Mit der schwindenden Sonnenwärme werden im Winter auch die Gebrechen wieder deutlicher spürbar. Die Müdigkeit hängt in den Knochen, selbst junge Leute sind in dieser Zeit oft weniger belastbar. Viele ältere Menschen spüren dann ihr Alter noch deutlicher – und vielen fällt es schwer, das zu akzeptieren. Hat nicht jeder ein Grosi oder einen Nachbarn, die oder der sich vehement gegen den Rollator, den Gehstock oder auch nur gegen eine Brille wehrt? «Dann denken die Leute doch, ich sei alt!» Dieser Satz einer 84-jährigen Frau fasst das Problem sehr anschaulich zusammen.

Gerhard Moser (Name geändert) ist 68 Jahre alt, spielt noch zweimal wöchentlich in einer Sportmannschaft mit, wo nicht nur Senioren sich anstrengen, und ist auch sonst ein sehr aktiver Pensionär. Ursprünglich kommt er aus Deutschland, wohnt aber schon seit beinahe zwei Jahrzehnten im Freiamt. Als er im Alter von etwa 60 Jahren bemerkte, dass sein Gehör immer schlechter wurde, gab er anfangs der Sprache die Schuld: «In Deutschland verstand ich von drei Worten sicher zwei, den Rest konnte ich mir zusammenreimen. Also war ich überzeugt, dass mein schlechtes Hören von meinem schlechten Verständnis fürs Schweizerdeutsch kommt.» Doch damals war er schon seit über zehn Jahren mit seiner Frau zusammen, die ebenfalls Schweizerdeutsch spricht. «Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass es wohl doch mein Gehör ist», erinnert er sich.

Hörtest aus Solidarität

Als seine Frau einen Hörtest machen ging, überredete sie ihn, ihr zuliebe mitzukommen. «Jaja, ihr wurde ein einwandfreies Gehör attestiert, aber ich hatte dann die Probleme», erinnert er sich scherzhaft. Er war sein Leben lang Lehrer, auch für Sport. «Da ist man halt ständig Lärmbelastungen von Bällen oder Ähnlichem in der Turnhalle ausgesetzt. Ich könnte mir vorstellen, dass meine Beschwerden daher kommen. Aber auch meinen Grossvater kannte ich nur als fast blinden und beinahe tauben alten Mann, allerdings war er damals schon 80. Ich kann also nicht sagen, ob ich erblich vorbelastet bin.»

So oder so, er liess Abklärungen durchführen und sich vor etwa fünf Jahren endlich dazu überreden, sich Hörgeräte anpassen zu lassen. «Aber ich vertrage das einfach nicht, wenn etwas in meinem Ohr steckt, ich will es ständig rauspulen.» Am Ende kaufte er sich für gut 6000 Franken zwei relativ kleine, unauffällige Hörgeräte in der mittleren Preislage. Auch die waren ihm aber sehr unangenehm. Die Folge: Er zieht sie so gut wie nie an. Doch das ist eine ganz schlechte Idee bei Schwerhörigkeit (siehe Interview). «Ich weiss ja, dass ich sie tragen und mich daran gewöhnen sollte, ja. Ich weiss, dass es immer schlimmer wird, je länger ich warte. Aber …»

Für jede Situation eine Ausrede

Gerhard Moser hat immer irgendwelche Ausreden parat, um seine Hörgeräte nicht tragen zu müssen. «Wenn ich alleine daheim bin, bringt es ja nichts, und Radio hören muss ich ja auch nicht unbedingt. Im Garten ist es doch auch blöd, da könnten sie schmutzig werden. Beim Sport könnten sie allenfalls sogar zu Bruch gehen. Und ich war ja sowieso schon immer eher ein Einzelgänger, ich muss nicht unbedingt nach dem Training noch in eine Beiz», zählt er auf und bemerkt erst zum Schluss, wie sich all diese Sätze zu einem Bild des Ausweichens zusammenfügen.

Viele Menschen, die wie Moser ständig solche Ausflüchte finden, reden am Ende mit gar niemandem mehr und vereinsamen. All das weiss der 68-Jährige genau. «Aber ich bin eben stur», sagt er schulterzuckend. Doch langsam beginnt auch bei ihm das Umdenken beziehungsweise Akzeptieren einzusetzen. «Ein guter Freund hat mir letzthin von seiner eigenen Schwerhörigkeit erzählt. Das hat mir sehr geholfen, denn er versteht mich. Alle anderen kennen das Problem ja nicht, die Spezialisten hören alle hervorragend.» Dieser Freund habe ihm gesagt, er müsse die Hörgeräte dringend immer in den Ohren lassen, selbst wenn es vier Wochen oder mehr dauere, bis er sich daran gewöhnt habe. Moser weiss: «Bei Brillen haben Leute mit Sehschwäche sofort ein positives Erlebnis, weil sie sofort besser sehen. Bei Hörgeräten leider nicht, da muss man erst tage- oder wochenlang leiden, bis sich das Ohr, aber auch der Kopf an die neuen Geräuscherfahrungen gewöhnt haben.»

Panik als Antrieb

Neben dem guten Zureden seines Freundes gibt es einen Antrieb, der vielleicht dazu führen könnte, dass Gerhard Moser seine Hörgeräte endlich richtig zu tragen beginnt: Panik. «Wenn man immer schlechter hört, beginnt man irgendwann, in Gesprächen eher zu schweigen. Doch das fällt manchmal eben auch negativ auf. Wenn man aber glaubt, etwas verstanden zu haben, eine Antwort gibt und dann erst merkt, dass man etwas vollkommen Falsches gesagt hat, ist das nicht nur für einen selber, sondern auch für seine Frau und die anderen Gesprächspartner unglaublich peinlich. Das ist das Schlimmste, was passieren kann.» Allein, um diese Situation vermeiden zu können, denkt er, «dass ich mich jetzt doch endlich mit den verflixten Dingern anfreunden sollte».