Der «Rhystärn» steht in Rheinfelden derzeit unter keinem guten Stern: Das neue Flaggschiff der Basler Personenschifffahrt AG (BPG) kann im Zähringerstädtchen aktuell nicht anlegen, weil der Wasserstand des Rheins zu tief ist. Es fehlen rund 30 bis 40 Zentimeter Wassertiefe. Damit beginnt für Rheinfelden die neue Schiffsaison – die BPG nahm den Betrieb an Ostern auf – wie die alte geendet hatte: schifflos. Seit August 2018 konnte im Zähringerstädtchen wegen des tiefen Wasserstandes kein Schiff mehr anlegen.

Dies will Rheinfelden ändern und sicherstellen, dass das Städtchen auch bei niedrigerem Wasserstand angefahren werden kann – so wie die anderen Haltestellen zwischen Basel und Rheinfelden. Deshalb lässt die Stadt den Rheingrund bei der Anlegestelle rund 80 Zentimeter abtragen – oder besser: will ihn abtragen lassen. Denn die Arbeiten können erst nach Ablauf der Schonzeit für kieslaichende Fische, also ab Juli, ausgeführt werden.

Das war anders geplant; eigentlich wollte die Stadt den Rhein noch im April ausbaggern, da sie davon ausging, dass die Schonzeit nur für Mai und Juni gilt. Als der Kanton ihr mit der fischereirechtlichen Bewilligung im April eröffnete, dass die Arbeiten zwischen Dezember und Juni ruhen müssen, suchte man das Gespräch, um eine Lösung zu finden.

Diese kam nicht zustande, wie Stadtschreiber Roger Erdin der AZ auf Anfrage bestätigte. «Nach den Gesprächen und weiteren Abklärungen werden die Rheinaustiefungsarbeiten nun um rund zwei Monate auf den Juli verschoben», so Erdin. «Die mögliche Ausgleichsmassnahme im Umfang von rund 70'000 Franken war für uns keine tragbare Lösung.» Vor Juli kann also nicht gebaggert werden. «Wir müssen uns halt gedulden», sagt Peter Stalder, Geschäftsführer der BPG, dazu. «Das Gesamtprojekt ist auf die nächsten Jahrzehnte ausgelegt und darauf gilt momentan das Augenmerk.» Die Gäste verstünden die Fahrt mit dem «Rhystärn» ohnehin nicht als Transportfahrt von A nach B, «sondern als gesamtheitliches, tolles Erlebnis auf dem Rhein, abgerundet mit einem vielfältigen und regionalen Gastronomieangebot, welches auch ohne Halt in Rheinfelden genossen werden kann». Stalder ist sich sicher: «Die Gäste verstehen die ausserordentliche Situation, dass, wenn der grosse Regen im Moment ausbleibt, kein An- und Ablegen in Rheinfelden möglich sein wird.»

Umsatz hängt von Touristen ab

Der «Rhystärn» kann also Rheinfelden bis auf weiteres nicht anlaufen, denn ob der Regen der nächsten Tage reicht, um den Flusspegel um rund 40 Zentimeter steigen zu lassen, darf bezweifelt werden. Das sind für das Gewerbe in der Altstadt keine guten Nachrichten. Gerade Souvenirshops leben stark von den (Schiffs-) Touristen. Einer, den das Ausbleiben der Touristen besonders hart trifft, ist Claudio Meier. Er führt in der Marktgasse den Geschenkladen «Cameleon». «Das sind gar keine guten Neuigkeiten», sagt er. «Ich lebe zu einem guten Teil von den Touristen.» Auf sie hat er ein Grossteil seines Sortiments ausgerichtet. «Bleiben die Touristen weg, bleibt der Umsatz weg», sagt er. Die zweite Hälfte der letzten Saison, als keine Schiffe mehr anlegen konnten, habe er in der Kasse gespürt – «und dass es nun so weitergeht, ist verheerend». Das löst bei ihm auch Ängste aus.
Claudio Meier stört aber noch etwas anderes: Bislang fuhr das Schiff ausser montags täglich nach Rheinfelden; ab dieser Saison kommt es nur noch dreimal, nämlich am Dienstag, Donnerstag und Samstag. «Für uns Gewerbetreibenden ist das ein herber Schlag», sagt Meier, der nicht verhehlen kann, was er davon hält: nichts. «Gerade der Sonntag war für mich ein extrem wichtiger Verkaufstag», sagt er. Denn da seien immer besonders viele Touristen mit dem Schiff nach Rheinfelden gekommen – viele in sonntäglicher Shoppinglaune. «Man musste nicht auf die Uhr sehen; sobald Leben in die Marktgasse kam, wusste man: Es ist kurz nach 14 Uhr, das Schiff hat angelegt.» Dieses Leben bleibt nun sonntags aus.

