Der Kosovare, der seine Frau in Riniken auf offener Strasse erschoss, muss wegen Mordes 20 Jahre hinter Gitter.

In seiner Urteilsbegründung sagte der Präsident des Bezirksgerichtes Brugg, dass Afrim M. seine Ehre über das Leben seiner Frau gestellt habe. «Er hat sich als Herr über Leben und Tod aufgespielt.» Die Staatsanwaltschaft hatte lebenslänglich und eine ordentliche Verwahrung gefordert. Strafmildernd wirkte sich die Persönlichkeitsstörung von Afrim M. aus.

In der Ehre verletzt

Der Prozess am Mittwoch am Bezirksgericht Brugg beginnt früh und endet spät.

Im dunklen Anzug erscheint Afrim M. im Gerichtssaal. Der 45-Jährige spricht schnell und mit hoher Stimme.

Präzise und wortgewandt erklärt der Kosovare, weshalb er das eigentliche Opfer in dieser Geschichte ist - das Opfer einer Frau, die sich von ihrem gewalttätigen Ehemann lossagen wollte.

Einer Ehefrau, die fähig war, für sich selber und ihre drei Kinder zu schauen - auch finanziell. Afrim M. aber fühlte sich in seiner Ehre als Familienoberhaupt verletzt.

Langes Vorstrafenregister

Geheiratet wurde 1991 im Kosovo. Noch in der Hochzeitsnacht soll Afrim M. seiner Ehefrau gedroht haben, sie zu töten, sollte sie ihn jemals betrügen. Das Paar lebte in der Schweiz hatte drei Kinder. Streit und Gewalt prägten die Ehe.

Das zeigt auch das Vorstrafenregister von Afrim M.: Vor Gericht sagte er, dass es ihm immer nur um die Kinder gegangen sei. «Die Frau war mir egal.»

Er sei stets bereit gewesen, an einen Tisch zu sitzen und einen Kompromiss zu suchen. Er sei gegen Gewalt. «Das ist ja schliesslich nicht der Wilde Westen hier.»

Spricht Afrim M. über seine Ehefrau, bezeichnet er sie als «diesen Menschen». Wie verdreht sein Weltbild ist, zeigt sich, als er von Momenten erzählt, in denen er den Streit hinter sich lassen wollte. Momente, in denen er Mitleid mit ihr hatte. Momente, in denen seine Frau ihre Fehler «irgendwie akzeptierte».

Nicht akzeptieren konnte Afrim M., dass sie ohne ihn leben wollte. Er kaufte sich eine Waffe, liess seine Ehefrau beschatten.

Zwei unterschiedliche Tatabläufe

Gegipfelt hat das 2009 in einer Tat, die seinen Kindern ihre Mutter nahm. Aus nächster Nähe erschoss Afrim M. seine Frau. Der Staatsanwalt schildert die Tat folgendermassen: Afrim M. habe seiner Ehefrau aufgelauert.

Er habe ohne ein Wort mit ihr zu wechseln aus nächster Nähe vier Schüsse auf sie abgefeuert. Als sie am Boden lag, habe er über ihr gestanden und nochmals abgedrückt. Dann sei er in ein Albanerlokal geflüchtet und habe dort eine Runde ausgegeben. «Es war eine öffentliche Exekution», sagte der Staatsanwalt.

Afrim M.s Version der Tat ist eine andere. Er habe seine Frau zufällig an der Bushaltestelle gesehen, habe mit ihr sprechen wollen.

Sie habe ihn beleidigt und gedroht, ihn verhaften zu lassen. «Was geschah dann», will der Gerichtspräsident wissen. Afrim M. sagt: «Ich kann das nicht erklären. Ich konnte nicht mehr klar denken.»

Erschreckend sind die Telefongespräche, die der Staatsanwalt in seinem Plädoyer wiedergibt.

Es sind Aufzeichnungen von Gesprächen, die Afrim M. zwischen Tat und Verhaftung am Abend führte: «Ich bin jetzt ruhig und erlöst. Mir ging es nie besser. So sauber wie jetzt war ich noch nie.» Er habe seine Ehefrau «total durchsiebt». Die Ehre der Familie sei grösser als alles andere, sagt er.

Bei seiner Mutter bedankte er sich, dass sie ihn «zu einem Mann und nicht zu einem Schwächling» erzogen habe. Seine Frau habe sein Blut befleckt. Eine andere Lösung als die Tötung habe es nicht gegeben, das sagte er damals am Telefon immer wieder.

Bevor sich das Gericht zur Urteilsverkündung zurückzieht, sagt Afrim M., dass er die Tat bereue. «Es tut mir weh, meine Kinder leiden zu sehen.» Aber er werde für seine Tat geradestehen. Das Urteil nimmt er denn auch teilnahmslos entgegen.