», sagt Stoppa, der unter starken Medikamenten stand. «Aber ich erinnere mich, dass die Ärzte sagten, sie würden die Operation auf Montag verschieben, weil es sich um eine spezielle handle.» Ein Eingriff, von dem er mit Lähmungen erwachen könnte. Oder gar nicht. «Ich versuchte, nicht daran zu denken», sagt Stoppa.

In früheren Jahren musste er manchmal Selbstmörder von den Gleisen wegtragen beziehungsweise das, was von ihnen übrig war. «Man lernt das Verdrängen», sagt er, «sodass es einen nicht berührt.» Die Gleise mussten wieder frei werden, damit der Bahn-verkehr rollen konnte.

In seinem Gehirn muss eine Stelle repariert werden, ohne dass die Blutzufuhr zu lange unterbrochen ist. Doch die Arteria basilaris liegt tief im Gehirn. Javier Fandino, Chefarzt der Neurochirurgie am KSA, weiss: Die Stelle unterhalb des Aneurysmas kann er von aussen her nicht unterbrechen. Er berät sich mit Luca Remonda, Chef der Neuroradiologie.

Luca Remonda (Vorsitzender der Neuroradiologie)

Luca Remonda (Vorsitzender der Neuroradiologie)

Die beiden Chefs der zwei verwandten Disziplinen arbeiten am KSA seit Jahren zusammen. Das ist keine Selbstverständlichkeit: Eher ist es der Fall, dass sich jener Arzt, der das Gehirn chirurgisch heilen will, und jener, welcher es mit Strahlung oder über Gefässe von aussen versucht, konkurrenzieren. Fandino und Remonda sehen das anders: «Wer behandelt, ist nicht wichtig. Vor uns liegt während der OP ein Mensch, der wieder aufwachen muss, ohne dass er Ausfälle hat.» Diese Vision verfolgen die beiden seit vier Jahren. Und kämpfen dafür. Sie konnten im KSA einen speziellen Hybrid-Operationssaal einrichten, in dem sie gleichzeitig arbeiten können. Neue Instrumente mussten entwickelt werden, ein spezieller OP-Tisch. Ein schweizweites Novum. Ein teures, aber eines, das sich lohne, sagt Fandino: «Wenn ein Mensch invalid ist nach einer Hirnblutung oder Hirnoperation, kostet das viel mehr.»

Javier Fandino (Chefarzt Neurochirurgie)

Javier Fandino (Chefarzt Neurochirurgie)

Erstmalig in Europa

In ganz Europa hat noch keiner versucht, was Javier Fandino und Luca Remonda vorhaben. Es gibt ein paar Berichte von ähnlichen Operationen aus Amerika, das ist alles. Und soweit bekannt, hat dieser Eingriff noch nie jemand an der Arteria basilaris gewagt.

Um die wegführenden Gefässe zu retten, gehen die beiden so vor: Remonda, der Neuroradiologe, führt durch die Arterie in der Leiste des Patienten einen Ballon ein. Nicht nur zum Herz, wie das bei verkalkten Herzarterien gemacht wird, um sie zu erweitern, sondern am Herz vorbei hinauf bis in den Kopf. Zu dieser Arteria basilaris, drei bis vier Millimeter schmal. Das geht tatsächlich? «Das geht», sagt Remonda, «da stehen viele Jahre Forschung und Ingenieurskunst dahinter.»

Am Montagmorgen nach dem Auffahrtswochenende sind alle bereit. Zwei Operationsteams, die in den letzten Jahren zusammen trainiert haben. Zwei Ärzte, die Hand in Hand arbeiten. Sascha Stoppa sagt: «Ich hoffte einfach, dass es gut kommt.»

Er hat in seinem Leben schon diverse Operationen erlebt, als er noch aktiv beim FC Brugg spielte: Zwei gerissene Bänder am linken Fuss, zweimal den Meniskus, zweimal das Kreuzband, gebrochene Kniescheibe, gerissenes Band an der Hand. Mit unangenehmer Regelmässigkeit musste er unters Messer.

Via Video hat er bei den Operationen jeweils zugeschaut. Die Leichen auf
den Gleisen haben ihn abgebrüht. Er sieht nur das Fleisch, wie die Chirurgen. «Ich hätte keine Probleme gehabt, auch die OP am Gehirn zu verfolgen», sagt er.

Aber das ist kein Kreuzbandriss. Im OP herrscht an diesem Morgen erhöhte Sterilität, die Luft wird speziell gefiltert, denn das Gehirn liegt offen. Fandino, der Neurochirurg, ist bereit. Er wartet, bis Remonda den Ballon exakt vor dem Aneurysma platziert. Dann hat er maximal zehn Minuten Zeit. Ist die Blutzufuhr der Arteria basilaris länger unterbrochen, wird das Gehirn geschädigt, auch wenn es mit Medikamenten auf der minimalsten Funktionsstufe gehalten wird und wenig Sauerstoff braucht.

Es gelingt: Als sich der winzige Ballon öffnet, erschlafft das Aneurysma. Fandino sieht die Gefässe besser. Ohne Remondas Ballon hätte er von oben her die pralle Ausbuchtung abklippen , die wegführenden Gefässe hätte er opfern müssen. Eine Verkehrsachse weniger im Blutnetz. Der Patient invalid, aber nicht tot. Immerhin.

Auf die Weise aber muss Fandino einzig die Aussackung wegklippen. Nun zeigt die Röntgenaufnahme der mit Kontrastmittel gefluteten Hirngefässe dort, wo das Aneurysma war, einen weissen Fleck.

Das Denken kommt langsam

Als Stoppa erwacht, fällt ihm das Denken schwer. Sein Schädel war während dreier Stunden offen, die Gehirnlappen auseinandergehalten. Stoppa bewegt den rechten Arm, dann den linken, dann die Beine. Es geht. Er denkt an seinen Arbeitskollegen, der zwei Wochen davor in seiner Wohnung gefunden wurde, auch wegen eines Aneurysma, sagt Stoppa. Jetzt ist er halbseitig gelähmt. «Zum Glück ist es bei mir auf der Arbeit passiert», sagt Stoppa. Dort, wo die Kollegen ihm halfen. Zum Glück wurde er ins KSA eingeliefert, wo sich Kollegen ebenfalls helfen.

Javier Fandino geht durch die verzweigten Flure im Spital zum Operationstrakt. Er kennt sich in vernetzter Arbeit aus: jener des Gehirns und jener im Spital. Er grüsst Ärztinnen, Operationssaal-Verantwortliche und die strenge Dame der OP-Leitstelle, welche die Ein- und Austritte der 14 Operationssäle überwacht. Fandino sagt: «Die Zeiten, wo der Chirurg auf einem Thron sass, sind längst vorbei. Stehen die Operationsteams nicht geschlossen und perfekt eingespielt hinter den Chirurgen, könnten wir solche Operationen nicht wagen.»

Sascha Stoppa wurde schon nach zwölf Tagen entlassen. Aber er ist noch müde und schläft viel. Sein Gehirn holt sich Erholung. Er hat sich vorgenommen, generell einen Gang zurückzuschalten und sich besser Sorge zu tragen. Das klappt nicht immer. In seiner Wohnung gab es vor einigen Tagen einen Heisswasser-Rohrbruch, er musste ein Zimmer leerräumen. Das strengte ihn an. Aber er nimmt den Rohrbruch gelassen. Es ist nur Wasser.