Auch Richard Graf, Inhaber der Confiserie Graf, wurde von der Ankündigung der BPG, dass das Schiff nur noch dreimal nach Rheinfelden fährt, überrascht. «Dass es Veränderungen im Fahrplan gibt, wusste in der Stadt niemand.» Für ihn persönlich sei die Reduktion «keine Katastrophe», sagt er, aber für das Städtchen «ist es gar nicht gut». Denn damit werde das Städtchen doch deutlich weniger besucht. Und Rheinfelden hat ohnehin Mühe, die Flanier- und Einkaufsmeile in der Marktgasse am Leben zu erhalten; seit längerem stehen mehrere Läden leer.

Schiff kam bis zu dreimal pro Tag

Graf erinnert sich noch gut an seine Kindheit zurück, als das Schiff täglich in Rheinfelden anlegte, am Samstag sogar zwei- und am Sonntag dreimal. «Das war für das Gewerbe ein Highlight.» Damals waren die Schiffstouristen auch für die Cafés und Restaurants zentral, denn viele Passagiere suchten schnurstracks eine Gaststätte auf, um zu essen oder ein Dessert zu geniessen. «Heute kommen viele schon verpflegt in Rheinfelden an», sagt Graf.
Auch er versteht nicht, weshalb die BPG den Sonntag fallenliess. «So viele Touristen kommen sonst an keinem Wochentag.» Er hofft, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist und dass man über die Tage, an denen das Schiff kommt, reden kann.
Für die Änderungen im Angebot – oder aus Rheinfelder Sicht: für die Reduktion des Angebotes macht Peter Stalder betriebliche und touristische Gründe verantwortlich. «Heute wollen die Menschen kurzfristige Angebote nutzen, die nicht lange dauern, viel Spass und Erlebnis versprechen und nicht zu teuer sind», sagt er. Eine Fahrt von Basel nach Rheinfelden und zurück dauert fast fünf Stunden. Dieses Bedürfnis decke man mit den neuen Rundfahrten «optimal ab». Dabei seien die neuen, kürzeren Rundfahrten «ein wichtiger Angebotsteil». Die BPG wolle das neue Schiff «Rhystärn» in Basel und in der Schleusenfahrt nach Rheinfelden einsetzen, «allerdings einigermassen fair verteilt». Stalder zieht nach dem Startwochenende ein positives erstes Fazit: «Die Ostertage und die Feedbacks der Gäste haben gezeigt, dass das neue Angebot sehr positiv aufgenommen wird.»

Bereits bei Bekanntwerden der Fahrplanstraffung im März zeigte der Geschäftsführer Verständnis für den Unmut des Gewerbes über die Angebotsstraffung – gerade auch mit Blick darauf, dass diese just in dem Jahr erfolgt, in dem die Stadt knapp eine Million Franken in die Erneuerung des Anlegestegs butterte. Er sagte damals, er gehe aber davon aus, dass in Rheinfelden trotz weniger Kurse ähnlich viele Touristen wie in den letzten Jahren, also um die 25'000, ein- und aussteigen werden. Dies, weil der «Rhystärn» mit seinen rund 600 Plätzen deutlich mehr Kapazität habe als die bisherigen Schiffe.

Richard Graf ist skeptisch, ob dies gelingt. Die Schiffe seien bislang – ausser sonntags – kaum je voll besetzt gewesen, als sie in Rheinfelden ankamen. Seine Confiserie liegt unmittelbar bei der Schiffsanlegestelle. Er lasse sich aber gerne überraschen. Graf warnt jedoch davor, alle touristische Hoffnung auf die Schifffahrt zu setzen. «Die Schiffe fahren dann, wenn sie Ertrag bringen», sagt er. Für Rheinfelden sei es deshalb wichtig, sich andere Kunden- respektive Tourismussegmente zu erschliessen. Damit der touristische Stern nicht im Rhein versinkt.