Pippo (alle Namen geändert) hat vier Beine, ist ein Mischling, 30 Kilo schwer und gut 50 Zentimeter hoch. Seine Chefin ist Conny, 48-jährig, dreifache Mutter, gelernte Tierarzt-Helferin und studierte Veterinär-Medizinerin. Als solche hat Conny seit ihrer Jugend mit Hunden zu tun. Nachdem der damals vierjährige Pippo 2016 als Familienhund bei ihr Einzug gehalten, hatte sie mit ihm umgehend einen Hundekurs besucht.

Es war November und hat geregnet, als Conny und eine Kollegin mit ihren Vierbeinern das Übungsgelände vorübergehend verliessen, damit die Zurückbleibenden mal in kleinerem Kreise trainieren konnten. Die beiden Frauen spazierten – ihre Hunde jeweils an ihrer linken Seite bei Fuss an der Leine führend -  auf einem recht schmalen Weg an einem eingezäunten Industriegelände vorbei, als plötzlich von hinten kommend ein Biker links an Conny vorbeifuhr. Pippo, offensichtlich erschrocken, schnappte zu, der Fahrer stürzte, der Ellbogen des 65-jährigen und das Bike waren lädiert. Toni war ausser sich, wetterte zornentbrannt, hatte keinerlei Gehör für Connys Entschuldigung.

Weder gesehen, noch gehört

Umgehend organisierten die beiden Frauen den Heimtransport von Bike und Mann. Der suchte zunächst eine Ärztin auf, die seinem Ellbogen «eine Rötung, einen 1 Zentimeter langen Kratzer sowie eine leichte Abschürfung» attestierte. Danach erstattete Toni Anzeige gegen Conny, die vom Staatsanwalt wegen fahrlässiger Körperverletzung vom Staatsanwalt einen Strafbefehl über 1100 Franken Geldstrafe bedingt und 200 Franken Busse zugestellt bekam. Conny akzeptierte das nicht und so sass sie gestern vor Einzelrichter Daniel Peyer.

Dessen Befragung von Conny ergab, dass diese Pippo an einer sehr kurzen Leine geführt hatte, dass weder sie noch die andere Hundehalterin den nahenden Biker gehört und naturgemäss schon gar nicht gesehen hatten und dass Toni sehr knapp an Pippo vorbeigefahren war. «Hätte der Biker sich bemerkbar gemacht, hätten wir selbstverständlich Platz gemacht. So aber wäre das Geschehene nicht einmal zu vermeiden gewesen, wenn ich Pippo direkt am Halsband gehalten hätte». Pippo sei ein ruhiger Hund, Typ Schweizer Senn, sagte Conny auf die entsprechende Frage von Richter Peyer. «Also gutmütig», fasste der zusammen.

Wars überhaupt Körperverletzung

Da Toni ein ärztliches Zeugnis eingeholt hatte, war automatisch das kantonale Veterinäramt eingeschaltet worden. Dieses hatte den Fall offensichtlich als nicht schwerwiegend eingestuft und weiter nichts unternommen. Den Schaden am Bike in Höhe von 812.15 Franken hat Connys Haftpflichtversicherung bezahlt. Über Tonis Forderung einer Genugtuung von 300 Franken musste der Richter entscheiden.

Conny hatte sich einen Anwalt genommen. Dessen, für einen Freispruch plädierende Praktikantin wies auf markante Widersprüche in den Aussagen hin, die Toni beim Staatsanwalt gemacht hatte. Sie   zweifelte auch daran, dass das, was Tonis Ellbogen widerfahren, juristisch überhaupt als Körperverletzung zu qualifizieren ist.

Daniel Peyer sprach Conny frei. «Dass man nach einem solchen Vorfall vorsichtshalber zum Arzt geht, kann ich nachvollziehen. Man kann sich aber tatsächlich fragen, ob es tatsächlich eine Körperverletzung war. Zudem war der Vorfall für die Beschuldigte weder vorhersehbar, noch vermeidbar. Effektiv waren, was auf den Fotos in den Unterlagen deutlich zu sehen ist, die Platzverhältnisse sehr beschränkt, und dass man einen Hund am Halsband spazieren führt, ist realitätsfremd».