Das Fricktal behält sein Berufsbildungszentrum in Rheinfelden (BZF). Das hat der Regierungsrat vor einer Woche kommuniziert, als er die Reform der Berufsschullandschaft präsentierte.

Was bleibt nach diesem Entscheid im Fricktal zurück? Ein Wechselbad der Gefühle. Auf der einen Seite spürt man im Gespräch mit Politikern und Gewerbetreibenden die Erleichterung darüber, dass das BZF nicht ganz geschlossen wird. Auf der anderen Seite schwingt aber auch eine grosse Enttäuschung mit, dass das BZF geschrumpft statt gestärkt wird.

Zurück bleiben auch zwei Petitionen, die im Frühjahr 2016 lanciert wurden und sich für den Erhalt des BZF eingesetzt haben.

Bereits damals wollte der Regierungsrat die Berufsschullandschaft neu ordnen und legte dem Grossen Rat ein Reformpaket vor. Ein Szenario darin hätte das Aus für das BZF bedeutet. Die Vorlage erlitt im Grossen Rat Schiffbruch – vor allem aus regionalpolitischen Gründen.

Eine der Petitionen hatte der SP-Politiker Rolf Schmid lanciert. Er sammelte online 1039 Unterschriften für den Erhalt des BZF und überreichte seine Petition im Mai 2016 an Regierungsrat Alex Hürzeler. Schmid ist überzeugt: «Die beiden Petitionen waren ausschlaggebend, dass das BZF heute noch offen ist.» Denn erst durch die Aktivitäten von ihm und Christoph Grenacher, dem zweiten Petitionär, seien die Fricktaler wachgerüttelt worden und hätten sich für das BZF gewehrt.

Das beurteilt Christoph Grenacher selber zurückhaltender. Grenacher, Inhaber einer Kommunikationsagentur und AZKolumnist, übergab Ende März 2016 seine Petition an Bildungsdirektor Alex Hürzeler. Sie wurde von 280 Unternehmern und Gewerbetreibenden sowie 14 Gemeinden unterschrieben. Die Firmen beschäftigen zusammen 6500 Mitarbeitende. Ausser einer Sensibilisierung bei Unternehmen, Gemeinden und Verbänden hätte die Petition wohl kaum etwas gebracht, bilanziert Grenacher heute. «Die Forderung lautete ja: Erhalt und Ausbau des BZF», hält er mit Blick auf den nun beschlossenen Schrumpfungsprozess fest und verweist darauf, dass er bereits 2016, nach der Versenkung der Reformvorlage, von den Grossräten gefordert habe, zusammen mit der BZF-Leitung Wege zum Erhalt und zum Ausbau des BZF zu finden.

Kooperation mit Basel als Chance

Mit der Reform, die nun vorliegt, ist Grenacher ebenso wenig zufrieden wie Schmid. «Die jetzige Reformvorlage ist für das BZF meiner Ansicht nach ein Tod auf Raten und wird vom Regierungsrat ja auch als regionalpolitische Massnahme begründet», sagt Grenacher. Der Abzug aller gewerblichen Angebote und die Reduktion auf KV und «Trabantenstelle» für die Berufsfachschule Gesundheit und Soziales in Brugg «entspricht in keiner Art und Weise den Erfordernissen unserer Region», findet Grenacher. Einer Region, die ja im ganzen Kanton am stärksten wachse. Die Vorlage habe es auch versäumt, sich angesichts des Wandels der Berufsbilder die Frage aller Fragen zu stellen: Welche Berufsbildungsangebote brauchen wir künftig?

Mit dem nun vorliegenden Konzept kann sich auch Schmid nur halb anfreunden. «Es ist leider kein klares Bekenntnis zum BZF», sagt er. Es liege jetzt viel an den Verantwortlichen, neue Strategien und Ideen für den langfristigen Erhalt zu finden. «Das vorliegende Konzept lässt viele Fragen offen.» Aus seiner Sicht hat es die Regierung insbesondere versäumt, «mögliche Chancen wie die interkantonale Zusammenarbeit mit dem Baselland im Bereich der Pharma- und Chemieberufe sowie die veränderte Arbeitswelt durch die Digitalisierung eingehender zu prüfen». Gerade an Standorten wie in Rheinfelden, wo erst kürzlich viel Geld in den Ausbau investiert worden sei und deshalb reichlich freie Raumkapazitäten zur Verfügung stünden, «gäbe es in dieser Hinsicht grosses Potenzial», ist Schmid überzeugt.

Er beurteilt denn auch das neue Standortkonzept «als wenig zukunftsorientiert». Szenarien und Veränderungen fliessen seiner Meinung nach nur am Rande ein und «langfristige Strategien für einen flächendeckenden, niederschwelligen und qualitativ hochwertigen Zugang zur Berufsbildung sind wenig erkennbar». Wie oft in den letzten Jahren stünde das Sparpotenzial im Vordergrund.

Das beurteilt Grenacher ganz ähnlich. «Der Regierungsrat hat unter dem Druck zu sparen kapituliert – leider.» Und dass das Parlament diesen Sparkurs im Bildungsbereich – einem der wenigen Rohstoffe der Schweiz – akzeptiere, «ist eine Schande». Seine Erwartungshaltung an den Regierungsrat erschöpft sich deshalb «im Prinzip Hoffnung: Man darf ja auch gescheiter werden.» Von der BZF-Leitung erwartet Grenacher das, was er schon seinerzeit in der Petition gefordert hat: «Eine zukunftstaugliche Strategie für ein starkes, solides Berufsbildungszentrum.» Die Frage wäre ja nun, nach fast vier Jahren andauernder Diskussion: «Haben Schule und Schulvorstand diese Hausaufgaben gemacht?»

Keine weitere Petition geplant

Für Grenacher braucht es jetzt zudem einen neuen, unabhängigen Anstoss, sich selbstbewusst und eigenständig über die prinzipiellen Fragen der Zukunft einer Region zu unterhalten – und zwar «in einem offenen, transparenten Diskurs, zu dem bisher offenbar Politik wie Regionalplanung nicht fähig sind».

Schmid hofft vor allem, dass nun Ruhe im und um das BZF einkehrt – und dass es keine weitere Petition für den Erhalt braucht. Er weiss aber auch: Zu Veränderungen kann es in der Politik schnell kommen. Ginge es dem BZF dabei an den Kragen, würde er eine neue Petition prüfen.

An den Nutzen einer weiteren Petition in Sachen BZF glaubt Grenacher weniger. «Das Fricktal hat seine Anliegen bei den zuständigen Stellen deponiert.» Das Resultat sei sichtbar «und die Frage darum legitim: Wie ernst werden Bittschriften in der heutigen Politik noch genommen?» Und: «Sind unsere Fricktaler Volksvertreter im Grossen Rat in der Lage, die Interessen der Region zu vertreten und zu wahren?»