Der kleine Nils träumte von Grossem. Vom Weltall. Fernen Planeten. Raumschiffen. Davon, als Astronaut die Welt als Ganzes zu sehen. Es kam anders. Nils Melzer ist heute 46 Jahre alt und der erste UN-Sonderberichterstatter, den die Schweiz nach dem Ausscheiden von Jean Ziegler vor acht Jahren stellt.

Erinnerung an den Rhein

Damit hat der neue UN-Sonderberichterstatter auch Wurzeln im Fricktal. Denn: Melzer ist zwar in Zürich aufgewachsen. Seine Grosseltern aber wohnten in Laufenburg. Und so verbrachte er als Kind viele Wochenenden und Ferien im Städtchen. Er erinnert sich daran, wie er bei der Renovation des Altstadthauses der Familie den Umgang mit Hammer, Nägeln und Schraubenzieher lernte. Sein Vater ist nach wie vor im Besitz des Hauses am Rhein.«Heute bin ich beruflich und familiär so ausgelastet, dass ich nur noch selten die Zeit finde, das Fricktal zu besuchen», sagt Melzer. Mit seiner Frau und den beiden Töchtern wohnt er in Evilard (BE) «mit wunderschönem Ausblick über die Alpen und das Mittelland», schwärmt Melzer. Trotzdem vermisst er etwas aus dem Fricktal: «den Geruch des Rheins an einem warmen Sommerabend, sein träges und doch stetig unaufhaltsames Vorbeigleiten und die damit verbundene innere Ruhe und Besinnlichkeit.»

Plötzlich im Rampenlicht

Melzer hat an der Universität in Zürich Recht studiert. Er war zwei Jahre lang sicherheitspolitischer Berater des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, arbeitete zwölf Jahre als Rechtsberater des Internationalen Roten Kreuzes. Während dieser Zeit war er in Kriegsgebieten im Balkan und dem Nahen Osten, aber auch in Kolumbien tätig. Aktuell doziert er an der Uni Genf.

Im November tritt Nils Melzer sein neues Amt als Sonderberichterstatter für Folter an. Damit steht er auf einmal im weltweiten Rampenlicht. «Nach der Ernennung wird man praktisch über Nacht zur öffentlichen Person», sagt er. Zwar gäbe es bereits unzählige Organisationen, die seit Jahrzehnten gegen Folter ankämpfen, aber: «Der UN-Sonderberichterstatter als Individuum ist viel mehr exponiert. Plötzlich bin ich weltweit zum Gesicht und zur Ansprechperson geworden für den Kampf gegen die Folter – eine Rolle, in die ich nun werde hineinwachsen müssen.»

Gross ist also die Aufmerksamkeit, mindestens so gross die Verantwortung. Entsprechend geht Melzer die Herausforderung des neuen Amts mit Respekt an. Aber auch mit Ehre, Hoffnung und Gottvertrauen. «Die Verantwortung ist enorm, und doch muss man bescheiden bleiben und sowohl die eigenen Grenzen wie auch die politische Realität anerkennen», sagt Melzer. «Sonderberichterstatter sind keine Superhelden, welche die Welt im Alleingang vom Bösen erretten können.»

Einen Beitrag leisten

Nils Melzer ist der Überzeugung, dass er mit viel Ausdauer, Fingerspitzengefühl und der richtigen Dosis Kompromisslosigkeit zur richtigen Zeit einen wichtigen Beitrag leisten kann. Einen Beitrag zur Verhinderung von Folter und anderen Formen unmenschlicher Behandlung oder Bestrafung. «In meinen Augen ist dies bereits ein sehr hohes und würdiges Ziel.»

Astronaut ist er nicht geworden. Den Blick für die ganze Welt muss Nils Melzer trotzdem haben. «Der erste Meilenstein in meiner Karriere war, mir einzugestehen, dass mich die technische und wissenschaftliche Seite des Astronautenberufs gar nicht interessierte. Bei meinem Wunschtraum ging es in Wirklichkeit darum, die Welt und ihre politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Systeme als Ganzes zu betrachten und zu verstehen.»