An den Anruf erinnert er sich noch genau. Ende März 2009 klingelt bei Heinz Kaiser zu Hause, in Frick, das Telefon. Am anderen Ende ist Beat Kraushaar, damals Reporter beim «SonntagsBlick». Die beiden kennen sich gut, Kraushaar hat schon einige Male über Kaiser geschrieben. Über den Mann, der als «DJ Tscheisi» im legendären «Hammer» in Olten auflegte, den Mann, der sich in der Karate-Szene einen Namen machte, und vor allem über den Mann, der unerschrocken Neonazis jagte und dabei sein eigenes Leben riskierte.

Er habe einen Auftrag für ihn, sagt Kraushaar. Ein Undercover-Einsatz, sehr heikel.

Heikle Missionen sind Kaisers Ding – und so hat ihn Kraushaar bereits in der Tasche. Um was es gehe, will Kaiser wissen. Um Christoph Meili, antwortet Kraushaar. Dieser will nach elf Jahren in den USA in die Schweiz zurückkehren. Das hat der «SonntagsBlick» exklusiv – und will auch die ersten Schritte von Meili in der Schweiz exklusiv verwerten. Dazu braucht es ein Versteck – vor den anderen Medien.

Christoph Meili, der gefallene Held

Christoph Meili, der gefallene Held

Christoph Meili, einst gefeierter Held, heute Vorführer von Handwerkmaschinen im Baumarkt. Vor 21 Jahren löste er eine Staatskrise aus. Als Wachmeister rettete Bankakten vor dem Schredder. Es kommt zum Konflikt um «nachrichtenlose Vermögen». Die Banken mussten schliesslich Entschädigungszahlungen von 1.25 Milliarden Dollar leisten. Der Dokumentarfilm «Die Affäre Meili» rollt diesen Konflikt auf. Der Film hatte am 16.8. in Zürich Premiere, in Anwesenheit von Christoph Meili.

«Du musst Meili am Flughafen abfangen und ihn verstecken. Bist du dabei?», fragt Kraushaar. Einen Kaiser fragt man das nicht zweimal. Er macht einige Telefonate, findet bei Bekannten im Solothurnischen ein Zimmer für Meili.

«Fast wie eine Verhaftung»

2. April 2009. Meili landet, mit an Bord sind auch «Blick»-Reporter. Sie haben Meili auf dem Flug informiert, dass ihn Kaiser, ein guter Typ, verstecken werde. Dieser wartet am Ausgang, nimmt Meili, dessen gesamtes Gepäck in einem olivgrünen Rucksack Platz hat, in Empfang. «Hallo Christoph, ich bin der Heinz», habe er zu ihm gesagt. Kaiser schmunzelt. «Die ganze Aktion mutete fast wie eine Verhaftung an.»

Kaiser holt eine Kartonschachtel, kramt darin, holt den ersten Artikel über die Rückkehr von Meili hervor. «Wachmann Meili kehrt zurück». Er hat alles aufgehoben und fein säuberlich beschriftet. Die rund 120 Fotos, die er geschossen hat, sind auf CDs gebrannt.

Kraushaar mahnt am Flughafen zur Eile. Es könnte ja, dummer Zufall, ein anderer Journalist am Flughafen sein und den wohl bekanntesten Wachmann und Whistleblower der Schweiz erkennen.

Schnitzel, Teigwaren, Salat

Kaiser und Meili steigen in ein Taxi, fahren davon. Treffpunkt Hilton. Lagebesprechung. Wieder kramt Kaiser in der Schachtel, zieht einen Kassenbon hervor. Die Quittung vom Hilton. Zu zweit geht es nach Frick. Lange Gespräche. Über Gott, die USA, die Welt. Dazwischen tischt Kaisers Partnerin das Essen auf – Schnitzel, Teigwaren, Salat.

Meili vor dem Hilton.

Meili vor dem Hilton.

Kaiser erzählt, als wäre Meili gestern am Tisch gesessen, an dem nun er und der Journalist sitzen. Gesprächsfetzen aus der Erinnerung. Meili: «Ich brauche ein Handy.» Kaiser: «Hast Du denn überhaupt Geld?» Meili: «Ja.» Kaiser fährt ihn zu seinen Bekannten ins Solothurnische.

4. April 2009. Kaiser holt Meili, wie auch schon am Vortag, ab. Besuch im Swisscom-Partner-Shop in Gipf-Oberfrick. Kaiser gibt Meili, bevor sie den Shop betreten, eine blaue Baseball-Mütze. «Damit ihn niemand erkennt.» Meili kauft sich ein Sony Ericsson, T303, um die 100 Franken. Die Prepaid-Karte löst Kaiser auf seinen Namen für ihn, da Meili noch keinen Wohnsitz hatte und deshalb keine Karte bekommt. Kaiser lacht, wie er den Kaufvertrag hervornimmt. «Ich müsste die Nummer mal ausprobieren. Vielleicht funktioniert sie ja noch.»

