«Wollen Sie die Hunde sehen?», fragt der Beschuldigte. «Sie warten unten im Auto.» Gerichtspräsidentin Regula Lützelschwab lehnt dankend ab. Die Präsenz der Hunde ist während der Verhandlung nicht erforderlich.

Die beiden schwarzen Mischlingshunde heissen Hänsel und Gretel. Und während sie also auf dem Parkplatz im Auto warten, erklärt der Beschuldigte, was an jenem 23. August 2017 vor der Apotheke in Magden genau geschah, warum ihn daran keinerlei Schuld trifft und darum der Strafbefehl samt Busse ungerechtfertigt sei.

Das war so: Um 10.30 Uhr betrat er die Apotheke. Hänsel und Gretel hatte er draussen am Hundehaken angebunden. Als sich eine Frau mit ihrem Hund näherte, gelang es Gretel, sich loszureissen. Sie stürmte auf den kleineren Hund zu und biss diesen in den Rumpf. Zudem trat Gretel der Frau auch noch auf den Fuss.

Der kleine Hund musste darauf mit einer offenen Bissverletzung in einer Kleintierklinik behandelt werden, die Frau liess ihre Schürfwunde von einem Arzt behandeln. Der gesprächige Hundehalter einigte sich sofort mit der am Fuss verletzten Hundehalterin; er übernahm die Arztkosten für Frau und Hund. Und er dachte, damit sei die Sache wohl erledigt.

Hundehaken und Auszugsleine

Doch das war sie eben überhaupt nicht. Ein paar Monate später flatterte dem Beschuldigten ein Strafbefehl ins Haus. Er habe seinen Hund ungenügend beaufsichtigt und sei damit seinen Pflichten als Hundehalter nicht nachgekommen, lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Denn, so der Vorwurf, der Beschuldigte habe zwar Hänsel und Gretel am Hundehaken mit Auszugsleine angebunden. Aber er habe dabei offensichtlich die Auszugsfunktion nicht ordnungsgemäss blockiert. Was zur Folge hatte, dass Gretel losrennen, über den kleinen Hund herfallen und diesen in den Rumpf beissen konnte.

Das stimme überhaupt nicht, erklärt der Beschuldigte vor Gericht. Deshalb habe er den Strafbefehl auch angefochten. Seine Version der Geschichte geht anders: Er habe die Leinen von Hänsel und Gretel vor der Apotheke an der Haltevorrichtung vorschriftsmässig eingeklinkt; die Auszugsfunktion sei ordnungsgemäss blockiert gewesen.

Aber offensichtlich sei die an der Hauswand befestigte Vorrichtung defekt gewesen, sodass sich Gretel habe befreien können. Dafür könne man ihn nicht verantwortlich machen. Er habe schon in diversen Ländern auf der ganzen Welt gearbeitet und habe dabei viel erlebt, aber ein solcher Strafbefehl sei ihm tatsächlich noch nie untergekommen.

Das Gericht hält die Ausführungen des Beschuldigten für plausibel, hält aber auch fest, dass die Unklarheiten im Sachverhalt sich wohl nicht klären lassen, und spricht den Hundehalter schliesslich frei. Der bedankt sich beim Gericht, auch im Namen seiner nicht anwesenden Frau.

Beim Verlassen des Gerichtsgebäudes wendet sich der Freigesprochene an den Journalisten und fragt. «Wollen Sie die Hunde sehen?»