Es war ein schwieriges Jahr für die reformierte Kirchgemeinde Frick und für Pfarrer Johannes Siebenmann. Nachdem der von der Landeskirche eingesetzte Kurator, Markus Fricker, Siebenmann im Juni nicht zur Wiederwahl vorgeschlagen hatte, trat dieser im September trotzdem zur Wahl an. Es folgte eine harte und emotional geführte Auseinandersetzung zwischen Siebenmann-Unterstützern und -Kritikern.

Die Kirchgemeinde, so schien es zumindest von aussen, drohte am Zwist auseinanderzubrechen. Siebenmann, so befürchteten einige, drohte ebenfalls zu zerbrechen.

Das Verdikt bei den Wahlen im September war deutlich: 145 Kirchgemeindemitglieder wollten Siebenmann als Pfarrer behalten, 581 sprachen sich gegen eine zweite, vierjährige Amtszeit aus. Damit endet sein Wirken als Pfarrer in Frick Ende Jahr.

Zutiefst betrübt: Umstrittener Pfarrer Siebenmann nicht wiedergewählt

Das Interview am Tag der Nichtwahl: Ein betrübter Pfarrer Siebenmann

Weil er zu langweilig predigen und sein Amt nicht erfüllen soll, hat sich die Gemeinde Frick gegen Johannes Siebenmann entschieden.

Die Frage, die viele Beobachter nach dem Wahltag stellten, war eine dreiteilige: Wie geht es nun weiter – für die Kirchgemeinde, für Siebenmann? Bleiben Narben zurück? Wie gehen die Protagonisten auseinander? Die Frage, wie es bei der Kirchgemeinde weitergeht, beantwortete Kurator Markus Fricker bereits nach dem Wahltag im September. Mit einer Zukunftswerkstatt will er in den nächsten Monaten zusammen mit Kirchgemeindemitgliedern die Basis für die Zukunft legen.

Anstand und Achtung

Zeitsprung. Am letzten Sonntag hielt Siebenmann in Frick seinen Abschiedsgottesdienst. Und dieser beantwortete die Frage, wie die Kirchgemeinde und ihr Pfarrer auseinandergehen, ebenso klar wie eindrücklich: in gegenseitigem Respekt. Es gehe nicht darum, Gräben schönzureden, sagt Siebenmann Tage darauf beim Besuch der AZ. «Aber es gelang am Sonntag das, wofür Kirche steht, zu leben: Anstand und Achtung.»

Dieses Aufeinander-Zugehen vor dem Auseinander-Gehen erlebten am Sonntag auch Menschen, die ihn nicht wiedergewählt haben. Sie sprachen von Achtung vor der Professionalität, mit der Siebenmann die Abwahl trage. Sie sprachen von einer eindrücklichen Predigt. Sie sprachen von Fehlern, die auf beiden Seiten passiert sind.

Siebenmann blickt aus dem Fenster im Esszimmer des Pfarrhauses in Gipf-Oberfrick, das er noch bis Ende April bewohnt. Draussen ziehen Nebelschwaden vorbei. Es sei für ihn ein schwieriger Gottesdienst gewesen, erzählt er dann. Bisweilen wurde er von den Gefühlen übermannt, was die Gläubigen mit einem Applaus überbrückt haben. Ein schöneres Zeichen der Wertschätzung gibt es nicht. Ja, er gehe ausgesöhnt, sagt Siebenmann, überlegt kurz, fügt an: «Jeder kann nun seinen Weg weitergehen. Das ist wichtig.»

Er betreut die Konfirmanden

Wohin ihn sein Weg führen wird, weiss der 58-Jährige nicht. Er werde die Laufbahnberatung, die ihm die Kirchgemeinde offeriert habe, in Anspruch nehmen, müsse sich neu orientieren, werde nun erst einmal eine Auslegeordnung vornehmen.

Eine erste Aufgabe hat er bereits erhalten: Er wird die jungen Menschen aus seinem Pfarrkreis zur Konfirmation im April begleiten. Eltern waren an Kurator Markus Fricker herangetreten mit dem Wunsch, dass Siebenmann ihre Kinder noch auf diesem Weg begleiten darf. Fricker willigte ein und gab Siebenmann einen der beiden Konfirmationsgottesdienste. Nachdem sich dann aber 19 der 21 Konfirmanden für diesen Termin angemeldet hatten und sich auch die anderen beiden nicht gegen Siebenmann aussprachen, wird er nun alle 21 Jugendlichen im April konfirmieren.

Man spürt im Gespräch, dass ihm dieses Zeichen guttut, dass ihm dieses Zu-Ende-Führen wichtig ist. Gerade auch, weil es um die Jugend geht, um die Zukunft der Kirchen also, eine Zukunft, die ihm immer wichtig war – und zu der er stets einen Draht fand. Anders als zu einem Teil der rund 50-köpfigen Kerngemeinde der Pfarrei.