5. April 2009. Bei Kaiser zu Hause wird grilliert. Auch das hat Kaiser auf Fotos festgehalten. Sie zeigen Meili mit und ohne Bierdose in der Hand am Holzkohlegrill. Es gibt Pouletflügeli. Er brauche einen Wohnsitz und einen Job, sagt Kaiser zu Meili. Ob er ihm etwas wisse, fragt dieser. Ob er denn im Fricktal bleiben wolle, fragt Kaiser zurück. Ja, das könne er sich vorstellen.

Wieder lacht Kaiser. «Das gehörte nun zwar wirklich nicht zu meinem Auftrag. Aber ich bin eben sehr sozial eingestellt und wollte ihm helfen.»

Job bei einem Grossbauern

Er greift zum Telefon, ruft drei Kontakte an. Die ersten beiden erschrecken, als sie hören, um wen es geht. Das gehe auf keinen Fall, sagten sie. Der dritte, ein Grossbauer aus der Region, meint, er könne einen guten Mann brauchen, und dieser könne auch auf dem Hof wohnen. Der Bauer will wissen, wer so dringend einen Job brauche. «Christoph Meili», antwortet Kaiser. Am anderen Ende der Telefonleitung ist es plötzlich mucksmäuschenstill. «Hallo», sagt Kaiser. «Bist du noch da?» Ja, sagt der Bauer, und nach einigen Sekunden fügt er hinzu: «Komm morgen mit ihm vorbei. Ich will es versuchen.» Kaiser fährt Meili zurück zu seinen Bekannten.

5. April 2009, abends. Das Ehepaar, bei dem Meili wohnt, ruft Kaiser an. Er sei weg, sagen sie, seine wenigen Habseligkeiten lägen am Boden zerstreut herum. Ausweise, Zahnpasta, Zahnbürste, elektrischer Rasierapparat. Wieder kramt Kaiser in der Kartonschachtel, klaubt einen gelben A5-Zettel hervor. 18.55 Uhr, hat er sich darauf notiert. «Meili ruft ein Taxi.»

Meili ist geflüchtet.

Meili ist geflüchtet.

Kaiser ruft ihn auf seinem Handy an. Er nimmt nicht ab. Er ruft wieder und wieder an. Nichts. Am kommenden Tag tritt Meili im Fernsehen auf. Derweil ruft Kaiser den Grossbauern an, erklärt, was vorgefallen ist, entschuldigt sich.

7. April 2009. Meili ruft Kaiser an, sagt, dass er sich im Thurgauischen angemeldet habe. Funkstille. Seither hatte Kaiser nie mehr Kontakt mit Meili.

Kaiser holt den Papiersack, den Meili im Zimmer im Solothurnischen zurückliess. Er stammt aus dem Swisscom-Shop, wirbt für Sony-Ericsson-Produkte. «Golden Talents», heisst es darauf. Kaiser leert den Inhalt aus. Ausweise, Boarding-Karte, handgeschriebene Zettel, Dokumente, rotes Necessaire, Zahnpasta, Zahnbürste, elektrischer Rasierapparat. Alles noch da. «Ich habe alles aufbewahrt», sagt Kaiser, lacht trocken. «Christoph kann die Sachen jederzeit bei mir abholen. Nur bei der Zahnpasta wäre ich vorsichtig.»

Weshalb er die Sachen über all die Jahre aufbewahrt habe, frage ich ihn. «Ich bewahre eben alles auf», sagt er, zeigt auf den Stapel Kartonschachteln in einer Ecke. Jede enthält ein Kapitel Lebensgeschichte. Ein Kapitel Kaiser.

Was er ihm sagen würde, wenn er nun wirklich vorbeikäme, frage ich ihn noch. Kaiser schaut zum Fenster hinaus; die Storen sind halb geschlossen. Sicher ist sicher, schliesslich wurden er und seine Familie schon mehrfach bedroht. «Ich würde ihm sagen», setzt er dann an, «ich würde ihm in den Kopf hineinsagen: ‹Wo warst Du? Weshalb hast Du mich so verarscht? Weisst Du nicht mehr, wie Du zu mir gesagt hast: ‹Im Fricktal gefällt es mir. Hilf mir, einen Job zu finden›?›»

Bitter enttäuscht

Er habe keinen Streit mit ihm, sei auch nicht wütend auf ihn, sagt Kaiser. Nur bitter enttäuscht von ihm. «Ich war sein erster Kontakt in der Schweiz, wollte ihm helfen.» Und dann das. Eine erneute Flucht, «ein trauriger Rückfall in das alte Verhaltensmuster». Er habe ja nicht nur ihn verarscht, sondern auch den Grossbauern, der ihm einen Job hatte, und letztlich auch den «Blick».

27. August 2018, wenige Tage, nachdem SRF 1 den DOK-Film «Die Affäre Meili – ein Whistleblower zwischen Moral und Milliarden» ausgestrahlt hat. Kaiser hat den Film gesehen. Er und seine Geschichte kommen darin nicht vor. Er zuckt mit den Schultern. «Was solls.»

Kaiser verstaut die Unterlagen wieder in der Kartonschachtel. Er ist auch mit 69 noch lange nicht müde. Sein Kampf gegen Neonazis, gegen Gewalt, gegen Drogen gehen weiter. Er hat noch viele Ideen, die er umsetzen will. Und er hat auch noch genügend leere Kartonschachteln.