Der Schock über den Stellenabbau liegt auch am Tag 2 nach der Ankündigung noch wie ein Nebel über dem Novartis-Standort in Stein. Die Stimmung ist gedrückt. Der Pharmakonzern will in der Schweiz 2150 Stellen streichen, 700 davon im Fricktal. Zwar werden in Stein gleichzeitig bis zu 450 neue Stellen geschaffen, wie Novartis vor drei Wochen angekündigt hat. Doch wie viele der vom Abbau betroffenen Mitarbeiter auf die neue Produktionsanlage umgeschult werden, ist derzeit noch offen.

Als «Frechheit» und «völlig unnötig» wertet Kathrin Ackermann, Zentralsekretärin Industrie bei der Gewerkschaft Syna, den Stellenabbau. Der Konzern habe 2017 einen Reingewinn von 7,4 Milliarden Franken gemacht, was rund einem Prozent des schweizerischen Wirtschaftsvolumens entspreche. «Da dürfen wir verlangen, dass Anpassungen der Rahmenbedingungen ohne Entlassungen vorgenommen werden.»

«Ein Zeichen setzen»

Kämpferische Töne kommen auch von Elisabeth Burgener, Fricktaler SP-Grossrätin und ehemaligen Co-Präsidentin der SP Aargau. Sie sei echt schockiert, schreibt sie auf Facebook. «Die Verlagerung von Hunderten von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer ist – ich kann es nicht anders schreiben – eine Riesensauerei», ärgert sie sich. In der AZ von gestern forderte sie, dass der Widerstand auch sichtbar werde. «Man müsste jetzt auf die Strasse gehen.» Da wäre SP-Grossrat Peter Koller dabei. «Es wäre nun wichtig, ein Zeichen zu setzen», findet er. Wobei beide, Burgener wie Koller, wissen: Zu einer solchen Aktion wird es eher nicht kommen. «Die Protestkultur ist uns abhandengekommen», sagt Burgener.

Kampfmassnahmen schliesst aber auch Ackermann nicht per se aus. Allerdings seien solche im heutigen Moment noch kein Thema. Das komme auch darauf an, was das Konsultationsverfahren bringe und wie der Sozialplan aussehe. «Die nächste Zeit wird zeigen, ob Kampfmassnahmen nötig sein werden.» Wenn eine gute Lösung auf den Tisch kommt, hält sie die Wahrscheinlichkeit, auf die Strasse zu gehen, für «eher klein». Kämen jedoch von Novartis nur leere Versprechungen, «dann können wir diesen Schritt nicht ausschliessen».

Umschulungen anbieten

Die eine Frage ist jene nach der Wahrscheinlichkeit von Kampfmassnahmen. Die andere ist jene nach der Wirkung. «Ob die Bevölkerung Empathie für die Angestellten von Novartis zeigen würde, indem sie auf die Strasse gehen, ist relativ schwierig einzuschätzen», sagt Ackermann. «Wir denken, dass auch hier der Verlauf der Konsultation und der Sozialplanverhandlungen eine grosse Rolle spielt.»

Von Novartis erwartet Ackermann eine «echte und ergebnisoffene» Konsultation. Will heissen: Die Konzernleitung müsse die Vorschläge der Arbeitnehmervertreter aus der Konsultation ernst nehmen, überprüfen und auch versuchen, diese umzusetzen. «Es müssen echte und vollumfängliche Anschlusslösungen angeboten werden», sagt Ackermann. «Die Umschulungen müssen gewinnbringend sein für die Mitarbeitenden, damit sie übergangslos eine neue Anstellung haben.» Kurz: «Keine Alibi-Umschulungen.»

Dass Umschulungen möglich sind, davon ist Ackermann überzeugt. Die Umschulung von pharmazeutischer zu biologischer Produktion sei relativ unkompliziert und «leicht» realisierbar, sagt sie. Novartis strebe diese Umschulungen auch aktiv an. «Andere Umschulungen werden sicherlich mehr Zeit und Geld in Anspruch nehmen. Hier wird sich zeigen, wie sehr Novartis ihre Sozialverantwortung für ihre Mitarbeitenden übernehmen wird oder ob es sich hier um leere Worthülsen handelt.»

Aber selbst wenn Novartis möglichst viele der neuen Stellen in Stein mit bestehenden Mitarbeitern besetzt – die Bilanz bleibt tiefrot. 450 neue Stellen gegen insgesamt 2150 Entlassungen – «diese Milchbüechlirechnung ist sehr einfach», sagt Ackermann, «und fällt zuungunsten der Arbeitnehmenden aus».