Nicht für alle der Richtige

«Ja», räumt er beim Gespräch ein, «für einen Teil der Gemeinde bin ich als Pfarrer gescheitert.» Das tue ihm auch leid. Er stockt kurz, überlegt, sagt dann: «Es hat etwas Gespaltenes an sich: Bei einem Grossteil der Jugendlichen haben sich mir Türen geöffnet, bei einem Teil der Kerngemeinde gingen sie dagegen zu.» Er hätte sich gewünscht, dass man schon vor vier Jahren die Zukunftswerkstatt, die es nun gibt, durchgeführt hätte. «Vielleicht wäre es dann anders gekommen.» Vielleicht.

Anders, davon ist Siebenmann fest überzeugt, anders als heute muss man auf die Jugend zugehen, soll sie wirklich die Zukunft werden. «Wir können die Jugendlichen nicht mit den bestehenden Gefässen abholen», sagt er. Es brauche etwas anderes. Andere Musik, eine andere Sprache, vielleicht auch eine andere Location. Wie genau dieses Andere, dieses Neue aussieht, kann Siebenmann nicht sagen. «Das ist ein Prozess. Zentral dabei ist, dass die Jugendlichen merken, dass es um sie geht.»

Wieder verstummt er kurz, überlegt, rückt die Brille zurecht. In der Bibel sei mehrfach vom Tempel die Rede, sagt er dann. «Für mich ist Kirche-Sein heute noch zu oft ein Tempel aus Stein. Er muss aber zum lebendigen Tempel werden, wie es in der Bibel selber steht, sonst geht er unter.» Es gebe Leute, die warten auf einen dritten Tempel aus Stein. «Sie warten vergebens», ist Siebenmann überzeugt.

Dass er nicht für alle der Tempelvorsteher war, um in diesem Bild zu bleiben, ist sich Siebenmann bewusst. Er habe versucht, ein guter Pfarrer für möglichst viele zu sein. Dass ihm dabei auch Fehler unterlaufen sind, gibt er unumwunden zu.

Auch einen Satz wie: «Gott hat mir eine Türe nach Frick geöffnet» würde er heute nicht mehr so sagen. Das sei missverstanden worden und das tue ihm leid. Denn einige hatten das Gefühl, dass er sich so einfach der Kritik entziehe. Andere fühlten sich vor den Kopf gestossen, «weil sie durch die Aussage das Gefühl bekamen, sie wären falsch vor Gott, wenn sie mit mir als Pfarrer nichts anfangen konnten».

Versucht, professionell zu bleiben

Siebenmann sitzt am Esstisch, überlegt sich gut, was er sagt, reflektiert, lächelt immer wieder. Es gehe ihm ganz gut, sagt er – und man glaubt es ihm. Er wirkt in sich ruhend, ausgesöhnt, befreit auch irgendwie. Es seien schwierige Monate gewesen, sagt er offen, und manch einer habe ihn auch gefragt, wie er das durchstehe. Siebenmann zuckt mit den Schultern. «Ich habe versucht, immer professionell zu bleiben.» Dazu gehört auch die Fähigkeit, zwischen Person und Amt abstrahieren zu können, die Anschuldigungen, die zum Teil überaus harsch formuliert wurden, aus einer Distanz zum eigenen Ich zu betrachten.

Er gehe mit gutem Gewissen, sagt Siebenmann. Und in Frieden. «Das gehört für mich zur Professionalität.» Das heisse aber nicht, betont er nochmals, dass nun einfach alles, was geschehen sei, vergessen sei. «Aber beide, Kirchgemeinde und ich, müssen nun vorwärtsgehen.»

Siebenmann sitzt am Esstisch, die Hände gefaltet, spricht vom Morgen lieber als vom Gestern, spricht von der Jugendarbeit, die ihm so viel bedeutet, spricht vom Abschiedsgottesdienst, der ihm «gutgetan» hat. Groll schwingt in seiner Stimme keiner mit, Bitterkeit ebenfalls nicht. Die Verletzungen allerdings, die in den letzten Monaten entstanden sind, sind noch nicht verheilt. Das flackert zwischendurch immer wieder durch. Innerlich könne er befreit weitergehen, sagt er, in der Überzeugung, «dass ich den Ansprüchen, die ich an mich stellte, immer gerecht wurde».

Der Weg wäre schwierig gewesen

Er schaut zur Wand, wo die Weihnachtsdekoration hängt, wo der gute Hirte auf dem Regal steht. «Wissen Sie», sagt er dann. «Es ist vielleicht ganz gut, dass es so gekommen ist. Denn der Weg gemeinsam weiter wäre nach all dem, was vorgefallen ist, ein schwieriger gewesen.»

Eines ist Siebenmann wichtig: danke zu sagen. «Ich bin all jenen Menschen dankbar, die mich auf diesem Weg begleitet haben, die mich im Gebet getragen haben.» Das habe ihm geholfen. «Und das hat mich auch getragen.» Gerade durch jene Momente, «die man kaum aushält». Nochmals, das gibt Siebenmann unumwunden zu, möchte er einen solchen Weg nicht gehen. «Dann wüsste ich ja, was auf mich zukommt. Und das tut man sich nicht freiwillig an.»

Der Weg geht Ende Jahr für ihn als Pfarrer in Frick zu Ende. Doch der Weg geht weiter. Für Siebenmann. Für die Kirchgemeinde. In eine je gute Zukunft, bleibt zu hoffen.